Schwäbisch Hall Goldene Hochzeit: „Mein seelischer Mülleimer“

Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 19.07.2018
Heidelinde und Rolf Reichert aus dem Schwäbisch Haller Ortsteil Bibersfeld haben heute vor 50 Jahren geheiratet. Sie ist temperamentvoll, er der ruhende Pol.

An verregneten Sonntagen wissen die Reicherts, was sie gerne tun: erstmal gemütlich, ausgiebig und spät frühstücken, das Mittagessen ausfallen lassen („damit meine Frau nicht so viel in der Küche stehen muss“) und dann ab aufs Sofa. Da sitzt das Paar dann, seine Füße liegen auf ihren Beinen, mit einer Tasse Tee und einem Buch, und so vergehen vier bis fünf Stunden. Zusammen schweigen ist für die beiden, die seit 53 Jahren ein Paar sind, kein Problem. Beim Lesen oder auch wenn sie sommerabends auf der Terrasse sitzen und einfach still sind und ihren Gedanken nachhängen.

Still ist Heidelinde Reichert aber gar nicht so oft. Sie kann sich herrlich aufregen. Früher über Themen aus der Arbeit in der Personalabteilung im Diakoniekrankenhaus, heute zum Beispiel über Politik. Das führen sie gleich einmal vor. Es geht um Stadtpolitik und den Weilertunnel. Heidelinde Reichert redet sich in Rage. Ihr Mann bleibt gelassen, auch wenn er anderer Meinung ist.

Ihre Wut oder ihren Frust dämpfen, das tut er schon seit die beiden sich kennen. „Er ist mein seelischer Mülleimer“, sagt sie. Er winkt ab. Sie nennt ihn „Kümmerer“ und genießt es, von ihm „betüddelt“ zu werden.

Streit muss manchmal sein

Es scheint in diesem Moment schwer vorstellbar, dass das Harmonie ausstrahlende Paar in Streit geraten kann. Aber das kommt auch mal vor. „Da können die Nachbarn hören, wenn wir im Garten mal laut miteinander werden.“ Sie kannten ein Paar, das hat sich scheinbar nie gestritten. Ideal, dachten die Reicherts. Bis dieses Paar sich trennte.

Man müsse halt reden miteinander, um die Meinungsverschiedenheit aus dem Weg zu räumen. „Manchmal glotzen wir uns dann auch einen Tag lang blöd an, aber bevor wir ins Bett gehen, muss der Streit beendet sein.“ Denn am nächsten Morgen kommt wieder das gemeinsame Ritual: Kaffee trinken und Zeitung lesen. Er den Lokalteil und den Sport, sie die überregionalen Seiten. Mit ihm aufgestanden ist sie schon immer, auch wenn er in den Anfangsjahren ihrer Ehe früh um vier rausmusste, um zu seiner Arbeit nach Stuttgart bei Daimler Benz zu fahren. Oder wenn er angeln geht.

Beide waren, bis auf eine kurze Pause, die sie nach der Geburt der Kinder einlegte, berufstätig. Entspannt und weniger streitlustig wurde es aber erst, als er, gelernter Mechaniker, im Jahr 1978 Lehrer an der Gewerblichen Schule in Hall wurde – „mein Traumberuf“.

Die beiden haben nach drei Jahren Ehe die erste Tochter Daniela bekommen, dann kam Korana. „Der Name ist auf seinem Mist gewachsen“, sagt Heidelinde Reichert amüsiert. Er hat damals ein Buch gelesen, in dem eine beeindruckende Frau namens Korana vorkam. Sie haben einen Enkel, Luis, der oft bei Oma und Opa ist.

Kennengelernt haben sich die Hessentalerin, die aus Künzelsau stammt, und der Großaltdorfer auf dem Fasching in seinem Dorf. „Er trug ein schwarz-weiß-kariertes Hemd mit Stehkragen.“ Dass sie ein rotes Taftkleid trug und in dem Dutt zwei Stricknadeln steckten, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Aber wohl noch daran, dass sie sich am selben Abend, bei Eis und Schnee und sie auf Pumps, den ersten Kuss gegeben haben.

Drei Jahre später, als er volljährig wurde – das war damals mit 21 Jahren –, haben sie geheiratet. Nun haben der 71-Jährige und die zwei Jahre jüngere Frau 50 Jahre Ehe hinter sich. Sie hilft der Tochter noch in ihrem Juweliergeschäft in der Haller Innenstadt. Auch einige Ehrenämter hatte das Paar inne: Er war lange im Bibersfelder Ortschaftsrat, im Elternbeirat, Schiedsrichter und im Männergesangverein. Er ist halt ein Kümmerer. So wie er als Bub viel nach seinen drei kleineren Geschwistern geschaut hat, kümmert er sich auch heute noch gerne um andere. Und sehr gerne um seine Frau.

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