Als eine „düstere Ausstellung“ beschreibt Dr. Armin Panter, Leiter des Hällisch-Fränkischen Museums in Hall, die Fotografien von Eva Maria Kraiss. Unter dem Titel „Verwüstet, verfallen, wiederbelebt“ präsentiert die Künstlerin 91 Aufnahmen von Synagogen in Polen und der Ukraine. Diese sind im Wintergarten des HFM und im Foyer des Haller Rathauses zu sehen.

Eva Maria Kraiss hat eine repräsentative Auswahl zu jeder der vier thematischen Zuordnungen im Foyer des Rathauses aufgebaut: ehemalige Synagogen im Verfall, in neuer Nutzung, ehemalige Synagogen als Museen und Gedenkstätten oder Gebäude, die wieder in Gebrauch sind. Die Fotografin legt mutig ihre „Finger in Wunden“, die „noch längst nicht verheilt sind“, sagt  Panter bei der Vernissage am Donnerstag.

Auswirkungen bis heute

Alles begann in Zamosc 1986, wo die ungewöhnliche Renaissancesynagoge „einen tiefen Eindruck“ auf Kraiss machte. Sie reiste offiziell und auch privat mehrfach nach Polen. Zwischen 2016 und 2018 fotografierte sie gezielt Synagogen. Sie „sind neben den jüdischen Friedhöfen aus meiner Sicht die letzten Zeugen einer unvorstellbar grausamen und unauslöschlichen ‚Begegnung‘ zwischen Deutschen, Polen, Ukrainern und vor allem Juden – begonnen im September 1939, beendet im Mai 1945, mit weitreichenden Auswirkungen allerdings bis heute.“

Die Ausstellung beinhaltet unter anderem wieder geweihte Gebäude, so die 2003 geweihte Synagoge in Bobowa. Drei Fotografien zeigen die Sensibilität, mit der die Synagoge renoviert worden ist. In nicht restaurierten Teilen werden die Verwitterung und der Verfall sichtbar. Hinter einem schwarzen, mit goldenen Fäden bestickten Samtvorhang sind in dem hölzernen Thoraschrein von 1777/78 die Thorarollen aufbewahrt. Kraiss liebt die satte Farbenpracht, eine florale Ornamentik und die mit Gold ausgemalten Löwen und Fabelwesen. Synagogenmaler waren oft Wandermaler wie Elieser Sussmann aus Brody in der heutigen Ukraine.

Schwäbisch Hall

Armin Panter spannt den Bogen zum „bedeutendsten Exponat im Museum“, der Unterlimpurger Synagoge. Diese habe „ihren geistigen Ursprung genau in dem Kulturraum, den uns Frau Kraiss vorstellt, und speziell in der dortigen jüdischen Kunst“. Wenn solche Kulturgüter dann einfach zerfallen, sei das ein steingewordenes Abbild und stummes Mahnmal der Geschichte.

Aus Synagoge wird Supermarkt

2017 fotografierte Kraiss die Synagoge Inowlodz, heute ein Supermarkt, nachdem sie eine Gemeindebibliothek und vorher ein Salz- und Düngemittellager war. Peter Klink, Schwäbisch Halls Erster Bürgermeister, erwähnt die Haller Johanniterkirche als „geradezu ideale Lösung“ einer Umnutzung, stellt jedoch auch fest: „Die Situation ist kaum vergleichbar mit unseren säkularisierten Kirchen. Die jüdischen Gemeinden wurden binnen weniger Jahre fast ausgelöscht. Umso wichtiger ist es, die noch vorhandenen Reste zu dokumentieren.“

Auch George Finley ist ergriffen: „Die wunderbaren Fotografien zeigen das intensive jüdische Leben ausgedrückt in den Synagogen, von denen jede anders ist.“ Der Maler war selbst 14 Mal in der Ukraine, um dort Hilfe zu leisten. Er ist überzeugt: „Die Ausstellung erweckt die Geschichte, es gibt Gesprächsthemen, man kann daraus lernen“, sagt Finley.

Info Die Vernissage wurde musikalisch umrahmt von der Harfenistin Dorothee Memmler. Die Fotografien von Eva Maria Kraiss können bis zum 27. Januar im Wintergarten des Hällisch-Fränkischen Museums und bis zum 16. November im Foyer des Schwäbisch Haller Rathauses besichtigt werden.

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