Schwäbisch Hall "Mir hen doch uns!"

Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ 20.11.2014
"Ein katholisches Donnerwetter", nannte ihn ihre evangelische Mutter. Er überzeugte sie und die zuerst kritische Doris von sich, und einen Tag nach ihrem 21. Geburtstag gingen sie auf das Standesamt.

Eigentlich ist das seine Aufgabe: Kaffee kochen. Walter Habiger ist der Frühaufsteher. Und der Spätinsbettgeher. Wenn Doris Habiger morgens schweren Herzens das Bett verlässt, ist der Frühstückstisch schon gedeckt. Drei Brötchen gibt es zum Frühstück. Wer die obere und wer die untere Hälfte bekommt, wird jeden Morgen geklärt.

Heute kocht sie Kaffee. Er holt das Geschirr aus dem Schrank: "Alt Amsterdam" - das beste Service kommt auf den Tisch. Beide essen nur einen Lebkuchen. Sie muss auf ihre Diabetes achten, er auf sein Bäuchlein. Die Gesundheit seiner Frau nimmt in ihrem gemeinsamen Leben viel Raum ein. "Wir wussten nicht, ob ich den 60. Geburtstag noch erlebe", sagt sie.

Heute ist sie 71 Jahre alt. Brustkrebs bedrohte ihr Leben. Die Chemotherapie bescherte ihr Diabetes und Nierenprobleme. Wenn die Gesundheit Rücksicht verlangt, trifft das auch den Partner. Man muss zurückstecken. Wenn Sorgen auftreten, blüht auch ihre Schuppenflechte auf. "Ich versuche, Probleme von ihr abzuhalten", sagt der drei Jahre ältere Ehemann. Auf einem runden Geburtstag hielt er eine Rede. Er sprach von seiner Ehe: "Aus einer stürmischen Liebe wurde eine unglaublich gute Kameradschaft."

Dass dies eine stürmische Liebe werden würde, hätte sie wohl nach der ersten Begegnung vehement verneint. Stinksauer war sie über einen Kommentar, den er gemacht hatte, als sie in einer engen Hose an ihm vorbei ging. Dabei war es ein Kompliment. Nur eben etwas gewagt. Sie waren Nachbarn in Stuttgart-Stammheim. Sie beschwerte sich sogar bei ihrem Vater über den unverschämten Kerl. Der blieb dran, lud sie immer wieder ein, irgendwann gab sie nach. Es ging ins Kino. Nicht ohne ihre Mutter.

"Sie hatte eine Taille, die konnte man mit beiden Händen umfassen", schwärmt er, und fügt an: "Ich war ja eher etwas molliger." "Und ich habe mir immer einen Mann gewünscht, hinter dem ich mich verstecken kann", sagt sie. Sobald sie ein Paar waren, führte er sie stolz in seiner Firma vor. "Ich habe immer auf meine schöne Frau geachtet", sagt er und streicht ihr über den Rücken.

Sie bekamen zwei Söhne. Walter Habiger machte seinen Fachhochschulabschluss und hängte ein Studium an. Sie unterstützte ihn, kümmerte sich alleine um die Kinder und den Haushalt. Sie strickte Pullover und Socken für alle, denn das Geld war knapp. Sie verzichtete. Auch auf ihren Traum. Gerne hätte die gelernte Verkäuferin einmal einen Tante-Emma-Laden eröffnet. Wo man Häubchen und Schürze trägt, so wie sie einst in ihrer Ausbildung.

1974 kam die Familie nach Hall. Er arbeitete als Fertigungsleiter im Bereich Kaltumformung bei der BEW Westheim. Im Ruhestand wird ihm nicht langweilig. Er ist Kassier beim Kreisseniorenrat, ist bei den Gartenfreunden Breiteich aktiv und Mentor für ein russisches Mädel im Awo-Projekt Ansporn. Beide erzählen begeistert von ihrer Katja. "Wir haben sie quasi als fünfte Enkelin adoptiert", sagen sie lachend.

Die anderen vier Enkel und die Kinder wohnen jeweils zwei Stunden Autofahrt entfernt. Heute kommen sie alle zusammen und feiern. Geschenke macht sich das Paar keine: "Mir hen doch uns!"

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