Arbeitnehmer „Werde ich Teil einer Maschine?“

Pflegebetriebe, die tarifgebunden sind, bezahlen ihren Mitarbeitern mehr. Sie können offene Stellen besetzen und die Versorgung sichern, sagt Verdi.
Pflegebetriebe, die tarifgebunden sind, bezahlen ihren Mitarbeitern mehr. Sie können offene Stellen besetzen und die Versorgung sichern, sagt Verdi. © Foto: ht
Heilbronn / Jürgen Stegmaier 01.09.2018

Geschäftsführerin Mari­anne Kugler-Wendt geht davon aus, dass Verdi gerade in Zeiten wirtschaftlicher Stärke und großer Fortschritte in der Digitalisierung für die Beschäftigten von erheblicher Bedeutung ist. Sie rechnet damit, dass viele einfache Arbeitsplätze der Digitalisierung zum Opfer fallen werden. Außerdem sieht die Geschäftsführerin die Gefahr, dass elektronisch gesteuerte Arbeitsprozesse erheblichen Einfluss haben werden auf die Arbeitszeiten.

Keine Entgrenzung mehr

„Wie ändert sich die Arbeit? Werde ich Teil einer Maschine?“, fragt die Gewerkschafterin. Marianne Kugler-Wendt befürchtet, dass die Elektronik Abläufe und Tempo vorgibt, sodass viele Menschen den sozialen Bezug zur Arbeit verlieren würden. „Was passiert mit unseren Familien und unserer Freizeit, wenn wir immer und überall auf unseren Arbeitsplatz zugreifen können?“, fragt Marianne Kugler-Wendt und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Es findet eine Entgrenzung der Arbeit statt.“ Unternehmen sollten nicht alles ausreizen können, was technisch möglich ist. „Verdi arbeitet aktiv daran, dass es so weit nicht kommt“, macht die Gewerkschafterin bei einer Pressekonferenz im Heilbronner Haus der Wirtschaft deutlich.

Tarifbindung liegt bei 57 Prozent

Der zweite Schwerpunkt, den der Verdi-Bezirk Heilbronn-Neckar-Franken in diesem Sommer betont, ist die Tarifbindung. Der Anteil der Unternehmen, die dem Arbeitgeberverband angehören, gehe weiter zurück. „Die Tarifbindung hat ab dem 19. Jahrhundert für sozialen Frieden gesorgt. Es ist von großer Bedeutung, dass an der wirtschaftlichen Entwicklung alle teilhaben“, macht die Geschäftsführerin deutlich.

Hinsichtlich der Tarifbindung von Unternehmen in Deutschland stellt die SPD-nahe Hans-Böckler-Stiftung Daten zur Verfügung: Im Westen Deutschlands lag die Tarifbindung aller Unternehmen im Jahr 2000 bei rund 70 Prozent, 2011 bis 2016 weist die entsprechende Grafik Werte um 65 Prozent aus und im zurückliegenden Jahr waren noch 57 von 100 Unternehmen in Deutschland an die Tarife gebunden.

Wichtig ist der Führung des Verdi-Bezirks, dass künftig soziale und ökologische Gesichtspunkte bei der Vergabe von Aufträgen durch Kommunen und Landkreise berücksichtigt werden. „Tarifgebundene Arbeitsplätze, unbefristete Arbeitsverträge und vor allem Arbeitsbedingungen, bei denen die Arbeitssicherheit an erster Stelle steht, findet man in der Entsorgungsbranche nur noch bei den großen Unternehmen. Bei Ausschreibungen kommen diese Unternehmen im direkten Preisvergleich nicht mehr zum Zug, deshalb müssen die Ausschreibungen auch Sozialstandards wie tarifgebundene Bezahlung beinhalten“, fordert Torsten Reinhart. Er ist Vorsitzender des Verdi-Bezirks Heilbronn-Neckar-Franken. Das Tariftreuegesetz, so Torsten Reinhart, reiche nicht aus, auch, weil beispielsweise Subunternehmer in aller Regel nicht kontrolliert würden.

Ein weiteres Ziel von Verdi sei es, künftig mehr Unternehmen der Kirche in die Tarifbindung zu holen. Davon würden zum Beispiel Pflegeeinrichtungen profitieren. „Die wenigen tarifgebundenen Träger können ihre Stellen besetzen und die gute Versorgung sichern. Mancher Träger von Einrichtungen, die von privaten profitorientierten Unternehmen geführt werden, haben große Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen“, machte die Verdi-Geschäftsführerin den Unterschied deutlich.

Eine Tarifbindung aller Träger und eine der Belastung und Verantwortung angemessene Bezahlung sei dringend notwendig.

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Landkreise umfasst der Verdi-Bezirk Heilbronn-Neckar-Franken: Heilbronn, Schwäbisch Hall, Hohenlohe, Neckar-Odenwald und Main-Tauber, darüber hinaus den Stadtkreis Heilbronn. Im Verdi-Bezirk sind 20 000 Mitglieder organisiert, die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter beläuft sich auf rund 1000.

Zwei neue Gewerkschaftssekretäre

Mit Caroline Kirchhoff und Stephan Weis-Will stellt der Verdi-Bezirk zwei neue Gewerkschaftssekretäre für den Bereich Handel vor. „Die Verdi-Mitglieder im Handel, die aktiven Betriebsräte und die immer noch neu zu gründenden Betriebsratsgremien bekommen mit Caroline Kirchhoff und Stephan Weis-Will eine gute gewerkschaftliche Unterstützung“, ist sich Marianne Kugler-Wendt sicher.

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