Solist beim Haller Sinfonieorchester „Wir dachten, er ist unmusikalisch“

Jón Vielhaber im heimischen Musikzimmer in Michelbach, in dem er täglich zwei bis drei Stunden damit verbringt, Trompete zu üben.
Jón Vielhaber im heimischen Musikzimmer in Michelbach, in dem er täglich zwei bis drei Stunden damit verbringt, Trompete zu üben. © Foto: Ufuk Arslan
Michelbach/Bilz / Monika Everling 05.09.2018
Der 16-jährige Jón Vielhaber aus Michelbach ist in diesem Jahr Solist bei den Konzerten des Haller Sinfonieorchesters. Für ihn ist klar, dass er Trompete studieren will.

Ja!“ Die Antwort auf die Frage, ob Jón Vielhaber ehrgeizig sei, kommt schnell und bestimmt. Aber die Einschränkung folgt gleich auf dem Fuße: „Das gilt fürs Trompeten, nicht für die Schule. Dort komme ich gut mit, aber ich bin kein Musterschüler. Mir reicht es, wenn ich das Abi bestehe.“ Jón Vielhaber will auf jeden Fall Musik studieren, und dafür reicht eigentlich die Mittlere Reife. Aber das kommt für ihn dann doch nicht in Frage. „Ich weiß, wie leicht etwas dazwischenkommen kann. Falls ich irgendwann zum Beispiel nach einer Verletzung nicht mehr Trompete spielen kann, will ich auf jeden Fall Abitur haben.“

Das offenbart eine realistische Sicht auf die Dinge. Aber Jón hat auch Träume: „Wenn ich später einmal Mitglied der Berliner oder der Wiener Philharmoniker werden könnte, das wäre schon toll.“ Jedenfalls will er Orchestermusiker werden.

Eine halbe Stunde Tonleitern

Wer Musiker werden will, muss von klein auf üben, üben, üben. Doch wie lange am Stück kann man als Trompeter überhaupt die Lippenspannung halten und die zum Blasen erforderliche Kraft aufbringen? „Am Anfang schafft man nur so etwa 20 bis 30 Minuten. Profis üben bis zu fünf Stunden pro Tag“, weiß Jón Vielhaber. „Bei mir sind es zwei bis drei Stunden, das ist ein gesundes Mittelmaß.“ Das gilt für Schultage ebenso wie für die Ferien. „Wir waren jetzt für zwei Wochen in Schweden im Urlaub, das war sehr schön. Aber zum Trompeten bin ich nicht viel gekommen, denn wir haben in Herbergen übernachtet, und da musste ich Rücksicht auf die Mitbewohner nehmen.“

Das Üben beginnt immer mit Technikstudien. „Ich fange mit Anblasübungen an: einen Ton aushalten, langsam eine Tonleiter hoch. Dann kommen Übungen für die Naturtonbildung und die Technik des Atemstoßes. Das nimmt mindestens eine halbe Stunde Zeit in Anspruch, erst dann geht’s ans Stück.“

Wie geht er vor, wenn er ein Werk einstudiert? „Das kommt darauf an, was für ein Stück es ist. Bei Werken aus der Romantik spiele ich längere Strecken am Stück, weil es da auf die Gestaltung der Melodie ankommt. Bei Kompositionen aus unserer Zeit muss ich viel kleinteiliger üben, weil diese Werke besondere technische Anforderungen stellen.“

Derzeit bereitet sich Jón Vielhaber auf die Auftritte mit dem Haller Sinfonieorchester in Hall und Gaildorf vor. Dort spielt er das Trompetenkonzert in Es-Dur von Joseph Haydn. Gleichzeitig übt er an einem modernen Solostück von Giacinto Scelsi, denn „das geht derzeit ins Repertoire der Trompeter ein“. Zudem hat Jón jetzt angefangen, Klavier zu üben. Denn das muss er bei der Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule mindestens ein bisschen können.

Trompete war nicht Jóns erstes Instrument. „Zuerst sollte ich Geige spielen, aber das hat mir gar nicht gelegen. Dann habe ich es vergeblich mit Klavier versucht.“ An dieser Stelle erinnert sich Jóns Vater Björn Vielhaber – er und seine Frau Julia sind Klavierlehrer – mit einem Schmunzeln: „Für uns war dann klar, dass Jón unmusikalisch ist.“ Deshalb wechselte der Junge zum Karate. Doch ein Freund der Familie spielte Trompete, und in die durfte das Kind mal reinblasen. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Deshalb gab es ersten Trompetenunterricht in Murrhardt. Doch schon ein halbes Jahr später wechselte Jón zu Markus Klein in Fellbach, von dem er auch heute noch unterrichtet wird. „Der hat einfach einen wahnsinnig guten Ruf“, begründet Björn Vielhaber, weshalb die Familie die weite Anfahrt schon in Kauf nahm, als Jón noch sechs Jahre alt war.

Inzwischen hat Jón schon viele Preise bei Wettbewerben errungen und ungezählte Konzerte gegeben. „Ich freue mich natürlich sehr, dass ich mit dem Haller Sinfonieorchester musizieren darf. Es ist aber nicht das größte Projekt, das ich bisher hatte. Das war ein Trompetenkonzert von Alexander Arutjunjan mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Moskau vor etwa drei Jahren. Die hatten da ein Projekt mit Jugendlichen, und meine Großmutter, die in Russland lebt, hat arrangiert, dass ich mitmachen durfte.“

Jón besucht die Abschlussklasse am Erasmus-Widmann-Gymnasium in Hall und ist nebenher Jungstudent an der Musikhochschule Karlsruhe. „Meine Schule unterstützt mich da voll.“ Etwa alle drei Wochen geht ein Schultag drauf. „Aber im vergangenen Semester war mein Professor viel unterwegs, und dann gab es an der Hochschule mehrere Meisterkurse für Trompete von anderen Professoren. Da habe ich dann öfter teilgenommen.“

Verwirrt das nicht mehr, als dass es hilft, wenn man von vielen Künstlern mit unterschiedlichen Ansichten unterrichtet wird? „Ich finde es interessant zu sehen, wie die verschiedenen Professoren ticken. Man bekommt viele Impulse zur Gestaltung und Anreize, über die Stücke neu nachzudenken.“

Hobbys kommen nicht zu kurz

Bleibt auch noch Zeit für anderes? „Ja, ich habe vor etwa zwei Monaten mit Tennis angefangen. Eigentlich spiele ich auch sehr gerne Fußball, aber ich komme selten dazu. Zudem treffe ich mich oft mit Freunden – mit Klassenkameraden zu Hause, mit den Freunden aus dem Landesjugendorchester schlendern wir meistens durch Stuttgart. Schwimmen und Reisen mag ich auch. Zudem liebe ich Brett- und Kartenspiele. Die kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn meine Schwester zu Besuch ist, die jetzt in Wien Cello studiert.“

Jetzt steht erst einmal der Start ins letzte Schuljahr an. Und die Proben mit dem Haller Sinfonieorchester, die im September alle Wochenenden einnehmen.

Info Die Konzerte des Haller Sinfonieorchesters sind am Mittwoch, 3. Oktober, um 18 Uhr in der Limpurghalle in Gaildorf, am Samstag, 6. Oktober, um 17 Uhr in der Haller Waldorfschule und am Sonntag, 7. Oktober, um 18 Uhr ebenfalls in der Haller Waldorfschule. Außer dem Haydn-Trompetenkonzert erklingen dort die Ouvertüre zu „Coriolan“ von Beethoven und die 6. Sinfonie von Schubert. Der Eintritt ist frei.

Schüler und Jungstudent an der Musikhochschule

Jón Vielhaber wurde 2001 in Schwäbisch Hall geboren. Im Alter von sechs Jahren erhielt er seinen ersten Trompetenunterricht bei Markus Klein an der Musikschule Fellbach. Bereits mit sieben Jahren sowie nochmals im Jahr 2013 gewann er beim Carl-Schroeder-­Wettbewerb in Sondershausen, was ihm je einen Auftritt mit dem Loh-Orchester einbrachte. 2012 und 2013 trat er beim Festival „Assisi nel Mondo“ auf. 2014 bekam er den ersten Preis beim Petar-Konjović-Wettbewerb in Belgrad, 2015 beim Trompetenwettbewerb in Bad Säckingen. 2014, 2015, 2017 und 2018 erhielt er Höchstpunktzahl im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. 2015 spielte er im Moskauer Konservatorium als Solist mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Moskau. Jón Vielhaber ist Jungstudent an der Musikhochschule Karlsruhe. Er wohnt in Michelbach/Bilz und will im kommenden Frühjahr am Haller Erasmus-Widmann-Gymnasium das Abitur machen.

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