VfB "Faulpelze mit Drittliganiveau": Fans aus Hall und Region zu VfB-Abstieg

Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 23.05.2016
39 Jahre am Stück spielte der VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga. VfB-Fans aus Hall und Umgebung äußern sich über den Abstieg des Vereins.

 „Es müssen endlich professionelle Strukturen geschaffen werden“, fordert Jürgen Böhm von dem Verein, dessen Fan er ist – und der jetzt aus der ersten Fußball-Bundesliga abgestiegen ist. Böhm ist erster Vorstand des VfB-Fanclubs Alt-Hall (214 Mitglieder). Er attestiert dem Verein  fehlende Kompetenz und „jahrelanges Missmanagement“ und gibt dafür den Verantwortlichen  – Vorstand, Präsidenten – die Schuld. Gut sei nur die Rhetorik der Herren gewesen, aber sie hätten „das Hier und Heute aus den Augen verloren“.

Der VfB habe „seit Jahren“ um den Abstieg „gebettelt“, deshalb sei der Absturz jetzt auch „verdient“, so Böhm. Fehler seien gemacht worden, von der Jugendarbeit bis zu den Profis. „Das Ergebnis ist der Abstieg von zwei VfB-Mannschaften.“ (Anmerkung der Redaktion: Die zweite Mannschaft des VfB stieg als Tabellenletzter aus der dritten Liga ab) . Einige Spieler hätten „kein Kampf, keine Leidenschaft“ gezeigt, „kein Stolz, das Trikot mit dem roten Brustring zu tragen“.

Der Anspruch des VfB müsse der direkte Wiederaufstieg sein, sagt Böhm und ergänzt: „Liebe kennt keine Liga.“ Der neue Trainer Jos Luhukay mache ebenso Hoffnung wie die Vertragsverlängerung von bisherigen Leistungsträgern des Teams.

„Es war alles dabei, Enttäuschung, Trauer, Wut und so weiter“ – so beschreiben Christoph Belschner und Johannes Göhner die Stimmungslage beim VfB-Fanclub Schwäbisch Hall 1980, der 92 Mitglieder hat (inklusive Ehrenmitglieder). Für den „Absturz“ des Vereins gebe es „wohl sehr unterschiedliche Gründe. Diese nur beim Management zu suchen, sei sicher nicht richtig. Denn auch die Spieler hätten ihren Beitrag leisten müssen.“ Nur bei „sehr wenigen“ Spielern sei ein „echter Kampfgeist“ erkennbar gewesen. Der Rücktritt von Präsident Wahler und die Kündigung von Sportvorstand Dutt seien „richtig und nötig“ gewesen. Zur Kündigung des Trainers Kramny gebe es in dem Fanclub unterschiedliche Meinungen.

Inzwischen, sagen Belschner und Göhner, sei man aber an einen Punkt gelangt, an dem es heiße: „Nach dem Abstieg ist vor dem Aufstieg.“ Ein direkter Wiederaufstieg sei „mit Sicherheit“ möglich. Doch die beiden Vorstände betonen auch, dass der VfB in der kommenden Saison in einer zweiten Liga  spielen wird, die in den vergangenen Jahren selten so stark gewesen sei wie jetzt.

Belschner und Göhner gewinnen dem VfB-Abstieg sogar einen positiven Aspekt ab: „Nächstes Jahr spielen wir nicht mehr gegen künstliche gezeugte ,Vereine’ wie RB Leipzig oder den VfL Wolfsburg.“

Auch Georg Hoffmann, Vorstand des VfB-Fanclubs Bühlertann, thematisiert den Erstligaaufsteiger Leipzig: Es sei „bitter, dass unseren Platz in der ersten Liga der nächste Retortenclub einnimmt“. Die Enttäuschung sei „extrem groß“ – auch über den VfB-Abstieg, aber vor allem über den „Verfall unseres Vereins über die letzten Jahre, der durch zu viel Vetterleswirtschaft und Missmanagement aus dem deutschen Meister von 2007 ein nicht mehr bundesligataugliches Wrack gemacht hat“.

Hoffmann kritisiert „verheerende Personalentscheidungen“ und „katastrophale Fehleinkäufe“. Der VfB benötige „junge, ehrgeizige und hungrige Spieler und nicht irgendwelche mittelmäßige Faulpelze mit Drittliganiveau“. Gleichwohl werde die neue Saison interessant mit Fahrten zu Traditionsklubs – und mit dem Derby gegen Karlsruhe.
 

Kein eigenes Gesicht

Analyse „Der Vorstandschaft des VfB ist es offensichtlich nicht gelungen, eine schlagkräftige Allianz zwischen Sport, Wirtschaft und Politik zu schmieden“, sagt Halls Stadtrat und VfB-Dauerkarteninhaber Hartmut Baumann. Hinterfragt werden müsse, weshalb es seit Jahren nicht gelinge, „die starken Spieler aus der eigenen Jugend einzubauen“. Und warum es keinem Trainer gelang, „der Mannschaft ein eigenes Gesicht zu verleihen“. wd