Geburtstag „Ich würde es noch einmal machen“

Schwäbisch Hall / Von Sonja Alexa Schmitz 15.12.2018
Heinz Geiger aus Hall wird am Samstag 90 Jahre alt. Dem ehemaligen Tanzlehrer und Inhaber der Tanzschule Geiger sieht man sein Alter nicht an.

Der Weg in die Wohnräume von Heinz und Maria Geiger führt durch das, was das Leben des Mannes geprägt hat, der am Samstag seinen 90. Geburtstag feiert. Hinter der Haustür an der Gottwollshäuser Steige in Schwäbisch Hall geht es am Garderobenraum vorbei in den Tanzsaal. Braunes, glänzendes Parkett, mit Samt bezogene Bänke rund um die Tanzfläche, ein Spiegel und eine Lichtanlage. Alles im Stil der 70er-Jahre. Ein Museum. Doch ein- bis zweimal die Woche kommen noch Tanzgruppen, die dort trainieren.

„Davon bekomme ich nichts mit“, winkt Heinz Geiger ab. Eine Tür und eine Wendeltreppe sind zwischen ihm und seinem ehemaligen Beruf. Er hat damit abgeschlossen. Der letzte Tanz, den der Senior und seine Frau aufs Parkett gelegt haben, war eher zufällig, als sein Enkel bei einem Vorspiel einen Tango spielte und die Lehrerin fragte, ob jemand Tango tanzen könne. „Ja, mein Opa und meine Oma“, rief der Enkel. Es hat noch so gut geklappt wie eh und je. Nur dass langsam die Knochen steif werden und der Gang eines 90-Jährigen unsicherer wird.

Was Heinz Geiger nicht daran hindert, sich um das riesige Grundstück am Hang hinter dem Haus zu kümmern. Er schneidet noch die Apfelbäume, mäht und kümmert sich um den Gemüsegarten.

Im Jahr 2000 hat er die Arbeit in der Tanzschule seiner Tochter Regina überlassen. Er hat genug gearbeitet, das fällt ihm rückblickend auf. Aber er sagt: „Ich würde es noch einmal so machen.“ Er war gerne Tanzlehrer, mit allem, was dazu gehört. 44 Bälle alleine in den Hagenbachhallen haben sie organisiert, inklusive Schmücken und Tanzeinlagen. Sie haben drei Tanzclubs gegründet, mit erfolgreichen Turnierpaaren. Maria und Heinz Geiger, die sich 1957 beim Tanzen kennenlernten und sieben Jahre später heirateten, waren nie ein Turnierpaar. Sie nahmen sich den Satz eines Fußballtrainers zu Herzen, der sagte: „Wenn du trainierst, dann trainierst du, nichts anderes!“

Jetzt, rund um seinen 90. Geburtstag, denkt Heinz Geiger oft an die Zeit, als er in sowjetischer Gefangenschaft war. Mit 16 wurde er eingezogen und kam nach kurzem Kriegseinsatz in Österreich und der damaligen Tschechoslowakei ins Arbeitslager in den Kaukasus. Er schickte Postkarten nach Hause, nur 20 Worte standen ihm darauf zur Verfügung. „Ich will Tanzlehrer werden“, schrieb er.

Sein Vater, ein Dirigent und Musiker, war seit 1919 in den Sälen Halls unterwegs und brachte jungen Menschen Gesellschaftstänze bei. „Du kannst das nicht“, sagten die Eltern dem jungen Heinz. Weil er kein Instrument spielte. Damals hat ein Tanzlehrer sich selbst am Klavier begleitet, es gab noch keine „Konservenmusik“. Und jemanden zu engagieren, wäre zu teuer gewesen.Heinz Geiger stieg trotzdem ein. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft, am 25. Dezember 1949 („meinem schönsten Weihnachtsfest“), suchte er sich eine Lehrstelle als Feinmechaniker. Das sei damals nicht leicht gewesen, sagt er. Neben der Lehre lernte er sowohl bei seinem Vater als auch in Stuttgart den Beruf des Tanzlehrers.

Damals fanden Tanzstunden nur abends und nur im Winter statt, weil die Menschen im Sommer auf den Feldern arbeiteten. Also war er tagsüber Mechaniker und abends Tanzlehrer. „Das war alles ein Provisorium“, erzählt Geiger. Sie hatten keinen festen Raum, sondern unterrichteten in den Sälen von Solbad, Neubau-Saal, Hotels und Gaststätten in der Region.

1964 zog die Tanzschule ins Haus an der Gottwollshäuser Steige. Dort ruht jetzt das rege Leben, das das Paar einst geführt hat. Keine Bälle mehr, die bis in den frühen Morgen gehen, jetzt freut sich der Jubilar, dass er abends fernsehen kann. Und tagsüber, wenn es die Gartenarbeit zulässt, sitzt der Mann, dessen Rücken immer noch auffällig gerade ist, in seinem „Studio“, dem ehemaligen Büro, und sichtet die alten Filmaufnahmen. Erdgeschoss und Speicher sind voll von Langspielplatten. Alleine 80 Platten von Hugo Strasser und rund 5000 Singles. Heinz Geiger liebte schon immer die Musik. Aber im Haus ist es still geworden. Seine zwölf Jahre jüngere Frau Maria mag die Musik nicht mehr hören. Er schon. Leise in seinem Studio.

Haller Urgestein aus der Gelbinger Gasse

Heinz Geiger wurde als drittes von vier Kindern in der Gelbinger Gasse geboren und wuchs dort auf. Sein Vater Heinrich war Tanzlehrer, er unterrichtete auch die Sieder. Mit 16 wurde Heinz Geiger in den Krieg eingezogen und blieb vier Jahre in Gefangenschaft im Kaukasus.

Nach seiner Rückkehr lernte er Feinmechaniker und parallel Tanzlehrer. Der Vater starb früh, Heinz und sein Bruder Walter übernahmen den Tanzunterricht. Heinz und Maria Geiger haben eine Tochter (Regina Geiger mit Tanzschule in der Bahnhofstraße) und einen Sohn, der in Österreich lebt, außerdem sechs Enkel.

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