Artisten Mitmach-Wanderzirkus mit Basis in Vellberg

Heike Johannsen im Zirkusraum in der Scheune ihres Bauernhofes in Lorenzenzimmern. Von dort aus starten die Künstler und Sozialpädagogen in ihren bunten Lastwagen zu ihren Zirkusprojekten.
Heike Johannsen im Zirkusraum in der Scheune ihres Bauernhofes in Lorenzenzimmern. Von dort aus starten die Künstler und Sozialpädagogen in ihren bunten Lastwagen zu ihren Zirkusprojekten. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Vellberg / Sonja Alexa Schmitz 10.08.2018
In Vellberg-Lorenzenzimmern hat ein Zirkus aufgeschlagen. Aber nicht im klassischen Stil. Der Zirkus Zanzibar startet von dort aus zu seinen Mitmachprojekten.

Die erste Aufgabe, die Kindern, die beim Zirkusprojekt mitmachen, gestellt wird, lautet: „Überleg dir, wer du sein willst?“ Ein Jongleur? Einradfahrer? Trapezkünstler? Clown? Oft kommt dann nach einigen Versuchen in der gewünschten Zirkusdisziplin: „Das kann ich nicht!“ Das zählt nicht für Heike Johannsen und das Team. Was zählt ist, wer man sein will. Und wenn man etwas will, dann klappt das auch.

Eine Woche haben die Kinder Zeit, Fortschritte zu machen – oder auch nicht. Spaß soll es machen, es geht nicht um Leistung bei Zanzibar. In Bayern beispielsweise haben sie beobachtet, dass es ganz lange dauert, bis die Kinder aufhören, nach einer Bewertung zu fragen, wenn sie einen Handstand gemacht haben. Auch mit ukrainischen Kindern, alles Ballettprofis, war es schwer, sie zum Loslassen zu bringen – nicht die exakte Ausführung, sondern die Freude zum Ziel zu machen.

„Cirque Nouveau“ nennt sich die Art, wie die Zirkuskünstler, die vor drei Jahren in Lorenzenzimmern angekommen sind, arbeiten. Dabei verbindet sich Zirkus mit Theater. Die Kinder dürfen sich eine Geschichte überlegen und die spielen sie dann nach. Da werden dann die Einradfahrer zur Feuerwehr, die einen Brand löschen ­– bei der Story „Donald Trump drückt den roten Knopf“ – übrigens ausgedacht von Kindern.

Kostüme sind selbst genäht

Mit vielen Kostümen und Utensilien rücken die Künstler an. Das meiste davon ist selbst genäht und selbst gebaut. Auf Flohmärkten erstanden, verändert, auf Manege getrimmt. Der Zirkus hat kein großes klassisches Zelt, sondern ein halb offenes in Indoor-Bauweise. Blaue Stoffwände, rot-blau gestreiftes Kuppeldach, selbst angefertigt. Schon bei ihrer Ankunft sorgen die Zirkusleute für Aufmerksamkeit. Sie fahren (und wohnen) in einem alten Mercedes-Rundhauber, der mehr als 40 Jahre auf dem Buckel hat. Dazu kommen, je nach Größe des Projektes, weitere alte Lkw. Alle bunt – Autos und irgendwie auch die Menschen.

Vor drei Jahren sind sie sesshaft geworden. Heike Johannsen kommt aus der Nähe von Lörrach. Ihre Schwester betreibt dort quasi die „zweite Filiale“ von Zirkus Zanzibar, allerdings legt sie den Schwerpunkt auf Erlebnispädagogik. Auch Heike Johannsen ist Sozialpädagogin, wie fast alle der zehn Zirkusvereinsmitglieder, plus Zusatz Kulturpädagogin. Mit einem Praktikum in einem Zirkus fing es an. Dann Rumfahren im Zirkuswagen, vom Trecker gezogen, einmal sogar mit einer echten, wiehernden Pferdestärke als Gespann. Ankommen, auspacken, Theaterzirkus spielen. Im Team sind zwei echte hauptberufliche Artisten und ein Kunstturner. Immer wieder machen die Aktiven Fortbildungen. Heike Johannsen lernt gerade Vertikalseil.

Ganz selten arbeiten sie auch mit Erwachsenen, meist aber sind sie an Schulen, auf Klassenfahrten, Ferienprogrammen oder Zirkuscamps. Auch Menschen mit Behinderung konnten schon teilnehmen und ein Herzensprojekt sind der 39-Jährigen Gelegenheiten für geflüchtete Kinder, um mit denen aus dem Ort gemeinsam Zirkus zu machen. Das gab es, ist aber leider finanziell oft nicht machbar.

Leben in der Gemeinschaft

In „Lozi“, wie sie ihre Wahlheimat nennen, leben sie in einer Gemeinschaft von neun Erwachsenen und zwei Kindern. Zehn Wochen im Jahr sind die Zirkus­pädagogen mit ihren Lkw in ganz Baden-Württemberg und bis maximal Kassel (Hessen) unterwegs. Die restliche Zeit nutzen sie für die vielen Baustellen auf dem gemeinsam gekauften Bauernhof. Zum Beispiel haben sie in der Scheune einen Zirkusraum eingerichtet, in dem schon ein paar Mal Kindergeburtstage gefeiert wurden. Sie haben einen Acker gemeinsam mit örtlichen Biobauern bestellt und kürzlich einen Außen­küchenraum auf der Wiese hinter der Scheune gebaut.

Im Winter in den Süden

Es sind Paradiesvögel, die in Lorenzenzimmern gut gelandet sind. Im Winter fliegen sie nach Spanien und Portugal aus und jonglieren, „einradeln“, „trapezieren“ und zaubern dort weiter.

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