Erziehung  „Kinder wollen gefallen“

Schwäbisch Hall / Maya Peters 23.06.2018

Jede Familie ist ein Experiment und funktioniert wie ein Unikat“, meint Simone Laxy zu Beginn ihres Vortrags „Beziehung statt Erziehung“ in der Haller Volkshochschule. Leider höre man es noch immer viel zu oft brüllen in den Häusern, bedauert sie. „Warum demütigen wir die Kinder?“, fragt sie in die Runde. Laxy arbeitet als Sozialpädagogin und systemische Paar- und Familientherapeutin bei pro familia in Schwäbisch Hall.

„Sie sind die Architekten ihrer Familie“, erläutert sie mit dem Stift in der Hand und zeichnet ein Haus. Dessen Fundament besteht aus zwei Menschen, die sich zu einer Partnerschaft zusammengefunden und Kinder bekommen haben. Diese bilden das Dachgeschoss. Man solle als Eltern eine Führungsrolle einnehmen und dennoch alle Bedürfnisse in der Familie sehen, so die Fachfrau.

Denn ob Kinder sich zu selbstbewussten, fröhlichen Menschen entwickeln, die sich nicht unterdrücken lassen, hinge im Wesentlichen vom Erziehungsstil der Eltern ab. „Begegnen Sie ihnen gleichwürdig“, rät Laxy. Kinder würden dann glücklich und mit Selbstvertrauen heranwachsen, wenn man sie mit Respekt, Würde und Liebe behandle, betont die Referentin. Erwachsenen würde man auch nicht zurufen: „Halt die Klappe“, sondern eher: „Bitte, lass mich ausreden.“

Es seien althergebrachte Ideen, dass über die Demütigung durch eine Tracht Prügel oder Geschrei Scham und Einsicht folgten. „Wir haben da viele Fortschritte gemacht“, lobt Laxy die Entwicklung zur gewaltfreien Erziehung. Trotzdem solle man seinem Kind aber mit klaren Grenzen begegnen. „Halte dich gut fest“, helfe dem kletternden Nachwuchs eher als ein „pass auf, dass du nicht vom Baum fällst“. Früher hätte man vielleicht befürchtet, dass man durch Anerkennung, Beachtung, Lob und Bewunderung die Kinder verdürbe. Das sei nicht der Fall.

Kinder brauchen sogar das tägliche Gespräch, am besten mit Körperkontakt. „Legen Sie die Smartphones weg, hören Sie auf zu bügeln und widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit mal ausschließlich Ihrem Kind“, rät Laxy. So erst baue man zu ihnen eine gute Beziehung auf und lerne deren Bedürfnisse erkennen.

„Kinder wollen gefallen und kooperieren gerne“, ist sich Laxy sicher. „Wenn Sie sonst den Empfindungen Ihrer Kinder Beachtung schenken, verstehen Sie einander besser, wenn etwas einmal nicht geht“, macht sie Mut. Vor „Basta-Politik“ warnt Laxy, selbst wenn man selbst so in seiner jeweiligen Ursprungsfamilie aufgewachsen sei.

Gerade bei Wutanfällen des Nachwuchses gerate man an seine Grenzen. Laxy rät: „Führen Sie keine Machtkämpfe, sondern schauen Sie genau hin.“ Als Erwachsener müsse man Konflikte lösen können. „Anstatt sich mit seinem Kind darüber zu streiten, dass es im Winter keinen Rock anziehen darf, sollte man besser die jeweiligen Bedürfnisse gegenüberstellen und Kompromisse finden. Dieser könnte sein: Es ist kalt, ziehe noch eine Strumpfhose an.“

Je nach Situation müsse man auch nicht gleich Lösungen parat haben – aber sollte als Eltern deutlich machen, warum man dem Wunsch des Kindes nicht entsprechen wolle. So können Kinder lernen, sich in andere hineinzuversetzen. Das sei Teil der Entwicklung des sozialen Lernens, verdeutlicht Laxy.

Oft verstecke sich hinter der kindlichen Wut noch mehr. Was genau, könne man mittels „aktivem Zuhören“ erfahren. Dieses sei eine Grundvoraussetzung für einen verständnisvollen Dialog. Dabei helfe man den Kindern, die sozialen Zusammenhänge auszudrücken und ihre Energie umzulenken. „Seien Sie nicht zu belehrend, nicht zu moralisierend, sonst erfahren Sie irgendwann nichts mehr von Ihren Kindern“, gibt Laxy den Eltern für die Anwendung der Gesprächstechnik mit auf den Weg. „Schlechte Geheimnisse“ müsse man nicht für sich behalten, sagt die Sozialpädagogin zum Thema sexueller Missbrauch, „gute Geheimnisse“ hingegen schon.

Beide Eltern müssen mitspielen

Um den Alltag meistern zu können, brauche es Regeln, fährt sie fort. Die Erziehung selbst sollte immer dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst sein. Logische Konsequenzen könne man als Kind lernen, jedoch ohne großen Druck. „Wenn du beim Zubettgehen noch länger trödelst, dann haben wir gar keine Zeit mehr zum Lesen“, sei bei Kindergartenkindern durchaus in Ordnung. Die gesetzten Grenzen gehen in Regeln über, die von beiden Elternteilen unterstützt werden sollten. Ritualisierte Abläufe wie „Abendbrot, dann Zähne putzen, Buch vorlesen und einschlafen“ helfe Eltern und Kindern und schaffe Sicherheit.

Wichtig sei trotzdem, dass Kinder auch Freiräume erhalten. „Das Machen und Tun, am besten draußen und ohne Erwachsene“, unterstütze den Nachwuchs beim Konfliktelösen und der Hirnreifung, so Laxy. Die Begegnungsräume von Kindern seien weniger geworden, da müsse man auch bewusst neue schaffen oder Verabredungen vereinbaren. „Dann können wir Eltern uns auch mal ganz entspannt zurücklehnen.“

„Was sind Ihre Bedürfnisse?“, fragt Laxy die anwesenden Eltern, Großeltern und Erzieher. Häufig seien die Bezugspersonen der Kinder überfordert, gestresst, steckten in Geldnöten, trügen noch unglückliche Vergangenheit im Gepäck oder seien schlicht unerfüllt. Eigene Gefühle und Grenzen müsse man stets klar zum Ausdruck bringen. „Machen Sie Ihren Kindern deutlich, dass Sie für sie da sind, leben Sie ihnen vor, was ein Ja und Nein bedeuten.“ Man dürfe auch mal sagen: „Ich will alleine auf die Toilette“, rät sie beispielhaft. „Lassen Sie nicht alles über sich ergehen. Sie müssen gut für sich sorgen.“ Denn nur glückliche Eltern hätten auch glückliche Kinder. „Dann sind Sie entspannt und können Ihren Kindern die Sicherheit geben, die sie brauchen. Genießen Sie die kurze Zeit gemeinsam“, gibt sie ihren Zuhörern mit auf den Weg.

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Selbstreflexion des Kindes ermöglichen

Aktives Zuhören ist ein wertfreies Zuhören – verbunden mit dem Rück­melden der Botschaft, die wir denken, gehört zu haben. Dabei konzentriert man sich nicht nur auf den Inhalt des Gesagten, sondern versucht zudem, die Gefühle und Empfindungen seines Gegenübers zu erfassen – ohne eine Bevormundung, Belehrung oder Ablenkung. Dabei muss man das Gehörte natürlich nicht gutheißen, sollte jedoch mit der eigenen Meinung sparsam umgehen und keine Ratschläge geben. Damit ermöglicht man laut Simone Laxy eine Selbstreflexion des Kindes und stärke es beim Problemlösen. may

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