Handwerk „Manchmal hab ich auf dem Dach auch gesungen“

Günter Martin mit seinem Meisterbrief, der von der Handwerkskammer Stuttgart ausgestellt wurde. Der 85-Jährige gehört zu jenen Altmeistern, die in Ilshofen mit einem diamantenen Meisterbrief geehrt werden. Die Auszeichnung wird erstmals Mal vergeben.
Günter Martin mit seinem Meisterbrief, der von der Handwerkskammer Stuttgart ausgestellt wurde. Der 85-Jährige gehört zu jenen Altmeistern, die in Ilshofen mit einem diamantenen Meisterbrief geehrt werden. Die Auszeichnung wird erstmals Mal vergeben. © Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 08.12.2018

Einen anderen Beruf als Dachdecker? Diese Frage hat sich Günter Martin wohl nie wirklich gestellt: „In meiner Familie sind wir seit sieben Generationen Dachdecker“, erzählt der rüstige 85-Jährige. Er sei in diesen Handwerksberuf hineingewachsen – damals in Bad Dürrenberg an der Saale. „Mit 16 Jahren hatte ich schon ausgelernt“, erzählt der Senior.

Er arbeitete in seiner Heimatstadt bei zwei Firmen und auch im Betrieb des Vaters. Aber der junge Mann, der in einer christlich geprägten Familie groß wird, sieht die sozialistische Politik in der DDR kritisch – „das gefiel mir nicht so, außerdem war ich neugierig“. Also beschließt er, in den Westen zu gehen – eine abenteuerliche Aktion: Er flüchtet 1951 als 17-Jähriger zu Fuß über den Harz.

Skepsis und Gottvertrauen

Der junge Handwerker geht seinen Weg – kommt zunächst tatsächlich nach Schwäbisch Hall, zieht dann aber weiter nach Esslingen. Die Unterkunft dort im Lehrlingsheim, die Arbeit, der Wassersport auf dem Neckar – das behagt ihm. Dennoch treibt es ihn nach zwei Jahren weiter: erst nach Düsseldorf, später zurück nach Esslingen und zur Meisterprüfung – gewissermaßen eine logische Konsequenz. Gelassen erzählt Martin von seinen Lebensstationen. Zwar sei er immer eher skeptisch gewesen, ob alles klappt, lässt er durchblicken. Doch der Dachdeckermeister scheint auch von einer ordentlichen Portion Gottvertrauen getragen zu sein.

Ehefrau Hannelore packt mit an

Schließlich landet er in Hall, wo er einen Betrieb übernimmt und Fuß fasst. „Wir haben ganz klein angefangen“, erinnert er sich. Zudem gründet Martin eine Familie – und mit seiner Frau Hannelore hat er fortan eine tatkräftige Unterstützerin. Sie kümmert sich nicht nur ums Büro: „Ich war auf manchen Dächern in Hall“, erzählt die 78-Jährige lachend. Einen Handwerksbetrieb zu führen, bedeutet viel Arbeit. „Samstags wurde oft bis spät in der Nacht geschafft, sonntags die Büroarbeit, und am Montag ging’s wieder von vorne los“, sagt Hannelore Martin. Die Kinder seien „nebenher groß geworden“.

„Im Schnitt hatten wir acht Leute“, berichtet Günter Martin. Zu den besonderen Aufträgen in seiner aktiven Zeit zählen Projekte wie das Dach der Sakristei der Haller Michaelskirche. Mit Schiefer hat Martin die Türme der Kirchen in Ottendorf und in Sulzbach-Laufen gedeckt – „das macht nicht jeder“.

Und wenn die Arbeit auf dem Dach mal nicht so optimal lief, half Günter Martin die Musik: „Manchmal hab ich auf dem Dach auch gesungen“, erzählt er schmunzelnd. Dann sei das Tief schnell überwunden gewesen.

1995 hat er seinen Betrieb an Sohn Roland übergeben. Aber ein Handwerksmeister wie er kann nicht von jetzt auf gleich aufhören. Klar, dass der Senior weiterhin mitmischte – soweit es auch seine Gesundheit zuließ. Und die ist bei dem passionierten Skifahrer nicht die schlechteste. Dass es mit der Handwerkstradition in seiner Familie weitergeht, freut Martin besonders: Kürzlich hat sein Enkel die Meisterprüfung bestanden – „das ist wie ein Geschenk“.

Info Die Haller Kreishandwerkerschaft wird morgen, Sonntag, bei der Altmeisterfeier ab 14 Uhr im Parkhotel in Ilshofen zahlreiche verdiente Altmeister ehren. Dabei erhalten Handwerksmeister, die vor 50 Jahren ihre Meisterprüfung ablegten, den goldenen Meisterbrief. Erstmals werden auch diamantene Meisterbriefe verliehen. Auch ein eiserner Meisterbrief wird vergeben.

Von der Saale über den Neckar und den Rhein an den Kocher

Günter Martin wurde am 7. November 1933 in Leipzig geboren. Nach Bombenangriffen während des Krieges verließ er mit seinen Eltern die Stadt in Richtung Bad Dürrenberg an der Saale – die Heimat seiner Vorfahren. Dort machte er eine Dachdecker-Lehre, arbeitete bei zwei Firmen sowie im Betrieb des Vaters. 1951 flüchtete Martin über den Harz in den Westen. Zunächst führte ihn sein Weg nach Schwäbisch Hall, wo er unter anderem in der Spinnerei sowie einige Zeit beim Dachdecker Blessing arbeitete. Über einen Freund vom CVJM kam Martin als 18-Jähriger nach Esslingen, wo er im Lehrlingsheim wohnen konnte und Arbeit fand. Nach zwei Jahren zog er weiter – zunächst nach Wiesbaden, dann nach Düsseldorf, wo Dachdecker gesucht waren und er zwei Jahre bei einer Firma blieb. Danach kehrte er zu seinem alten Chef nach Esslingen zurück und bereitete sich auf die Meisterprüfung vor, die er vor der Handwerkskammer Stuttgart ablegte.

Über einen Architekten kam er erneut nach Hall, wo er das Dachdeckergeschäft der Firma Alois Ludwig in der Unterlimpurger Straße übernahm. In Hall lernte er seine Frau Hannelore kennen, die aus Hilgartshausen bei Rot am See stammt. Ein Sohn und eine Tochter wurden geboren. Günter und Hannelore Martin haben heute sechs Enkelkinder. 1967 bauten sie im Friedrich-List-Weg, wo das Dachdecker-Geschäft und die Familie heute ansässig ist. 1995 hat Sohn Roland den Betrieb übernommen.

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