Podiumsdiskussion in Hall Evelyne Gebhardt: „Europa ist das tollste Projekt“

Drei für Europa: OB Hermann-Josef Pelgrim (von links), Evelyne Gebhardt und Malcolm Harbour bekennen eindeutig Flagge für Europa.
Drei für Europa: OB Hermann-Josef Pelgrim (von links), Evelyne Gebhardt und Malcolm Harbour bekennen eindeutig Flagge für Europa. © Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 14.01.2019
Bei einer VHS-Podiumsdiskussion mit zwei EU-Politkern wird der Brexit nicht nur auf der Bühne bedauert. Kritik gibt es an der „armseligen“ Selbstdarstellung des Staatenbundes.

Es ist eine durch und durch pro-europäische Veranstaltung und hinsichtlich der dicht besetzten Stuhlreihen im Haus der Bildung zudem ein „Full House“ für den Auftakt der britischen Kulturwochen in Schwäbisch Hall: „Brexit im Blick – was wird aus Europa?“ lautet der Titel der auf Englisch und Deutsch geführten Podiumsdiskussion mit der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Evelyne Gebhardt, und dem konservativen britischen Politiker Malcolm Harbour.

Wenig positive Botschaften

OB Hermann-Josef Pelgrim, der als Moderator beeindruckende Dolmetscher-Qualitäten an den Tag legt, will wie viele andere im Raum vor allem eines wissen: Woran hat’s gelegen, dass die Briten der EU im Juli 2016 per Referendum eine Absage erteilten? „Zu viel nationale Nabelschau, zu wenig Blick fürs große Ganze“ ist die Essenz der Antworten, die Gebhardt und Harbour geben. Führende Politiker hätten stets nur kommuniziert, wie erfolgreich sie bei europäischen Gipfeltreffen die britischen Interessen durchgesetzt hätten, beklagen beide, weisen aber daraufhin, dass die verantwortlichen Minister anderer Mitgliedsstaaten ebenso handelten. Die positiven Botschaften von den Vorteilen der kulturellen Vielfalt der Wirtschaftsunion würden fehlen.

Eine Dame im Publikum formuliert es später zur allgemeinen Erheiterung ein wenig deutlicher: „Die EU hat eine armselige Marketingstrategie“, konstatiert sie und erntet damit die uneingeschränkte Zustimmung von Harbour. Ob und was die EU-Politiker aus der Kritik der britischen Bevölkerung, die durch das Referendum zu Ausdruck gekommen sei, gelernt hätten, fragt sie nach. Man wolle jetzt viel deutlicher sichtbar machen, was die Europäische Union alles für die Bürger geleistet habe, kündigt Gebhardt an und nennt als Beispiele die Abschaffung der Roaming-Gebühren im Mobilfunk und des Geoblockings bei Online-Käufen. Vor den EU-Wahlen im März würden auf ihr Betreiben hin alle freien, europäischen Kinos kostenlos einen Video laufen lassen, das die Bürger zum Urnengang bewegen soll.

„Europa ist das tollste Projekt, das es je gegeben hat“, stellt die im Hohenlohischen beheimatete Politikerin unter tosendem Beifall fest. Mit dem Vereinigten Königreich verliere die EU einen starken Verbündeten im Kampf für Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Bürgerrechte, was angesichts von EU-Ländern, in denen diese demokratischen Grundwerte mittlerweile in Frage gestellt würden, um so bedenklicher sei.

Kein Entgegenkommen

Verunsicherungen der Arbeiterschicht, Angst vor Lohndumping und überfüllten Schulen durch Zuwanderer nennt Harbour als Gründe für die überwiegend antieuropäische Stimmung auf der meinungsgespaltenen Insel, die in Deutschland ebenso bekannt sind. In manchen Fragen habe die EU nicht genug Kompromissbereitschaft gegenüber den Briten gezeigt, antwortet er auf die Frage aus dem Publikum ein, ob die Führung des Staatenbündnisses auch Fehler begangen habe. Ein Entgegenkommen sei nicht möglich gewesen, da sonst Länder wie Ungarn, Polen und aktuell Italien dann ebenfalls Sonderkonditionen gefordert hätten, ist Gebhardt da anderer Ansicht.

Die Sache verschlimmern

Ob denn ein zweites Referendum ein Weg aus der Misere sein könne, fragt ein Zuhörer. Der Ausgang einer weiteren Volksabstimmung sei unklar, so Harbours Einschätzung. Die Bürger Großbritanniens hätten ihre Haltung nicht wirklich geändert und ein zweites Votum gegen eine Mitgliedschaft würde die Sache nur noch verschlimmern. Hoffnungen auf einen Wiedereintritt, die aus dem Publikum geäußert werden, macht er zunichte: Das werde in den kommenden zehn bis 15 Jahren nicht passieren. Er hoffe aber stattdessen auf eine enge Zusammenarbeit Großbritanniens mit der Union. Immerhin bleibe Englisch die offizielle Amtssprache in der EU.

Nationale Identität

Den europaweit erstarkenden Populisten, die eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union mit dem Verlust der nationalen Identität gleichsetzten, hält er entgegen: „Die Litauer haben mir gesagt, dass ihr Land erst durch den EU-Beitritt seine nationale Identität zurückerobern konnte.“

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Zwei überzeugte Europäer

Evelyne Gebhardt (Jahrgang 1954) ist gebürtige Französin und Sozialdemokratin. Seit 1994 ist sie Mitglied im Europaparlament und seit Januar 2017 dessen Vizepräsidentin. Außerdem engagiert sich die 64-Jährige in verschiedenen Ausschüssen unter anderm für Binnenmarkt, Verbraucherschutz und Bürgerrechte. Sie ist im Hohenlohekreis zuhause und hat ihr Wahlkreisbüro in Künzelsau.

Malcolm Harbour, geboren 1947 im Süden Englands, vertrat seine britische Heimat 1999 bis 2014 im Europaparlament. Seit 1972 ist er Mitglied der Conservative Party. Als Ingenieur arbeitete er 30 Jahre lang in der Autoindustrie. 2013 wurde er für seine Verdienste um die britische Wirtschaft von der Queen zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. cito

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