Nur rund zwei Drittel (64 Prozent) der Deutschen traut Kindern und Jugendlichen zu, als Erwachsene Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen. Diese Schlagzeile machte vor einiger Zeit die Runde, als das Deutsche Kinderhilfswerk den bei Infratest dimap in Auftrag gegebenen Kinderreport 2017 vorstellte. Anscheinend stellen viele Erwachsene die Demokratiefähigkeit der nachfolgenden Generation in Frage. Was sich anhört wie eine Anklage an die Jugend, ist in Wahrheit ein gesamtgesellschaftliches Problem, nämlich das Desinteresse und mangelnde Engagement für Demokratie, welche anscheinend weitervererbt werden. Dabei haben, zumindest gemessen an den Rückmeldungen auf die entsprechende Frage, die meisten Erwachsenen eine klare Vorstellung davon, wer dafür verantwortlich ist, dass Jugendliche einen Zugang zu Politik und Demokratieverständnis entwickeln, nämlich vorrangig Elternhaus und Schule. Setzt man diese Aussagen in Bezug zur oben genannten düsteren Zukunftsprognose, stellen sich die Erwachsenen unfreiwillig selbst ein schlechtes Zeugnis aus.

Doch trotz aller Unkenrufe gibt es auch heute Kinder und Jugendliche, die politisches Engagement und Interesse an Demokratie zeigen und sich einbringen. Wie vielfältig dabei der Zugang sein kann, zeigen junge Nachwuchspolitiker aus dem Landkreis, die in Parteien aktiv sind oder sich in den Jugendgemeinderat einbringen wollen. Cedric Schiele (19), Kreisvorsitzender der Jusos etwa, fand den Zugang zur Politik über das „Gemecker“ im familiären Umkreis. „Ich wollte nicht nur meckern, deshalb bin ich mit 14 zu den Jusos und mit 15 in die SPD eingetreten“, erinnert er sich. Zur Demokratiefähigkeit seiner Altersgenossen hat er einen anderen Denkansatz: „Ich glaube nicht, dass die Jugend nicht demokratiefähig ist, ich glaube eher, dass die Demokratieformen nicht jugendfähig sind.“ So beschreibt er politisches Engagement als langwierig und anstrengend, als eine Anhäufung von Dingen, die man eigentlich nicht machen will, die aber dazugehören, wenn man sich einbringen will. Seiner Meinung nach würden Projektarbeit und gezieltes Arbeiten an einzelnen Themen mehr Jugendliche ansprechen. Doch leider muss er zugeben: „Warum Politik für viele so uncool ist, weiß ich nicht und wenn ich dafür eine Lösung hätte, dann hätten wir kein Nachwuchsproblem.“ Was ihn ärgert, ist, dass Demokratie und die europäische Idee insgesamt als selbstverständlich wahrgenommen werden und eher als Angriffs­punkte dienen anstatt als etwas gesehen zu werden, das zu verteidigen wert ist. Die politische Diskussion daheim am Esstisch, die im Nachklang des Kinderreports immer wieder gefordert wurde, kennt er übrigens tatsächlich, auch wenn es weniger so war, dass sie ihn zur Politik geführt hat, sondern umgekehrt, erst entstanden ist, als er anfing, sich dafür zu interessieren.

Muhammad Taha Tariq (18) aus Crailsheim teilt einige Ansichten von Cedric Schiele, auch wenn sich die beiden nicht kennen. Seit etwas mehr als vier Jahren lebt der Schüler in Deutschland und ist begeistert von der demokratischen Freiheit, die sich ihm hier bietet. Sein Interesse an Politik hat der junge Mann, der sich für einen Sitz im Crailsheimer Jugendgemeinderat bewirbt, vom Onkel, der Politiker in Pakistan ist. „Ich habe gesehen, dass Deutschland ein gutes Land ist, um Politik zu machen und gerade für mich als Migrant ist es eine Chance, Gesellschaft und Politik auf diesem Wege kennenzulernen.“ Wichtig ist ihm, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. „Ich sehe Politik als soziale Arbeit. Man ist Vertreter des Volkes und es ist Aufgabe der Jugend, Deutschland weiterzuführen in die Zukunft, und wenn andere Jugendliche das nicht wahrnehmen, dann mache ist das eben.“ Sein Vorbild ist übrigens Angela Merkel. Er hat sich bewusst die CDU als Partei ausgesucht, weil er zeigen wollte, dass für ihn der Mensch vor der Religion kommt und ihm die christdemokratische Partei auch eine Heimat bieten kann, obwohl er Muslim ist.

Ohne Partei, dafür aber mit großem politischen Interesse bewirbt sich auch Maximilian Andrejew (18) aus Crailsheim für den Jugendgemeinderat. Der Auszubildende hat ebenfalls eine Meinung zum Kinderreport: „Die Diskrepanz zwischen Jung und Alt gibt es schon immer. Jeder wächst als Jugendlicher in Strukturen hinein, die die Alten aufgebaut haben, doch was die Älteren gerne vergessen, ist, dass auch diese Strukturen durch Veränderungen entstanden sind und irgendwann seien eben die Jungen wieder dran, Dinge anders zu machen als die Alten.“

Zwar vermisst er manchmal politisches Interesse bei seinen Altersgenossen, doch eine allgemeine Diskussionsfreude möchte er ihnen nicht absprechen und damit die Fähigkeit, einen Standpunkt und eine Meinung zu haben. Für mangelndes Engagement macht er eher die Fülle der Möglichkeiten verantwortlich, die sich jungen Leuten heute böten und zu denen sie erst einmal einen Zugang finden müssten. „Wenn die Zündung da ist, dann kommt das Engagement von ganz alleine“, ist er sich sicher.

Er selbst ist aktiver Fechter, und das Hineinwachsen in Vereinsstrukturen hat bei ihm stark dazu beigetragen, ein gesellschaftliches und politisches Interesse zu entwickeln. Ergänzt wurde dies bei ihm ganz klassisch durch den steten Zugang zu meinungsbildenden Medien wie Zeitung, Radio oder auch Internet. Wie stark er von den Ansichten seiner Eltern geprägt ist, wird ihm übrigens erst jetzt, an der Schwelle zum Erwachsensein, bewusst. Mittlerweile steht er ganz bewusst hinter Ansichten, die er vorher einfach hingenommen hat.

Einig sind sich alle drei Jungpolitiker, dass Jugendlichen der Zugang zu Politik nicht immer einfach gemacht wird. Gerade die ältere Generation müsse den Jungen aufzeigen, wo sie sich einbringen können. Es gelte, Jugendlichen klar zu machen, wo sie eingeladen, anstatt abgeschreckt werden, um das demokratische Erbe weiterzutragen. Das Potenzial ist da, genutzt werden muss es gemeinsam.

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FDP hat größtes Vertrauen in die Jugend


Der Blick auf die Parteien zeigt übrigens ein differenziertes Bild, wenn es um die Demokratiefähigkeit der Jugend geht. Das größte Vertrauen in die Jugend haben FDP-Anhänger (84 Prozent), gefolgt von den Grünen (78 Prozent). SPD und Union liegen mit 69 beziehungsweise 66 Prozent nur knapp über dem Bevölkerungsdurchschnitt (64 Prozent). Ganz düster sieht es bei der AfD und den Linken aus. Nur 58 beziehungsweise 56 Prozent trauen der Jugend Demokratie zu.