Schwäbisch Hall "Nicht alles war schlecht"

Schwäbisch Hall / VERENA BUFLER 08.11.2014
Die Wende stürzte Helmar und Ursula Winkler ins Gefühlschaos: Einerseits freuten sie sich als Ost-Berliner über den Fall der Mauer, andererseits wurde ihm als Oberarzt urplötzlich fristlos gekündigt.

Als sich am Morgen des 10. November 1989 Menschen aus Ost- und West-Berlin seit Stunden in den Armen lagen, fuhren die Winklers mit ihrem Trabbi nach Sachsen, um einen Schrank abzuholen. Klingt lapidar. Ursula Winkler erklärt: "Mein Mann hatte als Chirurg wenig Freizeit. Also machten wir uns auf den Weg."

Am Abend dann fuhren sie mit einem befreundeten Paar in den Westen und ließen sich buchstäblich von der Masse treiben. An das grelle Licht im Kaufhaus erinnern sich beide genau. "Die Mauer hätte keinen Tag später fallen dürfen", sagt Ursula Winkler. Es war vor allem sie, die unter der fehlenden Freiheit in der DDR gelitten hat: "Ich fühlte mich eingemauert." Ihr Antrag, einen erkrankten Onkel in Tübingen besuchen zu dürfen, wurde von der Stasi ohne Begründung abgelehnt. Ihr Alltag war beschwerlich. "Man konnte sich nicht mal sicher sein, ob es im Laden Tomatenmark gab. Obst und Gemüse sowieso nicht." Sie erinnert sich an den Gestank der faulen Kartoffeln in den Kaufhallen.

"Aber es war auch nicht alles schlecht." Dieser Satz stammt von ihm. Beide sprechen mit sächsischem Dialekt, der auf ihre Heimat rückschließen lässt.

Helmar Winkler wurde am 15. Februar 1944 im sächsischen Hainsberg geboren. Er studierte Medizin, promovierte und machte eine Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie. Ab 1978 war er als Oberarzt an der Berliner Charité tätig. Mehrere Male reiste er als DDR-Bürger zu Fortbildungen in das "kapitalistische Ausland": Helsinki, Cambridge, Chicago, Pittsburgh und so weiter. Winkler operierte zusammen mit anderen Ärzten SED-Chef Honecker. Am Grenzübergang stritt er sich lautstark mit einem Hauptmann, der Winklers Patienten ohne Papiere nicht durchlassen wollte, während dieser mit dem Leben rang. Dass er laut wurde, ist deshalb etwas Besonderes, weil sich der 70-Jährige sonst leise und unaufgeregt verhält. So sagte es Dr. Karl Rosenhagen bei der Verabschiedung Helmar Winklers im Dezember 2013 am Diakonie-Klinikum. Dorthin war er 1991 durch einen Zufall gekommen. Nachdem er in der Charité aus dem OP-Saal geholt und fristlos gekündigt worden war - das war im Juli 1991 - bewarb er sich in Hall als Oberarzt der Gefäßchirurgie. Davor hatte er mit Erfolg gegen die Entlassung geklagt und erwirkte eine betriebsbedingte Kündigung.

Wäre er nicht unter dem Vorwand, ein informeller Stasi-Mitarbeiter zu sein, beiseite geräumt worden, hätten Winklers Ost-Berlin wohl nie verlassen. Den Umzug nach Untermünkheim und jüngst nach Hall haben sie trotzdem nie bereut. Vorurteile gab es keine, dafür hilfsbereite Menschen. Trotzdem dachten sie vor drei Jahren darüber nach, nach Ostberlin zurück zu gehen. "Wir entschieden uns zu bleiben, weil wir hier so glücklich sind."

Vermisst Helmar Winkler etwas, wenn er an die DDR zurück denkt? "Dass man an der roten Ampel rechts abbiegen durfte, ohne zu warten", sagt er und lacht. "Aber die DDR war trotzdem ein Unrechtsstaat." Nicht reisen zu können, war das Schlimmste für Winklers. Deshalb holten sie das nach dem Fall der Mauer intensiv nach, waren mit den beiden Töchtern und auch mit den vier Enkeln viel unterwegs. Urlaube genießen sie bis heute besonders. Spontan, ganz ohne Antrag.

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