Schwäbisch Hall „ÜberHall“ spielt im Haller Alten Schlachthaus

Schwäbisch Hall / Andreas Dehne 04.07.2018
Die Amateurgruppe „ÜberHall“ spielt im Haller Alten Schlachthaus „Die Insel“. Das selbst entwickelte beklemmende Stück handelt vom fremd sein und einander fremd werden.

Plötzlich liegt es da. Das Fremde. Nackt. Am Strand. Charlotte (Cornelie Pflüger) hat Geburtstag. Sie lässt musikalisch „rote Rosen regnen“ und nimmt die Glückwünsche ihrer Gäste entgegen. „Weiter so.“ Man ist unter sich. „Auf der Insel ist die Welt noch in Ordnung.“ Sollte man meinen. „Schön, dass ihr alle da seid.“

Aus den zehn palettenhaft anmutenden Elementen (Bühnenbild: Albrecht Andres), der einzigen Dekoration des Stückes, wird in Anlehnung an die Szene des letzten Abendmahles der Geburtstag inszeniert. Unter der Regie von Helga Kröplin wird die vermeintliche Geburtstagsidylle jedoch jäh gestört. Die Frau des Fischers, Elfriede (Evi Mattes), entdeckt zwischen dem Fang ihres Mannes einen Menschen. „Der Ernst hat ihn aus dem Wasser gezogen.“ Der ungewöhnliche Fund lässt die Idylle schwer ins Wanken geraten. „Das Fremde“ bleibt für die Zuschauer immer unsichtbar. Aber die Herzen der Protagonisten öffnen sich. Einzeln stellen sie sich und ihre Lebensgeschichte vor.

Hans Becker (Albrecht Andres), der Bäcker, hätte aus purer Mitmenschlichkeit gerne einen günstigen Gehilfen für seine Backstube. Doris (Beate Duvenhorst) ist auf der Insel geboren. „Ich bin geflüchtet. Weg von der Insel.“ Aber jetzt ist sie wieder hier. „Man nennt mich Joe“, erklärt Johann Gross. „Ich lebe schon immer hier.“ Seine Töchter leben bei der Oma. „13 und 15. Sehen aus wie erwachsene Weiber und haben den Verstand von Kindern. Ich kenne mich aus mit Frauen.“ Auch die Kirche ist vertreten. „Ich bin Vikar Thomas Grossholz (Martin Ningelgen). Erst seit zwei Jahren auf der Insel. Es ist schwer, hier die Seelen beieinanderzuhalten.“

Die neun Freunde misstrauen sich. „Alles gerät durcheinander.“ Die Idylle wird zerstört. „Der Fremde bringt Unheil auf die ganze Insel.“ Die einen füttern den im Ziegenstall eingesperrten. Andere geben ihm Kleidung. „Wenn man dich rauslässt, gehst du auf unsere Frauen und Töchter los – stimmt’s?“ Die nächsten wollen ihn wieder im Meer entsorgen. „Was meinst du, wie das Fremde schreit und zappelt, wenn es merkt, es geht wieder zurück ins Meer.“ Aus den zehn Paletten werden in mehreren Bildern der Strand, der Ziegenkäfig, in den „das Fremde“ eingeschlossen ist. In der Dunkelheit vergeht die Zeit, alles verändert sich, und am Ende ist nichts mehr so, wie es scheinbar einmal war. „Das Fremde“ ist plötzlich verschwunden, und keiner weiß, wie es geschah. Oder will es wirklich wissen.

Zehn Holzpaletten

In Anlehnung an das Bilderbuch „Die Insel“ von Armin Greder hat das Ensemble der Theatergruppe „ÜberHall“ ein erstes eigenes Stück erarbeitet und mit viel Fingerspitzengefühl und auch gestalterischem Geschick beim Bühnenbild sehr gekonnt inszeniert. Zehn holzpalettenartige Elemente können, richtig arrangiert, wahrhaft ganze Geschichten erzählen. Ohne Worte.

Den neun fabelhaften Protagonisten des Abends gelingt es hervorragend, die unterschiedlichsten Strömungen einer eigentlich schon längst zerrütteten Gesellschaft widerzuspiegeln. Sie bringen es berührend schön und sehr authentisch auf die Bühne. Eine verzweifelt wirkende Liebesszene, einer da Vinci zugeordneten Geburtstagsfeier und ein zu pathetisch wirkendes Gespräch mit dem Pfarrer sind nur einige der Höhepunkte des etwa 60-minütigen Stückes. Vor ausverkauftem Haus geben sie einen tiefen Einblick in die Problematik des Fremdseins. Vor sich selbst und vor anderen.

„Jetzt kann alles wieder so werden wie früher.“ Charlotte scheint zu ahnen, dass ihr Optimismus nur noch eine verzweifelte und vergebliche Hoffnung ist. „Es wird doch alles wieder wie früher – oder?“

Zahl

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