Schwäbisch Hall "Ich danke Gott für das Däumchen"

Rainer Schmidt ist Pfarrer, erfolgreicher Sportler - und Kabarettist. Den Humor braucht er oft im Leben, wenn er Schmähungen und Unverständnis erfährt. In Hall berichtet er lebhaft und heiter darüber, wie er seinen Alltag gestaltet.
Rainer Schmidt ist Pfarrer, erfolgreicher Sportler - und Kabarettist. Den Humor braucht er oft im Leben, wenn er Schmähungen und Unverständnis erfährt. In Hall berichtet er lebhaft und heiter darüber, wie er seinen Alltag gestaltet. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / JOHANNA HORLACHER 18.11.2014
"Lieber Arm ab als arm dran", mit diesem provokanten Titel referiert Rainer Schmidt im Haller Brenzhaus und begeistert die Besucher. Er kam ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel zur Welt.

"Meine Geburt war ein Schock, meine Oma fragte: ,wie soll der denn essen, wie soll der sich anziehen?' - alles, was meine Oma befürchtet hat - trat nicht ein", erklärt Rainer Schmidt im vollbesetzten Vortragssaal des Haller Brenzhauses. Er beugt sich zum Tisch und nimmt mit seinen Armstümpfen, an denen sich nur auf der linken Seite ein kleiner Ansatz eines Daumens befindet, das Glas und trinkt. Aha - das geht, denken jetzt wohl einige Vortragsbesucher.

Er setzt sich nicht an den vorbereiteten Tisch und stellt sich auch nicht hinter das Rednerpult. Quirlig geht er auf und ab, gestikuliert, redet, lacht und bringt vor allem sein Publikum zum Lachen. Schnell ist der Funke übergesprungen. Schmidt ist Pfarrer, Buchautor, Dozent, Kabarettist und ein überaus erfolgreicher Sportler. Alles ganz normal und doch außergewöhnlich.

Hier berichtet ein erfolgreicher Mensch über sein bisheriges Leben. Und doch ist er 100 Prozent schwerbehindert. Rainer Schmidt vertritt mit großer Leidenschaft die These, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied von Menschen mit und Menschen ohne Behinderung gibt. "Leider haben wir uns so sehr an diese Aufteilung gewöhnt, sie ist uns selbstverständlich geworden", bedauert er. Er will den Zuhörern Mut machen, ihre Einstellung zu den Grenzen des Lebens zu ändern.

Beeindruckend spricht Rainer Schmidt über gute und schlechte Erfahrungen, Kränkungen, Erfolge, Misserfolge, Leiden, Ängste, Glück oder Unglück. All seine Erlebnisse, die er schildert, passen nicht grundsätzlich auf Behinderte oder Nicht-Behinderte, sie passen auf Menschen. Auch wenn Rainer Schmidt vor der "Verwöhnfalle" warnt, macht er keine Unterschiede und appelliert dazu, Menschen zur Selbstständigkeit zu erziehen.

"Kinder müssen wissen: Ich kann was und ich bin wer - das macht sie stark", betont Schmidt und erzählt von seiner "glücklichen Kindheit". Das mag unwahrscheinlich klingen, wenn man sich die Schwere seiner Behinderung vor Augen führt. Aus seiner Perspektive sei das aber so gewesen. Er führt dies auf das vorhandene Netzwerk in der Großfamilie, im Dorf, beim Vereinsleben und im Sport zurück. Damit schlägt er den Bogen zum Thema Inklusion, bei dem er ein gefragter Dozent ist.

Zusammenfassend gilt hier sein Appell: "Nichts für uns oder über uns - ohne mit uns". Man ist nicht behindert, man fühlt sich behindert, sagt Schmidt.

Viele Menschen, die Rainer Schmidt kennen lernen, staunen über das, was trotz seiner Einschränkungen möglich ist. Er verschweigt nicht, wie viele negative Erfahrungen und Kränkungen er aber auch erleben muss. Er macht diese aber nicht zu seinem Thema. Im Gegenteil, er beschämt die Menschen mit seinem Verständnis dafür, dass Behinderte andere überfordern.

Er macht Witze darüber, dass er bei der Bahn lange ohne Fahrkarte fahren konnte, weil das Zugpersonal ihn nicht auffordern wollte, die Fahrkarte herauszuholen. Die Besucher im Brenzhaus lachen völlig unbeschwert und herzlich, als Rainer Schmidt Anekdoten vom Buffet mit Fingerfood erzählt oder von peinlichen Situationen im Supermarkt und im Alltag spricht. Er sprüht vor Humor und Witz und verweist dabei auf sein Kabarettprogramm.

Dann zählt er die Strategien auf, die ihm - trotz allem - dabei helfen, ein gutes und glückliches Leben zu führen. Dazu gehören Hilfsmittel und das Annehmen von Hilfe. Er demonstriert mit einem Stab, wie dieser ihm beim Anziehen hilft. Wichtig sei es, "zu kompensieren und Vorteile zu erkennen".

Richtig gut gehe es ihm, wenn die Menschen seine Behinderung gar nicht bemerken würden. "Andere sehen das, was mir fehlt. Ich schaue mehr auf die Habenseite. Was glauben Sie, wie oft ich Gott dafür danke, dass ich dieses kleine Däumchen habe!", lacht Pfarrer Rainer Schmidt und streckt seinen Daumen hoch.

Zur Person

Rainer Schmidt (geboren 18.02.1965) ist evangelischer Pfarrer und Referent an einem Fortbildungsinstitut in Bonn. Zudem ist er als Moderator und Kabarettist tätig. Im Tischtennis hat er bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei den Paralympics 2008 in Peking Medaillen gewonnen. Er will in Büchern und Vorträgen zeigen, wie man an Herausforderungen wachsen kann.

www.schmidt-rainer.com

SWP

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