Es ist kalt draußen, die Temperaturen vor der Comburg liegen am Sonntag gegen 10.30 Uhr knapp über null Grad. Draußen haben sich etwa 100 Gläubige mit Palmbüscheln in den Händen versammelt. Sie warten auf den ehemaligen Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, der zusammen mit Dekan und Pfarrer Thomas Hertlein die Eucharistie feiern will. Der hohe kirchliche Würdenträger kommt pünktlich und segnet die Zweige. In einer kurzen Prozession zum kocherseitigen Eingang der Stiftskirche St. Nikolaus ziehen die Gläubigen in das Gotteshaus. Drinnen ist es kühl, die tiefen Temperaturen der vergangenen Tage stecken im Mauerwerk.

Predigt mit fester Stimme

Erwärmend wirkt die schöne Stimme von Asuka Santurri, die gesangliche Akzente setzt. Mit fester Stimme und in gewohnt flotter Rede predigt Erzbischof Zollitsch. „Es liegt eine besondere Spannung über dem Palmsonntag. Jesus wird beim Einzug in Jerusalem begeistert als Messias und König von Israel empfangen. Doch in kurzer Zeit schlägt die Begeisterung in Hass um“, führt Zollitsch aus. Zur Karwoche gehöre auch der Karfreitag mit der Kreuzigung Jesu. „So nah liegen Begeisterung, Freude und Hass beieinander“, so Zollitsch.

Das stelle einen jeden von uns vor die Frage, wo wir selber stehen und ob wir mit Jesus gehen wollten. „Fliehen wir aus Angst oder Enttäuschung, verspotten und schmähen ihn – oder sind wir bei den weinenden Frauen zu finden, die ihn auf seinem letzten Weg begleiten? Sind wir Simon von Cyrene und helfen Jesus, das Kreuz ein Stück des Weges zu tragen?“, fragt Zollitsch. Der Tod an Karfreitag zeige, wie groß die Liebe Gottes zu den Menschen sei. Am Ende der Woche komme Ostern, die Botschaft von der Auferstehung, die allen Menschen Hoffnung und Leben schenke. „Nicht das Kreuz ist das Letzte, sondern die Auferstehung. Wir haben eine Perspektive. Jesus ist der Weg zum wirklichen Leben“, schließt Zollitsch die kurze Predigt. Bei der Ausgabe der Kommunion streicht der Würdenträger einem kleinen Kind, das ein Vater auf dem Arm trägt, mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn.

Nach dem Gottesdienst kommt Zollitsch draußen noch kurz zu den Gläubigen. Die Comburg sehe er zum ersten Mal. „Die bewundere ich, sie ist faszinierend. Ein festlicher Bau mit klassischen Formen“, so sein Urteil. Tags zuvor hat er sich von der evangelischen Dekanin Anne-Kathrin Kruse schon St. Michael zeigen lassen. Auch in Crailsheim war er. „Der Erzbischof ist ein Brückenbauer“, meint Radmila Stoltmann. Sie hat gute Kontakte zu Zollitsch und in die autonome serbische Republik Vojvodina. Dort hat auch der gebürtige Donauschwabe Robert Zollitsch seine Wurzeln.

An Papst Franziskus’ Seite

Auf aktuelle kirchenpolitische Fragen wie zu den jüngsten Aussagen des emeritierten Papstes Benedikt zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche mag sich Zollitsch außerhalb seiner Diözese nicht äußern. Er stellt aber unmissverständlich klar, dass er an der Seite von Papst Franziskus steht.

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Robert Zollitsch (80) wurde am 9. August 1938 in Philippsdorf im ehemaligen Jugoslawien geboren. In Mannheim ist er aufgewachsen. Von 2003 bis 2013 war er Erzbischof von Freiburg. Zollitsch war von Februar 2008 bis März 2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. In Hall war er vor zwei Jahren schon einmal, und zwar im Haus der Bildung. Vor vollem Haus sprach er zum Thema: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein – Werte von denen wir leben“. Dies war ein privater Besuch.

Der sogenannte Palmsonntag ist der letzte Sonntag vor Ostern. Mit ihm beginnt die Karwoche, auch Stille Woche genannt. An diesem Sonntag wird dem Einzug Jesu mit seinen Jüngern vor dem jüdischen Paschafest in Jerusalem gedacht, wo ihm die Menschen zujubelten. Es ist gleichzeitig auch der Beginn seines Leidensweges und seines Todes. kor