Interview Flüchtlingshelferin: „Ich denke, wir schaffen es“

Hanna Hald ist seit 1991 im Haller Freundeskreis Asyl aktiv. Sie hat Flüchtlinge schon in den 90er-Jahren begleitet und ihnen Deutschunterricht gegeben.
Hanna Hald ist seit 1991 im Haller Freundeskreis Asyl aktiv. Sie hat Flüchtlinge schon in den 90er-Jahren begleitet und ihnen Deutschunterricht gegeben. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Kerstin Vlcek 14.09.2018
Hanna Hald vom Haller Freundeskreis Asyl spricht über die Flüchtlingssituation in Schwäbisch Hall, persönliche Anfeindungen und warum die Krise keine mehr ist.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Innenminister Horst Seehofer vor Kurzem meinte, „die Migrationsfrage ist die Mutter aller Probleme“?

Hanna Hald: Das kommt zwei Jahre zu spät. Es war vielleicht vor zwei Jahren eines unserer größten Probleme. Aber heute sehe ich das nicht mehr.

Warum?

Weil viele schon Fuß gefasst haben. Sie sind in der Ausbildung oder im Beruf.

Sie sind seit 1991 beim Haller Freundeskreis Asyl aktiv. Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem in den vergangenen zweieinhalb Jahren, verändert?

Die heutige Situation lässt sich ungefähr damit vergleichen, was ich in den Anfangsjahren beim Kosovo-Krieg erlebt habe. Da hatten wir ähnliche Zahlen an Flüchtlingen und Spätaussiedlern zusammen. Und es war eine riesige Herausforderung, präsent zu sein und zu helfen.

Also haben Sie eine Idee gehabt, wie es 2015 ablaufen wird?

Ja, hatten wir. Neu war für uns, dass die Syrer sehr schnell anerkannt wurden und sehr schnell Wohnungen suchen durften. Das war schwieriger, weil die Menschen nicht mehr zentral an einem Ort waren.

Inwiefern?

Die Kosovo-Albaner waren alle in den alten Kasernen, in den Dolan Baracks, in Hessental untergebracht. Da hatte man alle 400 auf einen Schlag. Heute ist es zerstreuter.

Um wie viele Flüchtlinge hat sich der Freundeskreis 2015 gekümmert?

Ich würde schätzen, um so 200 bis 300 Menschen.

Und dieses Jahr sind nur noch wenige Flüchtlinge gekommen?

Das stimmt. Ich habe die Zahlen nicht genau im Kopf aber ich glaube, das Landratsamt hat vor Kurzem gesagt, pro Monat kommen ungefähr 30 Flüchtlinge in den Landkreis. Damals waren pro Woche circa 80 Zugänge nur für die Stadt Hall. Das war einfach unglaublich.

Wie hat man dafür Ehrenamtliche gefunden, die sich kümmern?

2015 war das Thema so präsent, dass sie zu uns gekommen sind. Beim ersten Treffen des Freundeskreises nach den Sommerferien waren über 80 Personen dabei.

Und jetzt?

Jetzt sind wir wieder auf den harten Kern geschrumpft, der die organisatorische Arbeit macht. Aber wir haben immer noch 100 bis 200 Leute, die sich in der Breite kümmern und Familien begleiten.

Haben Sie ein herausstechendes Erlebnis mit einem Flüchtling gehabt?

Es gibt viele gute Beispiele. Ich hatte auch zwei minderjährige Flüchtlinge im Haus, die einen guten Weg gemacht haben. Sie haben, obwohl sie keine Schulbildung mitgebracht haben, hier ihren Hauptschulabschluss gemacht. Der eine hat seine Ausbildung zum Beton- und Stahlbauer gemacht und wurde übernommen. Der zweite hat den Hauptschulabschluss und eine Ausbildungsstelle.

Gerade nach den Ausschreitungen in Chemnitz. Wie gehen Sie an Menschen heran, die gegen Flüchtlinge sind?

Wenn man mit ihnen reden kann, dann spreche ich mit ihnen. Aber oft kommen Anfeindungen über anonyme Briefe oder E-Mails. Neulich war eine Unterschriftensammlung zu dem Thema „Mittelmeerrettung“ und da sind wohl ein paar unserer Mitarbeiter ziemlich angegangen worden.

Sind Sie selbst von Anfeindungen betroffen?

Hin und wieder. In den 90er-Jahren war es schlimmer. Da hatten mein Mann und ich auch noch unsere Kinder im Haus. Da gab es einen Anrufer, der sagte: Wir machen euch alle platt. Und den Anruf hat mein Sohn entgegengenommen ...

Was geht Ihnen bei Berichten über Ausschreitungen wie in Chemnitz durch den Kopf?

Es macht mir Angst. Die rechten Aktivitäten nehmen zu und die Menschen haben weniger Hemmungen als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Glauben Sie, dass es in Hall auch zu solchen Ausschreitungen kommen kann?

Im Augenblick nicht. Im Umland von Dresden gibt es sicher eine stärkere rechte Szene als in Hall. Aber auch hier hatten wir schon Aufmärsche. Zum Beispiel bei der Wehrmachtsausstellung 2003. Da gab es aber eine sehr starke bürgerliche Gegenbewegung.

Wenn Sie die Flüchtlingswelle während den Jugoslawienkriegen mit jener von heute vergleichen: Hat sich die Einstellung und Reaktion der Menschen verändert?

Nein, ich glaube, sobald viele Fremde kommen, dann erzeugt das Angst. Zwischendurch war es sehr ruhig um das Thema Flüchtlinge. Es kommt in Wellen.

So wie gerade ...

Obwohl kaum noch Flüchtlinge kommen! Das ist das Verrückte.

Braucht es in der Bevölkerung ein Umdenken?

Ja, aber die Frage ist, wie bekommt man es hin? Ich finde, wir bräuchten Politiker, die heute noch sagen, wir schaffen das. So wie Angela Merkel damals. Ich denke, wir schaffen es wirklich.

Gab es für Sie Überraschungen beim Flüchtlingszustrom vor knapp drei Jahren?

Überraschend war 2015, dass zuerst dieses große Willkommen war und dann die Gegenbewegung mit Pegida und Ähnlichem. Das war in den 90er-Jahren nicht so. Da hat niemand willkommen geschrien, als die Albaner kamen.

Es wird ja oft von den „besorgten Bürgern“ gesprochen. Können Sie nachvollziehen, dass manche Menschen Angst vor Flüchtlingen haben?

Dass man Angst hat, kann ich teilweise verstehen. Aber es ist nicht gut, wenn man bei der Angst stehen bleibt. Man muss schauen, wer kommt wirklich. Letztes Jahr war ich viel bei den Landfrauen unterwegs. Sie wollten alle Vorträge über Flüchtlinge hören. Bei den Landfrauen Uttenhofen habe ich dann gefragt, ob es bei ihnen überhaupt Flüchtlinge gebe. Nein, kam als Antwort. Kennen Sie welche? Nein. Da habe ich dann gefragt, wo ist das Problem?

Und wo ist dieses?

Je weniger präsent es in der Realität ist, desto präsenter ist es in der gedanklichen Welt.

Gerade Politiker der AfD schüren die Angst und den Hass vor Flüchtlingen. Was kann man dagegen tun?

Ich weiß es nicht ... Das Gespräch suchen. Konfrontation bringt nichts. Wir hatten neulich eine Veranstaltung zum Thema Familiennachzug, zu dem wir extra Politiker eingeladen haben, auch von der AfD. Denn gerade die müssen es hören. Aber sie sind nicht gekommen.

Sie machen mit dem Freundeskreis Asyl durch viele Aktionen immer wieder auf das Thema aufmerksam. Wie wird das angenommen?

Im Prinzip nicht schlecht. Gerade planen wir die Aktion „Spurwechsel“. Wir suchen Unterstützung bei Arbeitgebern, die Flüchtlinge beschäftigen und uns unterstützen, dass diese auch bleiben dürfen.

Das ist aber eine bundespolitische Frage …

Ja, schon. Aber die Bundesregierung will bis Ende des Jahres ein Zuwanderungsgesetz vorlegen. Im Entwurf steht diesbezüglich noch nichts. Obwohl die Arbeitgeber das fordern. Und da wollen wir jetzt Druck machen. Die Unternehmen finden sowieso nur schwer Azubis.

Viele Ausbildungsplätze könnten ohne Flüchtlinge gar nicht besetzt werden …

Genau. Gerade viele Afghanen haben jetzt den Schulabschluss gemacht und seit September sind viele in Ausbildung. Dann sollen sie auch bleiben dürfen.

Was hat Sie 1991 dazu bewogen, im Freundeskreis Asyl mitzuwirken?

Meine Intention war, Deutschunterricht zu geben. Damals wurde noch explizit gesagt, Flüchtlinge sollen kein Deutsch lernen, damit sie sich nicht integrieren. Dann kann man sie besser wieder abschieben. Ich fand das so absurd.

Also das Gegenteil zu heute?

Nicht ganz. Im Augenblick sollen die Deutsch lernen, die eine gute Bleibeperspektive haben. Das sind Flüchtlinge aus fünf Ländern: Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Die dürfen von Anfang an Deutschkurse besuchen, die anderen nicht. In Hall haben wir Glück. Es gibt immer wieder Geld für Anfangskurse Deutsch oder Maßnahmen zur Berufsförderung. Offiziell kriegen sie aber keine Deutschkurse.

Warum?

Es wird an der Bleibeperspektive festgemacht. Das ist ein rein statistisches Problem. Wenn von einem Land mehr als 50 Prozent der Asylanträge positiv entschieden werden, dann haben sie eine gute Perspektive. Das ist aber ein bisschen absurd, denn unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass viele trotzdem bleiben. Egal wie. Entweder weil man sie nicht abschieben kann oder weil sie hier heiraten. Es gibt viele Wege.

Seit 27 Jahre im Freundeskreis aktiv

Hanna Hald, geboren am 30. Oktober 1951 in Karlsruhe, engagiert sich seit 1991 im Haller Freundeskreis Asyl. Sie hat Chemie studiert und ein Lehramtsstudium gemacht. Seitdem sie im Freundeskreis Asyl aktiv ist, gibt sie Flüchtlingen Deutschunterricht. Sie unterrichtet aber auch Deutsch als Fremdsprache an der Haller Volkshochschule.

Den Freundeskreis Asyl Schwäbisch Hall gibt es seit 30 Jahren. Ehrenamtliche engagieren sich für Flüchtlinge, die in Schwäbisch Hall untergebracht sind. Das Ziel ist, die Integration für die Neuankömmlinge zu erleichtern. Unter anderem bietet der Freundeskreis eine Kleiderkammer und eine Fahrradwerkstatt in der Alten Spinnerei in Hall an. Weitere Informationen zum Freundeskreis unter www.freundeskreis-asyl-sha-de. kv

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