Haller Freilichtspiele „Saturday Night Fever“ begeistert Zuschauer

Schwäbisch Hall / Maya Peters 02.07.2018
Bei der Premiere des Musicals „Saturday Night Fever“ unter Regie von Chrisopher Tölle auf der Großen Treppe überzeugen Orchester und Ensemble.

Fast möchte man mittanzen. Oder wenigstens mitsummen dürfen. Denn die Nummer-eins-Hits der Bee Gees mit „Stayin’ Alive“, „How Deep Is Your Love“ oder dem Titelsong „Night Fever“, hervorragend gespielt vom Freilichtspielorchester unter Heiko Lippmann, sind mitreißend und allseits bekannt. Und doch ist das Musical „Saturday Night Fever“ von Robert Stigwood und Bill Oakes in der Version von Ryan McBryde auf der Großen Treppe noch viel mehr als seine legendäre Musik. Es erzählt eine dramatische Geschichte rund um unerwiderte Liebe, Stress im Elternhaus, Streit mit anderen Jugendbanden, Hadern mit dem Rollenbild und dem Job.

Tony Manero (Roy Goldman) blüht erst an den Samstagen so richtig auf. Dann wird er zum „King of Dancefloor“ in der Disco, eingangs im roten Hemd wie einst John Travolta im gleichnamigen Film von 1977. Der erst 22-jährige Niederländer Goldman spielt sehr überzeugend, ist schüchtern, cool und zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. „Ich bin ein fucking Nichts“, vertraut er sich seinem Bruder an.

Den Tanzwettbewerb gewinnen

Die brünette Annette (Dorothea Maria Müller) liebt ihn und träumt vom Heiraten. Doch er behandelt sie rüde und hat nur Augen für die scheinbar weltgewandte, in Manhattan arbeitende, blonde Stephanie Mangano (Maja Sikora) im rosa Kleid. „Die kann tanzen“, ist das größte Kompliment, das ihr Tony macht. Mit ihr will er den Tanzwettbewerb in der Disco gewinnen und hätte gern eine Beziehung. Annette singt sich ihren Liebeskummer mit einem eindringlichen „If I Can‘t Have You“ von der Seele – und schon wummern wieder die Beats der Disco. Sie lösen eine Illusion des scheinbar perfekten Lebens aus, die sich über die mannigfaltigen Nöte des Lebens legt.

„Hier drinnen wird getanzt, nicht geprügelt“, schlichtet Tony einen Konflikt. Es ist eine Welt der Gegensätze und doch typisch für das Lebensgefühl der Jugend, die Regisseur und Choreograf Christopher Tölle damit zeigt. Engagiert hat er dafür ein internationales Ensemble, das parallel auf den neun „Bühnen“ und der Treppe kleine Geschichten von Freundschaft, Rivalität und Narzissmus erzählt und tanzt – ohne sängerisch jemals außer Atem zu geraten.

Mit „Stayin’ Alive“ startet die Show im Club. In den glitzernden Discokugeln spiegeln sich die Silhouette Halls und anfangs noch die letzten Sonnenstrahlen. Eindeutige Mode der 1970er-Jahre ist nicht zu sehen (Bühne und Kostüm: Walter Schütze). Es glitzert kaum. Eher sind Jeans, T-Shirt und Chucks gefragt, bei den Frauen auch mal Hosen mit hohem Bund oder ein Kleid. Dadurch sind die Darsteller im Hier und Jetzt verortet. Damit löst sich die Aufführung vor der mittelalterlichen Kirche auch von ihren Vorbildern. Doch beim großen „Dance Contest“ funkeln dann endlich die Lidschatten und Kleider und Tony schlüpft in sein silbernes Jackett. Überzeugend wird die heiße Discowelt anmoderiert durch den singenden DJ Monty (David-Michael Johnson). „Das ist die Nacht der Nächte“, animiert er bei bebenden Rhythmen. So manches Mal gerät man beim Zuschauen ins Staunen. Ohne zu stolpern wird die Große Treppe zum Tanzboden, in hochhackigen Schuhen werden teils artistische Einlagen geboten, hoch das Bein, die Frau geschwungen und das alles trotz des stufigen Untergrunds singend.

Die Versuche von Bobby C (Michael Heller), Gehör und Ratschläge von Tony und seinen Freunden Joey (Nico Went), Double J (Perry Beenen) oder Cesar (Jev Davis) zu bekommen, scheitern. Denn Bier, Speed und Wodka zum „Hirnwegballern“ und das Auto zum Abschleppen der Frauen sind eher im Mittelpunkt ihres Denkens. „Kein Gespritze auf die Sitze“, wird so von den Männern beim „Aufwärmen“ vorm Ausgehen intoniert.

Es scheint ein lockeres Zusammensein, männlich dominiert. Dabei schwingt immer die sich anbahnende Tragödie mit. Auch der Griff in den Schritt und die sexualisierte Fäkalsprache gehören dazu. „Nettes Mädchen“ oder „Schlampe“ sind die Schubladen, in die die Frauen gesteckt werden. Der sympathische Bobby C verzweifelt, keiner hört ihm zu. Mit dem Song „Tragedy“ springt er in den Tod. „Du kriegst alles auf die Reihe, ich versage“, meint er vorher noch zu Tony.

St. Michael im kitschigen rosa Licht

Die Einblicke in die Arbeitswelt bei Mr. Fusco (Udo Eickelmann) zeigen, dass Tony für den Moment lebt. „Ich scheiß auf die Zukunft!“, glaubt er und meint: „Samstag ist meine Zukunft“. Ähnlich das Zwiegespräch mit Stephanie, die „etwas erreichen will im Leben“, während er tanzen möchte. Das erste Duett „How Deep Is Your Love“ mit ihr wird immer wieder unterbrochen. Derweil ist St. Michael in kitschiges rosa Licht getaucht.

„Eine arrogante Kuh“, urteilen seine Freunde über Stephanie. Zugleich sind die Konflikte im Elternhaus Morano präsent. Dem arbeitslosen Vater (Rob Pitcher) wirft Tony im Streit vor, dass er ihm nie gut genug sei. Seine Mutter Flo (Anja Gutgesell) „benutze Gott als Callcenter“, so sein Vorwurf. Sein Bruder Frank (Udo Eickelmann) wird als Priester heroisiert. „Egal was ich mache, du findest es scheiße“, ist Tonys Resümee im Gespräch mit dem Vater. Später steht ihm seine Mutter jedoch bei und singt die berühmten auffordernden Verse: „What you doin’ on your back? You should be dancing, yeah.“

„Alles Arschlöcher, mit denen ich hier rumhänge“, lamentiert Tony nach dem gewonnenen Wettbewerb und gibt den Gewinn an das bessere Latinopaar weiter, welchem er vorgezogen wurde. Dem folgt die Einsicht „Ich bin ein Arschloch“ und die Versöhnung mit Stephanie nach aufgezwungenem Sex. Danach klappt auch das Duett, wenngleich nicht nebeneinander, so doch gegenüber, als Freunde.

Es ist eine kurzweilige Geschichte, deren Handlung durch die englischen Liedtexte noch unterstrichen wird. Und auch nach 40 Jahren zeigt sich: Das Stück ist aktuell wie eh und je. Standing Ovations belohnen den Augen- und Ohrenschmaus des zur Premiere ausverkauften Musicals „Saturday Night Fever“. Die Discolaune hat sich längst auf das Publikum übertragen. Bei „Night Fever“ wird klatschend mitintoniert, tanzend zieht das Ensemble durch den Torbogen ab.

Info Weitere Vorstellungen sind Mittwoch bis Sonntag, 4. bis 8. Juli, 11. bis 15. Juli und 18. bis 22. Juli jeweils um 20.30 Uhr auf der Großen Treppe.

Mitwirkende

Ensemble: Tony Manero: Roy Goldman, Stephanie Mangano: Maja Sikora, Annette: Dorothea Maria Müller, Bobby C: Michael Heller, Joey: Nico Went, Double J: Perry Beenen, Monty: David-Michael Johnson, Frank Manero jr. / Mr. Fusco: Udo Eickelmann, Flo Manero: Anja Gutgesell, Frank Manero sr.: Rob Pitcher, Maria: Dominique Brooks-Daw, Cesar: Jev Davis, Connie: Svenja Baumgärtner, Ensemble: Meri Ahmaniemi, Jasmin Eberl, Olivia Kate Ward und Nigel Watson. Tanzstatisterie: Katharina Deeg, Bianca Dörr, Janet Friedsam, Jasmin Heinzereder, Hanna Kurz, Sandra Mitsch, Ronja Pröllochs und Annika Stowasser.

Musikalische Gesamtleitung: Heiko Lippmann, Regie und Choreografie: Christopher Tölle, Bühne und Kostüme: Walter Schütze, Co-Choreograf: Nigel Watson, Dramaturgie: Diane Ackermann, Sounddesign: Hendrik Maaßen, Lichtdesign: Uwe Grünewald, Korrepetition: Stephan Kraus, Regie-Assistenz & Inspizienz: Vasilios Manis, Ausstattungs-Assistenz: Ina Conrad.

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