Asyl „Ganz fatale, schlimme Dinge“

Gaildorf / Beatrice Schnelle und Richard Färber 17.04.2018

Die Flüchtlingszahlen im Landkreis seien stark rückläufig, sagt Wolfgang Engel bei seinem Bericht vor der Bezirkssynode in Gelbingen über die Arbeit der Flüchtlingshilfe im Kreisdiakonieverband. Doch die Probleme hätten sich nicht verändert. Obwohl das Amt für Migration unter hohem Druck stehe, die Asylverfahren zu beschleunigen, seien im Kreis noch viele Verfahren anhängig. Es komme vor, dass jemand bereits zwölf Jahre geduldet werde, aber immer noch keinen Bescheid erhalten habe.

„Wir engagieren uns auch für Geflüchtete ohne gute Bleibeperspektive und scheinbar aussichtslose Fälle“, betont der Verbandsgeschäftsführer. An der Seite dieser Menschen kämpfe man um ihre Aufenthaltsberechtigung und gehe dabei „bis zum Äußersten von dem, was umsetzbar ist“. Eine interne Rechtsgruppe, ein Rechtshilfefonds und Netzwerkarbeit leisteten hier wertvolle Hilfe. In vielen Fällen könne man das Jugendamt in die Pflicht nehmen: „Da macht das deutsche Gesetz keinen Unterschied, ob es um Kinder aus deutschen oder Flüchtlingsfamilien geht.“ Das bereits seit 2002 bestehende Projekt „Tiefer Brunnen“, das sich speziell um traumatisierte Geflüchtete wie etwa jesidische Frauen kümmert, funktioniere immer noch gut. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit gelte Menschen mit Behinderungen und Versehrungen unter den Flüchtlingen.

Wohnsitzauflage falsch

Beratung, Unterstützung und Vermittlung seien die drei Säulen der Hilfseinrichtung. „Wir gehen in den Unterkünften aus und ein und die Flüchtlinge kommen in großer Zahl zu uns“, berichtet Engel. Zwischenzeitlich habe die Flüchtlingshilfe zwei Dolmetscherinnen verpflichtet. Unterstützt würden ebenso die ehrenamtlichen Helfer in den Freundeskreisen, etwa durch Supervisionsgruppen. Wenn ein Ehrenamtlicher mit einem von ihm betreuten Flüchtling um Rat frage, würden beide gestärkt.

Die vom Kreis verhängten Wohnsitzauflagen für Flüchtlinge nennt Engel eine „unselige und falsche Entscheidung“, gegen die der Diakonieverband angehe. Hintergrund der Auflagen sei, dass die Ghettobildung vermieden werden solle. Aber wenn beispielsweise ein in Rieden untergebrachter Flüchtling in Crailsheim eine Arbeit fände, sei es ihm so gut wie unmöglich, diese Chance wahrzunehmen. Als segensreichen Beschluss der Landkreisverwaltung lobt Engel hingegen die Einstellung der Integrationsmanager, mit denen der Diakonieverband bereits eine gute Zusammenarbeit pflege: „Die sind noch taffer unterwegs als wir und vielleicht sogar dichter dran, weil sie mit den Ortsverwaltungen zusammenarbeiten.“

„Was uns große Sorgen macht, ist der Rechtspopulismus“, bekennt Engel. Infolge der Ereignisse um die Essener Tafel, die zeitweise Flüchtlinge ausgesperrt hatte, habe der Diakonieverband Ausgrenzungen und Beschimpfungen geflüchteter Menschen erleben müssen: „Ganz fatale, schlimme Dinge, die man kaum aushält und denkt, das darf doch nicht wahr sein, dass so etwas in unserem Land geschieht.“ Es handele sich dabei um eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die aus der Mitte der christlichen Gesellschaft komme.

„Wir hören Sprüche, wo’s dich hinsetzt, aber nicht im Tafelladen“, sagt Petra Zott, Leiterin des K-u.-R-Ladens in Gaildorf und der Tafel Obersontheim. Mindestens 60 Prozent der Tafelkunden seien mittlerweile Flüchtlinge. Als dieser Anteil 2015 zunahm, habe es natürlich Irritationen gegeben: Die Flüchtlinge, die von den Sozialbehörden an die Tafel verwiesen worden waren, hätten gedacht, es sei „ihre“ Ausgabestelle; die bisherigen Kunden fürchteten, sie hätten das Nachsehen. Man habe vermittelt, aufgeklärt und damit erreicht, dass die Tafelkunden sich heute eher solidarisieren, als einander zu beschimpfen. Manche Stammkunden seien dann aber auch nicht mehr gekommen. Zott vermutet, dass es an den Umtrieben und auch am Lärm liegt, oder dass die Leute einen Job gefunden haben und die Zeit zum Besuch des Tafelladens nicht mehr finden.

Vorgänge in Essen verurteilt

Missverständnisse gebe es auch nach wie vor, etwa wenn neue Flüchtlinge zum ersten Mal im Tafelladen aufkreuzen. Mittlerweile gebe es aber auch einige junge Flüchtlinge, die wissen, wie die Tafel funktioniert und dann als Dolmetscher und Vermittler zur Verfügung stehen.

Zott, die von zwei Mini-Jobberinnen an der Kasse und etwa 25 ehrenamtlichen Helfern unterstützt wird, hat auch reagiert, als die Vorgänge um die Essener Tafel publik wurden. In einem Brief an ihre Mitarbeiter verurteilte sie die Entscheidung der Essener Kollegen. Fast alle hätten zugestimmt: „Do gucksch no, mir aufm Land krieget’s besser no.“