Schwäbisch Hall „Parolen ersetzen keine Politik“

Annette Schavan wird vom Vorstandsvorsitzenden der  Bausparkasse, Reinhard Klein, in den Vortragssaal geleitet. In der Bildmitte läuft Walter Döring, der bei der Vermittlung des Besuchstermins seine Beziehungen hat spielen lassen.
Annette Schavan wird vom Vorstandsvorsitzenden der  Bausparkasse, Reinhard Klein, in den Vortragssaal geleitet. In der Bildmitte läuft Walter Döring, der bei der Vermittlung des Besuchstermins seine Beziehungen hat spielen lassen. © Foto: Annette Schavan wird von Bausparkassen-Vorstandsvorsitzendem Reinhard Klein in den Vortragssaal geleitet. In der Bildmitte läuft Walter Döring, der bei der Vermittlung des Besuchstermins seine Beziehungen hat spielen lassen. Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Jochen Korte 11.10.2018
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan hält in der Bausparkasse ein flammendes Plädoyer für Europa. Auch die Zivilgesellschaft muss sich einbringen, so ihr Credo.

Mit dieser engagierten Rede hätte sich Annette Schavan bei der CDU auch um einen Sitz für das Europäische Parlament bewerben können: Sie beschwört ein vereintes Europa, die gemeinsamen Werte, die den Bürgern weit mehr bringen als ökonomischen Nutzen, die Vielfalt der Bürger, der Sprachen und der Eigenheiten. Sie geißelt Abschottung und hohle Parolen. „Europa hadert mit sich selbst und stellt nationale Interessen über das Gemeinwohl“, lautet ihre aktuelle Analyse.

Die etwa 200 Zuhörer im Vortragssaal erleben die ehemalige Bundesbildungsministerin und Botschafterin beim Heiligen Stuhl als eine Art Elder Statesman, die immer wieder Beziehungen zu ihren ehemaligen Berufsstationen knüpft. So habe sich die katholische Kirche und Papst Johannes Paul II. besondere Meriten bei der Osterweiterung der EU verdient. Doch auch Konrad Adenauer als einer der Gründerväter der EU erfährt ihre Würdigung. „Die Europäische Gemeinschaft dient unseren Ländern, damit auch Europa und der Welt“, zitiert sie den ersten Bundeskanzler.

Friede größte Errungenschaft

Die größte Errungenschaft sei der Friede, der nach zwei Weltkriegen lange Zeit die Attraktion der EU ausgemacht habe. Heute gehe es oft um Egoismen. „Parolen ersetzen keine Politik. Sie grenzen aus und verführen zu nationaler Abschottung“, führt Schavan in überwiegend freier Rede aus. Auf ihr Manuskript blickt sie nur wenige Male. Die Gründerväter der EU hätten instinktiv gewusst, dass die europäische Idee eine Seele und Spiritualität braucht. Dieser Spirit sei 1989 erneut aufgeflammt, als die damalige ungarische Regierung den Stacheldraht zwischen den Blöcken in Ost und West durchtrennt habe.

Aktuell mache sich Nationalismus breit. Auch dadurch bedingt, das das Prinzip „Wenn es der Union gutgeht, geht es den Bürgern gut“, so nicht mehr gelte. Vor allem die Massenarbeitslosigkeit und die Perspektivlosigkeit von einem Viertel der Jugendlichen sei „der größte Skandal“. „Wir brauchen euch. Das muss das Signal an die jungen Leute sein.“  Deren Talente seien das eigentliche Kapital Europas.

Es braucht Selbstbewusstsein

Um Europa wieder nach vorn zu bringen, müsse die Verunsicherung überwunden werden, die auch mit der Aufnahme von Flüchtlingen aufgetreten sei. Aber Flüchtlinge machten uns auch deutlich, wie wenig selbstverständlich ein Leben in Frieden sei. Doch sei klar: „Mit Fakten kommt man nicht gegen Emotionen an. Um Ängste zu überwinden, braucht es Selbstbewusstsein“, so die 63-jährige Rheinländerin. Respekt, Vielfalt, Innovation, Kompromisse, Toleranz, Neugierde, Perspektiven, das sind Worte, die sich wie ein roter Faden durch ihren Vortrag ziehen. Behält sie recht, dann „bricht das Bündnis der Egoisten über kurz oder lang zusammen“.

Eine wichtige Funktion spricht Schavan der Zivilgesellschaft zu. Die dürfe nicht nur sagen, was sie nicht wolle, sondern müsse den Willen für die Europäische Union bekunden.  „Man darf nicht den lautesten Schreiern das Feld überlassen“, meint die ehemalige CDU-Spitzenpolitikerin. Die Entpolitisierung des Bürgertums sei der falsche Weg. „Völlig irre“ sei es für Politiker, zu glauben, man schaffe sich die Sorgen der Welt vom Hals, wenn man Flüchtlinge aussperre.

Langer Applaus zeigt, dass ihre Botschaft bei den Zuhörern angekommen ist.

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