Hat Jochen M. bei Trauergesprächen mit Hinterbliebenen Vollholzsärge angeboten? Oder hatten Kunden auf eine möglichst preisgünstige Bestattung bestanden – ohne Rücksicht auf das Material? Auch am dritten Tag der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Heilbronn dreht es sich genau um diese beiden Fragen.

Für das Gericht sind 18 Fälle zwischen 2011 und 2013 relevant. Sie stammen aus 38 Fällen von Feuerbestattungen, die von der Kripo und der Staatsanwaltschaft beim ersten Prozess 2015 vor dem Haller Amtsgericht als Betrugsfälle vorgebracht worden waren. In Hall lautete das Urteil drei Jahre und zwei Monate Haft.

Zwei Umsargungen aufgefallen

Sechsmal waren teure Särge und Truhen aus Pappel, Eiche, Kiefer und Fichte berechnet worden, teils für mehrere Tausend Euro. Es besteht der Verdacht, dass der Angeklagte nach den Trauerfeiern die Verstorbenen ohne Wissen der Angehörigen in billige Särge umgebettet hat. Friedhofsangestellten waren zwei Umsargungen aufgefallen

Bei zwölf anderen Fällen hatte der 62-Jährige auf der Rechnung die Formulierung „Vollholzsarg Kiefer natur“ gewählt. So bezeichnet er vor Gericht Modelle aus gepressten Holzfasern. Im Einkauf haben diese 58,20 Euro gekostet, im Verkauf zum Teil mehr als 700 Euro.

Unternehmerische Freiheit

Wie hoch er den Verkaufspreis setzt, sei unternehmerische Freiheit, betont Richter Frank Haberzettl. „Wenn Vollholz vereinbart ist, dann muss es aber schon gewachsenes Holz sein.“ Offenbar war das manchen Kunden nicht wichtig. Gisela S. gibt gestern an, nach dem Tod ihres Mannes nur das bestellt zu haben, was vom Sozialamt beglichen wird – ohne das zu prüfen. „Nur den Blumenschmuck habe ich bestimmt.“ Sowohl Verteidigung als auch Richter sehen hier keinen Anhaltspunkt für Betrug.

Auch die Aussage von Hans-Peter W. könnte dem Angeklagten helfen. „Was sollen wir denn einen teuren Eichensarg nehmen, wenn der ohnehin verbrannt wird?“ Er habe zwar einen günstigen Sarg gewählt, fühle sich aber hintergangen, weil auf der Rechnung Vollholz stand. Auf die Frage des Richters, ob er mit einem MDF-Modell einverstanden gewesen wäre, antwortet der Zeuge: „Hätte ich gewusst, dass Pressspan noch billiger ist, hätte ich das genommen.“

Der Zeuge belastet den Angeklagten aber auch: Nachdem er 2015 vor dem Amtsgericht ausgesagt habe, sei er zufällig mit Jochen M. zeitgleich aus dem Gebäude gegangen und hätte ihn mit der Frage konfrontiert, wie er als „Bruder im Herrn“ solche unchristlichen Dinge machen konnte. Der Angeklagte habe geantwortet: „Das musste ich tun.“ Er habe schließlich seine Sekretärin, den Wagen, die Miete und sein Leben finanzieren müssen.

Ein ähnlich lautendes Geständnis hatte M. nach Angaben eines Ermittlers auch bei der Polizei abgelegt. Allerdings gibt es keine unterschriebene Vernehmung, sondern nur ein Gedächtnisprotokoll des Kripo-Beamten, das wiederum von der Verteidigung angefochten wird.

Zurück zu den Hinterbliebenen: Es gibt gestern auch zwei, die den Angeklagten direkt belasten. Karin M. hatte für ihre verstorbene Mutter 2013 einen hellen Sarg mit Verzierungen auf dem Deckel, Schnitzereien und Verschraubungen ausgewählt. Berechnet wurde auch ein Vollholzsarg in Kiefer. Als ihr über den Beamer das MDF-Modell gezeigt wird, fällt ihr sofort auf, dass dieser aus einfachen Platten ohne Extras besteht. „Das war nicht der, den ich ausgewählt habe.“

Ähnliches berichtet Renate H., deren Mann 2012 gestorben war. Dieser habe weder Trauerfeier noch Aufbahrung gewollt. „Das einzige Gute, was ich noch für ihn machen konnte, war, einen ordentlichen Sarg zu wählen.“ Der Angeklagte habe ihr zugesichert, „keine Billig-Särge aus Osteuropa zu holen“. Er lasse sie von einem hiesigen Schreiner anfertigen.  Seit fünf Jahren belaste sie der Fall schwer, sagt sie mit zitternden Händen aus. „Ich wollte Holz. Das ist ein Brett aus einem Baumstamm. Verdammt noch mal! Kein Pressholz!“

Auf Angaben verlassen

Der Richter stellt abschließend den Vergleich auf. „Wenn im Supermarkt ein Biokohl 2 Euro kostet, können Sie zwar entgegnen, dass der einfache Kohl mit 2,50 teurer gewesen wäre. Der Kunde wollte aber Bio.“ Man müsse sich auf Angaben verlassen können. Es gehe hierbei um einen sensiblen Bereich. „Wir haben einen Pietät-Schaden.“ Gianpiero Fruci, einer der beiden Verteidiger, entgegnet: „Ich hoffe, dass sich Ihre Rechtsansicht bis zum Ende des Verfahrens ändern wird.“ Das sei möglich, räumt der Richter ein.

Info Die nächste Verhandlung ist am Donnerstag, 8. März, um 9 Uhr.

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