Das heutige Regionalzentrum war in den 1920er-Jahren eine Stadt mit rund 9300 überwiegend evangelischen Einwohnern und einer von Kleinbetrieben geprägten Wirtschaftsstruktur. Entsprechend eng war der Gestaltungsspielraum von Gemeinderat und Stadtschultheiß. Trotzdem gelangen wichtige Weichenstellungen, etwa durch erste Eingemeindungen, erste Siedlungen außerhalb des Altstadtbereichs oder die Begründung der Freilichtspiele.

Diese Errungenschaften wurden aber durch die Krisen in den Schatten gestellt. Die Inflation erreichte 1923 ihren Höhepunkt. Mit der groteske Züge annehmenden Geldentwertung wirkte sie wirtschaftlich und politisch destruktiv. Nach einer Phase der Konsolidierung kam ab 1929 die Weltwirtschaftskrise. Eine Arbeitslosigkeit von bis zu 20 Prozent führte zu existenzieller Not. Stadtschultheiß Wilhelm Prinzing warnte, dass die Arbeitslosen „zu Gewalttätigkeiten und kriminellen Handlungen gezwungen werden“ könnten.

Neckartenzlingen

Arbeitermilieu blieb „rot“

Diese Krisen prägten auch das politische Leben. Das Arbeitermilieu, zu dem auch ein buntes Spektrum an Sportvereinen, Kulturvereinen oder Jugendgruppen gehörte, blieb „rot“ und wählte meist die SPD, die auf 25 bis 30 Prozent der Stimmen kam. Die Sozialdemokraten traten den Rechten entschieden entgegen. Mehrfach sprengte man Kundgebungen der „Nazis“, die als „Terroristen“, „Brunnenvergifter“ und „Schädlinge am deutschen Volk“ gebrandmarkt wurden.

Im protestantisch geprägten Bürgertum zeichnete sich ein tief greifender Umbruch ab. Die anfangs dominierenden liberalen, demokratischen Parteien verloren rasch an Zustimmung. Wichtigster Vertreter des rechten Lagers war lange Zeit die „Württembergische Bürgerpartei“ (WBP), ein Ableger der „Deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP). Die Haller WBP war zwar ein Honoratiorenclub mit Ärzten, Geschäftsleuten, Lehrern und höheren Beamten. Inhaltlich gab es aber kaum Unterschiede zu den völkischen Rechtsextremisten. Wie diese propagierte man die „Dolchstoßlegende“, die Verherrlichung von Militär und Krieg, die Feindschaft gegen die Republik, die sie tragenden Parteien und gegen die Juden, gegenüber denen man an der „Blutsgemeinschaft des Völkischen“ festhalten müsse. „Den Parlamentarismus und die Herrschaft der Parteien zu bezwingen“, war auch das offene Ziel des ab 1928 präsenten, der DNVP nahe stehenden Frontkämpferverbands „Stahlhelm“.

Bis 1928 wählten zwischen 15 und 24 Prozent der Haller deutschnational. Dann verlor die WBP/DNVP stark an Klientelparteien wie die „Reichspartei des deutschen Mittelstands“. Mit den Reichstagswahlen von 1932 wurden dann die Nationalsozialisten mit 34 Prozent schlagartig die stärkste politische Kraft. Die bereits 1923 von Lehrern und Kaufleuten gegründete Haller NSDAP war im Zuge der wirtschaftlichen Erholung Ende der 1920er-Jahre in der Versenkung verschwunden und 1930 neu gegründet worden. Trotz ihrer aggressiven, radikal antidemokratischen und antisemitischen Agitation war sie eine Partei der Mittel- und Oberschicht, sogar eine Honoratiorenpartei.

Wahlaufruf für Hitler

Einen Wahlaufruf für Hitler unterschrieben 1932 unter anderem Offiziere, Rechtsanwälte, Kaufleute und Ärzte. So sah man bei den „bürgerlichen“ Hallern bis zuletzt meist nicht die Nazis, sondern die als „Marxisten“ diffamierten Sozialdemokraten als Feind. Die überwiegend positive bis begeisterte Reaktion dieses Lagers auf die Machtergreifung Hitlers 1933 kann deshalb nicht überraschen.

Auch hier vor Ort wird deutlich, wie schwer die wirtschaftlichen und politischen Hypotheken die Weimarer Republik belasteten. Nicht zu übersehen ist aber auch, dass sie nicht von sich aus zerfallen ist, sondern aktiv zerstört wurde. Wenn man aus den Geschehnissen zwischen 1918 und 1933 eine Lehre ziehen will, dann dürfte es wohl die Notwendigkeit sein, solchen Angriffen auf die Grundlagen unseres heutigen Gemeinwesens entschieden entgegenzutreten.

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Info


Der Autor Daniel Stihler ist stellvertretender Leiter des Schwäbisch Haller Stadtarchivs. Er hat kürzlich einen Vortrag zum Thema Weimarer Republik gehalten.