Fitness Gesundheitskonzept in Michelfeld lockt Fernsehkameras an

Die Michelfelder Kinder beginnen, sich an Fernsehkameras zu gewöhnen. Nach dem SWR im letzten Oktober war nun ein Team des ZDF zu Besuch, um das Gesundheitsprogramm für Kinder und Jugendliche in der Gemeinde zu dokumentieren.
Die Michelfelder Kinder beginnen, sich an Fernsehkameras zu gewöhnen. Nach dem SWR im letzten Oktober war nun ein Team des ZDF zu Besuch, um das Gesundheitsprogramm für Kinder und Jugendliche in der Gemeinde zu dokumentieren. © Foto: Foto: Beatrice Schnelle
Michelfeld / Beatrice Schnelle 11.10.2017
Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres wird das Kinder-Gesundheitsprogramm der Gemeinde Michelfeld Thema einer TV-Dokumentation. Nach dem SWR war nun das ZDF vor Ort.

Langsam aber sicher wird Michelfeld berühmt. Im Frühjahr strahlte der SWR eine Dokumentation über die Gemeinde aus, nun reiste ein Kamerateam des ZDF an. Was die Fernsehleute so fasziniert, ist das kommunale Gesundheitskonzept, auf das Städte und Gemeinden im ganzen Land neidvoll blicken. Als erster war der Direktor des Mannheimer Instituts für Öffentliche Gesundheit auf den kleinen Ort und die großen Ambitionen seines Rathauschefs aufmerksam geworden: Professor Dr. Joachim Fischer schrieb eine bunte Broschüre über die weitreichenden Folgen des Programms „Gesund aufwachsen – gesund leben in Michelfeld“, das Bürgermeister Wolfgang Binnig seit 2010 mit Nachdruck umsetzt. Diese Broschüre erregte die Aufmerksamkeit des SWR, denn sie belegt sehr plastisch ein besonderes Phänomen: Während die Zahl der übergewichtigen Kinder in Deutschland bedenklich steigt, geht sie in Michelfeld bei wachsender Einwohnerdichte konstant zurück.

Vorbild in Finnland

Tom Ockers dreht für die neue ZDF-Reihe „Plan B“: „Wir wollen gesellschaftliche Probleme aufzeigen und Orte in Europa vorstellen, die dafür vorbildliche Lösungsansätze gefunden haben“, erklärt der freie Autor die grundsätzliche Idee. Sein Film beginnt in der finnischen 60 000-Einwohner-Stadt Seinäjoki, die Ende der 60er-Jahre mit einem traurigen Rekord von sich reden machte: Hier gab es damals die höchste Herzinfarktrate in ganz Europa. Mit einem strikten Präventionsprogramm sei es dem Gesundheitsamt mittlerweile gelungen, die Zahl der übergewichtigen Kinder und damit ihr Herzinfarkt-
risiko als Erwachsene drastisch zu reduzieren. „Wir haben parallel geschaut, welche Gemeinden in Deutschland viel für die Gesundheit ihrer jüngsten Einwohner tun und da haben wir Michelfeld entdeckt.“

Bei seinen umfangreichen Recherchen fand Ockers heraus: „Das Michelfelder Modell für beweglichere, schlankere und körperlich wie geistig gesündere Kinder kommt anderen deutschen Städten und Gemeinden so märchenhaft vor wie Disneyland.“ Der Fernsehautor ist sicher, dass dieses Beispiel einer gelungenen, kommunalen Gesundheitsförderung etwas ist, was die Zuschauer landesweit sehen wollten. In seinem Film solle auch gezeigt werden, woran es in anderen Städten und Gemeinden in Sachen Gesundheitserziehung an Schulen und Kindergärten hapert. Da werde etwa gesunde Ernährung gelehrt, während gleichzeitig die Schulkantine Obst und Salat vom Speiseplan streiche, weil das keiner essen wolle. Es müssten schon alle Beteiligten an einem Strang ziehen, und das sei eben die Crux. Wissenschaftler hätten ihm bestätigt: „Das klappt nur mit einer dominierenden Persönlichkeit im Ort, die das zu ihrem Thema macht, alle Beteiligten an einen Tisch bringt und die Fäden in der Hand behält.“

Für den Mann vom Fernsehen ist Wolfgang Binnig in dieser Hinsicht ein echter Held. Allein der Umstand, dass in sämtlichen Michelfelder Schulklassen und Kindergartengruppen jeden Tag ein Korb mit frischen Äpfeln steht, sei eine „sensationelle Leistung“. In Stuttgart werde etwas Vergleichbares umgesetzt, aber die Äpfel kämen von einem Sponsor. Die Gemeinde Michelfeld bezahlt das Obst für die Kinder mit jährlich rund 2000 Euro selbst.

Fünf Fragen an Wolfgang Binnig

HT: Wie wurde der gesunde, pädagogische Ansatz in Michelfeld so erfolgreich umgesetzt?  
Bürgermeister Wolfgang Binnig: Das Geheimnis lautet: Vernetzung und Verbindlichkeit. Schul- und Kindergartenleitung, Gemeindeverwaltung, die beiden Sportvereine, die Landfrauen und die Kirchengemeinde setzen sich an einen Tisch und entscheiden, was getan wird.

Wie lenken Sie die Realisierung der Entscheidungen in geordnete Bahnen?
Ernährung und Bewegung stehen bei uns im Bildungskonzept und sind fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit sowie der strategischen Gemeindeentwicklung. Wir überprüfen das regelmäßig und schauen, was gut funktioniert und was wir verändern müssen.

Wo lagen die Schwierigkeiten, Eltern und Kinder von dem Projekt „Gesund aufwachsen – gesund leben in Michelfeld“ zu überzeugen? 
Gute Ernährung und ausreichend Bewegung kann man nicht von außen diktieren. Wir mussten dafür sorgen, dass beides einfach eine Selbstverständlichkeit wird. Wir treiben das seit 2010 voran, da gab es natürlich Höhen und Tiefen, die haben wir dann zum Schwungholen genutzt.

Essen Sie auch jeden Tag einen Apfel?
Ja, und zwar sehr viel lieber als Butterbrezeln.

Info

Viele Kinder leben ungesund

 Wie eine medizinische Fachzeitschrift in den USA 2016 veröffentlichte, sinkt in Amerika erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die durchschnittliche Lebenserwartung. Grund sei der massiv angestiegene Anteil übergewichtiger und fettleibiger Menschen. In Deutschland war 2007 laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts eines von sechs Kindern zwischen 3 und 17 Jahren zu dick. Nach einer aktuellen DAK-Umfrage unter 100 Kinderärzten in Deutschland hat sich die Gesundheit der Kinder seit der Jahrtausendwende stark verschlechtert. Als Grund des Übels werden Fernsehen, Computer, ungesundes Essen und Trinken und Bewegungsfaulheit genannt.

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