Überall Akten, Unterlagen, Ordner – das Büro von Edgar Blinzinger im dritten Stock des alten Gymnasiums sieht noch nicht nach Ruhestand aus. „Ich hab den Schalter auch noch gar nicht gefunden“, sagt der 65-Jährige und meint damit, dass er sich den Ruhestand noch nicht vorstellen könne. Seit 33 Jahren steht Blinzinger in den Diensten der Haller Stadtverwaltung: „Ich habe keinen Tag bereut.“ Bürgermeister Erich Specht habe ihn seinerzeit angesprochen, als ein neuer Leiter fürs Sozial- und Jugendreferat gesucht wurde.

Schwäbisch Hall

Damals war der gebürtige Öhringer Geschäftsführer der Haller Awo. Specht habe ihn bei OB Binder vorgestellt, und dieser habe empfohlen: „Schnell hoim ond bewerbe.“ Diesen Rat hat Blinzinger befolgt – und sich durchgesetzt.

Prägende Erlebnisse auf Ämtern

Die soziale Ader des 65-Jährigen hat sich früh entwickelt: Als Bub musste er erleben, dass sein Vater, der ein „begnadeter Leichtathlet und Fußballer“ war, plötzlich an Kinderlähmung erkrankte. Nun stand der kleine Edgar schon als Sechsjähriger mit dem „grünen Rentenkärtle“ in der Warteschlange vor der Post in Öhringen, um die Rente abzuholen. Hautnah erlebte er den zuweilen leidvollen Umgang mit den Ämtern. Das prägt und hat ihn dazu bewogen, sich beruflich für andere einzusetzen. Dabei habe er ursprünglich Sportlehrer werden wollen. Doch er entschied sich für die Verwaltungslaufbahn.

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Blinzingers Verantwortungsbereich in der Haller Verwaltung hat sich immer wieder gewandelt. „Anfangs hatten wir sieben Kindergärten, den Heimbacher Hof, den Jugendtreff Forum und drei Altenwohnheime.“ Heute geht es um 14 Tageseinrichtungen mit 1000 Kita- und 200 Krippenplätzen, vier Seniorenheime, den Heimbacher Hof, dezentrale Jugendtreffs, zudem 16 Schulen, diverse Ganztagesangebote, Streetworker und nun auch den Bereich Sport. Rund 300 Mitarbeiter hat Blinzinger unter seinen Fittichen. „Früher habe ich alle Vorstellungsgespräche selbst geführt, wir hatten stapelweise Bewerbungen.“ Heute müsse man um jeden Bewerber kämpfen. „Wir wachsen, das braucht mehr Infrastruktur.“ Dennoch ist Blinzinger überzeugt: „Das Schöne an der Kommunalpolitik ist, dass man viel gestalten kann.“

Zu seinen Lieblingsprojekten zählt der Freundschaftstag, den er gemeinsam mit Robert Spoden erstmals 1991 organisierte. Die Idee sei im Ausländergesprächskreis von den Italienern angestoßen worden und wurde zur Erfolgsgeschichte. Dadurch auch einen „Beitrag zur Toleranz in Hall“ zu leisten, macht Blinzinger stolz. Auch beim Kinderfest oder beim Familientag im Heimbacher Hof gehe ihm „das Herz auf“.

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Aber es gab auch schlimme Momente: beispielsweise als im Mai das Werkstattgebäude des Heimbacher Hofs abbrannte. „Ich war letztlich nur erleichtert, dass niemandem etwas zustieß.“ Die darauf folgende Welle der Hilfe und Verbundenheit rührte ihn.

Neulich haben ihn seine Mitarbeiter zum Abschied mit einer speziellen „Blinzi“-Stadtführung überrascht. Ein Zeichen der Wertschätzung für den Vorgesetzten, der auf diesen Status übrigens keinen Wert legt: „Mir war immer wichtig, dass die Leute gerne hierherkommen.“

Versierter Verwaltungsmann mit dem Blick fürs Soziale und einem großen Faible für den Sport


Edgar Blinzinger wird am 6. April 1953 in Öhringen geboren. Nach der Schulzeit beginnt er eine Ausbildung für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst, die ihn zwei Jahre ans Rathaus Neuhütten und für ein Jahr ans Landratsamt Künzelsau führt. Das Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl beendet er als Diplom-Verwaltungswirt (FH). Von 1976 bis 1985 ist Blinzinger Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Hall. Er ist maßgeblich beteiligt am Bau des Hauses der sozialen Arbeit in der Mohrenstraße. Als die Stadt 1985 einen neuen Leiter für das Sozial- und Jugendreferat sucht, bewirbt er sich – mit Erfolg. Sein Zuständigkeitsbereich wird immer wieder umstrukturiert und entwickelt sich im Lauf der Jahre. Zuletzt ist Blinzinger Fachbereichsleiter für frühkindliche Bildung, Schulen und Sport. Der 65-Jährige ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Söhne und seit wenigen Wochen auch Großvater. Überdies ist Blinzinger, der seit rund 40 Jahren SPD-Mitglied ist, ein Sportfan. Er spielt Tennis, wandert gerne in den Bergen, liest viel – und genießt seinen Garten in Tüngental. blo