Ein Mann hält einen Mitgefangenen auf einem Stuhl fest, während ein anderer versucht, mit seinem Penis ins Gesicht des Sitzenden zu schlagen. Die beiden lassen kurz von ihrem Opfer ab, fangen dann das gleiche „Spielchen“ nochmals an. Beim zweiten Anlauf hat der Penis das Gesicht wahrscheinlich berührt. Schluss ist erst, als ein Vollzugsbediensteter dazukommt, der „Tumult-Geräusche“ gehört hat, „vielleicht war auch ein Aufschrei dabei“.

So wird der Vorgang, der sich Anfang April während des abendlichen Freigangs in der Haller Justizvollzugsanstalt (JVA) ereignet hat, in der Anklageschrift und in Zeugenaussagen beschrieben. Mehrere Mitgefangene waren anwesend. Mindestens zwei von ihnen ging der „Spaß“ zu weit, sie schritten aber nicht ein.

Angeklagt sind der zur Tatzeit 20-jährige H. und der 23-jährige M. Der jüngste der beteiligten Gefangenen ist offenbar der Dominanteste: H.s Antrieb sei „Übermut, Langeweile und Selbstbehauptungsdrang“ gewesen, sagt sein Anwalt. M. und H. haben vorher Spice geraucht, sie sind aufgedreht, „die haben so blöd rumgelacht“ zitiert M.s Anwältin eine Zeugenaussage. Er habe den Vorgang als Spaß empfunden, sagt M. Erst später sei ihm klar geworden, wie entwürdigend die Szene für das Opfer C. war.

„C. hat viel mit sich machen lassen, auch von anderen. Der ist ein Opfer-Typ, das liegt einfach in seinem Charakter“, sagt der Vollzugsbeamte, der vor dem Haller Amtsgericht als Zeuge aussagt. Er bestätigt, dass die Angeklagten gelacht haben, „es hat ausgesehen, als hätten sie Blödsinn gemacht“.

Der Richter Dr. Bodo Mezger und die Schöffen Helga Müller und Bernhard Rutkies müssen klären, ob es „nur“ Imponiergehabe war oder ob H. versucht hat, C. zum Oralverkehr zu zwingen. Der Beamte konnte nicht sehen, ob H.s Glied eregiert war. Beide Angeklagte versichern mehrfach, dass die Tat für sie keine sexuelle Komponente hatte.

Und beide beteuern, es tue ihnen leid. Sie gestehen nach einer kurzen Diskussion mit ihren Anwälten auch ein, dass sie C. zweimal in kurzem Zeitabstand angegangen sind, also für zwei Taten verurteilt werden können. Mit diesem Geständnis ersparen sie C. und mehreren Zeugen die Aussage vor Gericht. Für C. sei das sehr wichtig, wird mehrfach betont, weil er sonst im Gefängnis als „Verräter“ gelten würde und weitere Drangsalierungen befürchten müsse. C. wird nur kurz in den Verhandlungssaal geführt, damit er die Entschuldigung der Angeklagten entgegennehmen kann. M. reicht er sogar die Hand.

Staatsanwalt Harald Freyer fasst in seinem Plädoyer alle Aspekte kompakt zusammen, die die Tatumstände und den Strafrahmen betreffen. Dafür erhält er von beiden Verteidigern großes Lob.

Obwohl M. eine geringere Schuld trifft als H., ist für ihn die Verurteilung folgenreicher: Er wäre ohne die erneute Tat jetzt schon in Freiheit. Er hatte die Zusicherung für einen Schulplatz. In der JVA ist er als Vorarbeiter tätig und erhält ein sehr gutes Arbeitszeugnis.

Trotzdem setzt das Gericht die sieben Monate Haft nicht zur Bewährung aus. „Da haben wir lange mit uns gerungen“, sagt Mezger in der Urteilsbegründung. „Einerseits machen Sie eine positive Entwicklung, aber andererseits war uns dieses Pflänzchen zu zart.“ Denn M. hat sich in der Haft Therapieangeboten verweigert, und das Gericht glaubt ihm nicht, dass er in Freiheit die Finger von den Drogen lassen würde.

H. hat viele Vorstrafen, unter anderem für „Diebstahl mit Waffen“ und „räuberische Erpressung“. Schon als Grundschüler war er aggressiv. Er wird mit Hand- und Fußfesseln ins Gericht geführt. Ihm attestiert das Gericht „eine deutliche Entwicklungsverzögerung“, sodass Jugendstrafrecht angewendet wird. Seine Haftzeit wird von drei Jahre und neun Monate auf vier Jahre und fünf Monate verlängert.