Im Adolf-Würth-Saal sind am Dienstagabend auch keine Stehplätze mehr frei. Dicht gedrängt schauen Teilnehmer des Gipfeltreffens der Weltmarktführer zur Bühne, wo die beiden Frauen ins Gespräch kommen. In den 45 Minuten gibt es immer wieder Beifall, lachen Zuhörer laut. Das liegt nicht nur an den Fragen von Interviewerin Miriam Meckel, sondern vor allem an den humorvollen und direkten Antworten von Nicola Leibinger-Kammüller, die für Klartext bekannt ist und auch Einblicke in Persönliches gibt.

Meckel streift durch die widrige Weltlage, reißt Probleme wie Brexit, Konkurrenzdruck aus China, Zölle durch Trump an. Die Wissenschaftlerin und Verlegerin kommt thematisch nach Deutschland und fragt die Unternehmerin nach wesentlichen Problemen der Wirtschaft, die ihre Ursache in schlechten oder fehlenden politischen Rahmenbedingungen haben. „Optimismus ist Pflicht“, macht die Trumpf-Geschäftsführerin mit Blick auf die widrige Weltlage deutlich, mit einer pessimistischen Lebenshaltung werde man es nicht weit bringen, und nennt mit „Bürokratie, Datenthemen, Dokumentationspflichten“ Probleme. Die 59-Jährige hebt das Entgeltgleichstellungsgesetz hervor, den Nachweis, dass alle im Unternehmen gleichwertig bezahlt werden. Das sei in einem Familienunternehmen wie Trumpf selbstverständlich.

Geschäftsführerin plädiert für gesellschaftliches Engagement

Die Firma mit Sitz in Ditzingen bei Stuttgart macht den größten Umsatzanteil mit Werkzeugmaschinen für die flexible Blech- und Rohrbearbeitung, stellt Maschinen unter anderem zum Stanzen und zum Biegen sowie für Laserschneid-Anwendungen her. Statt die Unternehmenssteuer auf 25 Prozent zu senken, sei es ihr wichtiger, dass das Geld, das der Staat hat, auch richtig eingesetzt werde. „Infrastrukturthemen wie Straßen und Digitalisierung müssen endlich angepackt werden, den Rest machen wir“, so die Trumpf-Geschäftsführerin. Sie schlägt vor, die unteren Lohngruppen zu entlasten, und will Populismus mit klaren Positionen und Argumenten entgegnen, einer Verrohung der Sprache entgegenwirken. „Wir haben auch mit unseren Kindern viel am Frühstückstisch diskutiert, dadurch das Argumentieren geübt“, nennt die vierfache Mutter ein Beispiel aus ihrer Familie.

Meckel fragt nach dem Führungskodex des Familienunternehmens, welche Art der Bindung damit eingegangen werde. Den Kodex bekommt ein Familienmitglied in schönes Leder gebunden im Beisein der Familie feierlich überreicht, wenn es das 16. Lebensjahr erreicht hat. „Dieser Kodex wird laufend aktualisiert, die Jungen gestalten mit. Er enthält ein Bild, wie sich die Familie sieht. Wir erwarten von der Familie ein bescheidenes Auftreten, Engagement für die Gesellschaft jenseits der Firma. Es geht darum, etwas zurückzugeben, nicht nur materiell, sondern auch ideell,“ erläutert Leibinger-Kammüller. Dabei werden die Kinder nach und nach an die Firma herangeführt und auf mögliche Nachfolgeregelungen vorbereitet.

Vierfache Mutter

Die vier Kinder von Leibinger-­Kammüller sind erwachsen. Insgesamt gibt es im Familienverbund zehn Kinder im Alter zwischen 11 und 30 Jahren. „Wir lassen dabei aber viel Freiheit. Wenn jemand etwas anderes machen möchte, dann lassen wir ihn laufen. Es ist falsch, zu zwingen, es gibt genug unglückliche Erben“, erklärt die 59-Jährige und nennt ein Beispiel. Ein Sohn von ihr studiert Medizin. Er will Kinderarzt werden.

Ein pädagogisches Vorbild hat die studierte Germanistin in einem ihrer Lieblingsbücher gefunden: Dr. Johann „Justus“ Bökh, der verehrte und gerechte Hauslehrer des Internats in dem Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ des deutschen Schriftstellers Erich Kästner aus dem Jahr 1933. Nicht ohne Grund heißt ihr ältester Sohn Justus.

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Milliarden Euro Umsatz erzielte Trumpf im Geschäftsjahr 2017/2018. Die Firma mit den Bereichen Werkzeugmaschinen und Lasertechnik hat 13 420 Mitarbeiter (30. Juni 2018).

Seit 2005 Vorsitzende der Geschäftsführung


Nicola Leibinger wurde 1959 in Wilmington (Ohio/USA) geboren. Sie hat vier erwachsene Kinder, ist verheiratet mit Dr.-Ing. Mathias Kammüller, der in der Trumpf-Geschäftsführung für Digitales zuständig ist. Nicola Leibinger-Kammüller studierte Germanistik, Anglistik und Japanologie in Freiburg, Middlebury/Vermont (USA) und Zürich, promovierte zur Dr. phil. Seit 1985 arbeitet sie in der Trumpf-Gruppe, seit 1994 ist sie Gesellschafterin, seit 2003 Geschäftsführerin. 2005 übernahm sie den Vorsitz der Trumpf-Geschäftsführung von ihrem Vater Berthold Leibinger, der 2018 verstarb.