Agrarwesen Reber: „Es tut mir weh, wenn ich das sehe“

Michael Reber aus Gailenkirchen sieht die Lage vieler Landwirte im Kreis nach der langandauernden Trockenperiode bedenklich. Er rechnet mit Einbußen von einem Drittel.
Michael Reber aus Gailenkirchen sieht die Lage vieler Landwirte im Kreis nach der langandauernden Trockenperiode bedenklich. Er rechnet mit Einbußen von einem Drittel. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Verena Köger 31.08.2018
Landwirt Michael Reber aus Gailenkirchen ist täglich in den sozialen Medien unterwegs. Durch seine Präsenz will er das Bewusstsein für Tier und Lebensmittel stärken.

Eine Stunde am Tag verbringt der Landwirt Michael Reber aus Gailenkirchen damit, Beiträge für die sozialen Medien zu erstellen. Außerdem betreibt er einen Blog, ein Tagebuch im Internet, auf dem er regelmäßig zu aktuellen Themen der Landwirtschaft schreibt. Vor rund zehn Jahren stellte der 46-Jährige die Schweinemast aufgrund der Preismisere auf dem Ferkelmarkt 2006 nach und nach ein und baute in Kooperation mit den Stadtwerken eine Biogasanlage.

Fällt Ihnen spontan eine Bauernweisheit ein?

Michael Reber: Mindestens einmal im Leben brauchst du einen Arzt, einen Pfarrer, einen Anwalt oder einen Polizisten. Dreimal am Tag aber brauchst du einen Landwirt.

Früher haben sich die Bauern ja nach diesen Weisheiten, vor allem bei Wettervorhersagen, gerichtet. Gilt das heute auch noch?

Beim diesjährigen Sommer hilft auch keine Jahrhundertweisheit mehr.

Was löst der Blick auf Ihre Felder bei Ihnen aus?

Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie alles vertrocknet.

Das ist doch alles nur Gejammer – heißt es zumindest in Kommentaren auf Ihrer Facebook-Seite.

Viele nehmen gar nicht wahr, was es für uns Landwirte bedeutet, wenn schon allein beim Getreide 40.000 Euro fehlen. Der Aufwand ist derselbe, seit Mai ist die Düngung und der Pflanzenschutz erledigt. Danach haben wir nichts mehr in der Hand. Das Wetter bestimmt, was wir ernten. Ich erwarte kein Mitleid, aber das Wetter gerade ist schon extrem. Es ist auch der Grund, warum wir unseren Ackerbau verändert haben.

Inwiefern?

Wir setzen auf regenerative Landwirtschaft und den Aufbau von Humus. Das ist die oberste Bodenschicht. Dort befinden sich die meisten Nährstoffe.

Wie wirkt sich mehr Humus auf den Acker aus?

Ein Prozent mehr Humus bedeuten 40 Liter mehr Wasser, die der Boden pro Quadratmeter speichern kann. Das Regenwasser muss auf der Fläche bleiben und nicht als Erosion im Bach landen.

Was tun Sie konkret dafür?

Die meisten Bauern pflügen den Acker nach der Maisernte. Danach liegt der Boden schwarz da. Aber in der Natur darf es keine schwarzen Flächen geben, nur grüne. Deshalb säen wir im Herbst alle Flächen mit Zwischenfrüchten ein, die über den Winter nicht erfrieren. Wichtig ist, lebende Wurzeln zu haben. Das geschieht, wenn die Pflanze Zucker abgibt, darin ist Kohlenstoff enthalten und dieser ist elementar für den Humusaufbau.

Müssen sich Landwirte also künftig mit neuen Methoden dem Klima anpassen?

Wir sind dazu gezwungen. Hinter dem Humusaufbau steckt kein ideologischer Gedanke, das ist reiner Selbstzweck. Ich muss schauen, wie ich als landwirtschaftlicher Betrieb überlebe.

Wie sehr nimmt Sie das mental mit?

Das schlimmste ist, wenn Regen vorhergesagt wird und keiner kommt. Ich kann nachts oft nicht schlafen, weil ich mir Gedanken mache. In unserem Betrieb steckt ja auch Fremdkapital drin. Die Banken wollen ihr Geld sehen.

Der Bauernverband verlangt eine Hilfe in Höhe von einer Milliarde für die Landwirte in Deutschland.

Die Dürrehilfe wird nicht viel bringen und ich glaube auch nicht, dass wir im Süden etwas von dem Geld bekommen.

Wieso nicht?

Verteilt auf alle Bauern in Deutschland bleibt nicht viel übrig. Und man muss auch so fair sein und zugeben, dass es im Norden noch viel schlimmer aussieht als bei uns. Deshalb ist es nicht gerechtfertigt, dass wir im Süden Hilfen beantragen. Klar, wir haben auch zwischen 20 und 30 Prozent Ernteausfall, aber es gibt Betriebe, die kein Futter mehr haben, um ihre Tiere zu füttern. Diese brauchen das Geld wirklich.

„Die Bauern bekommen doch eh schon genug Geld von uns“ – auch das müssen Sie sich im Netz vorwerfen lassen.

Fünf Milliarden für die Diesel-Abwrackprämie, das war kein Problem. Und jetzt gibt es eine Diskussion, weil der Bauernverband eine Milliarde fordert. Das finde ich einfach nicht fair. Eigentlich sind es nicht soziale, sondern asoziale Medien. Da hat man niemanden direkt vor sich und kann jeden Mist reinschreiben –  und immer gegen die Landwirtschaft, nie dafür. Das zerfrisst einen.

Wieso sind Sie dann in den sozialen Medien dennoch so präsent?

Ganz einfach: Ich will zeigen, was wir Landwirte eigentlich machen, und Verständnis dafür wecken.

Was war der Anstoß dafür?

Mit dem Bau der Biogasanlage kamen Anfragen für Führungen. Natürlich habe ich die Besucher dann auch durch den Stall geführt, auch wenn sie die Nase hochgezogen haben. Da ist mir erst klar geworden, wie wenig die Menschen über die Landwirtschaft wissen.

Wie äußert sich das?

Viele fahren an landwirtschaftlichen Betrieben vorbei und sehen nur den weitläufigen Hof und die großen Maschinen auf dem Acker. Dass auch ein wirtschaftlicher Druck da ist, damit Geld zu verdienen, verstehen nur wenige. Auch was in den Ställen passiert, bekommt niemand mit, aber daran sind auch wir Bauern schuld.

Ja?

Wir haben es 30 Jahre lang verpennt – wirklich verpennt –, zu zeigen, was wir in den Ställen machen, vor allem was Schweine- und Geflügelhaltung angeht.

Fehlt das Wissen hier auf dem Land auch?

Ja, natürlich. Hier in Gailenkirchen zum Beispiel gibt es nur noch zwei Betriebe, in den Nachbardörfern Wackershofen und Sulz keinen mehr. Da dauert es nicht lange, bis die Leute nichts mehr von Landwirtschaft verstehen.

Aber von den Bauern kommen doch die Lebensmittel, die wir täglich essen.

Bauernhof und Einkaufsladen sind zu weit auseinander. Wir Landwirte sind nur noch Ablieferer, Preise machen andere und irgendwann kommen die Produkte dann in den Laden. Dazwischen geht viel Wertschöpfung verloren. Das versuche ich durch die Öffentlichkeitsarbeit zu ändern.

Seit 2012 sind Sie täglich auf Facebook aktiv. Wie ist die Resonanz?

Ich tausche mich vor allem mit Kollegen aus, aber mein Ziel war es ja, die Verbraucher zu erreichen. Sie lesen zwar viel mit, aber beteiligen sich nur wenig und geben auch kein Feedback. Das war mir auf Dauer zu wenig.

Was dann?

2015 habe ich mit einem eigenen Blog angefangen. Ich wollte zeigen, was im Hintergrund passiert, wie wir als Familie mit den Herausforderungen in der Landwirtschaft umgehen. Es ist nicht so, dass wir um 18 Uhr die Stalltüre zuschließen und dann geht uns das nichts mehr an. Außerdem habe ich gemerkt, dass die Blogeinträge mir guttun. Wenn es mal wieder zu arg rattert im Kopf, schreib ich es und dann ist es auch wieder weg.

Steckt hinter der Medienpräsenz nicht auch Selbstvermarktung?

Meine Bekanntheit steigert sich dadurch. Bei den Feldtagen in Sachsen-Anhalt hat mich zum Beispiel jemand darauf angesprochen. Aber wirtschaftlich bringt mir das nichts, ich verkaufe ja nichts. Aber die Präsenz in den Medien hilft mir, Kontakte zu knüpfen. Ich wurde zum Beispiel in das Praktikernetzwerk vom Bundesministerium für Landwirtschaft aufgenommen.

Appellieren Sie an Ihre Kollegen, auch aktiver zu sein?

Jeder sollte Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Das muss nicht über das Internet sein. Es beginnt schon bei der sauberen Hofeinfahrt. Die einen machen Hofführungen, die anderen stellen Milchautomaten auf. Man muss das machen, was man kann.

Michael Reber, der Facebook-Bauer, ist da was dran?

Von manchen Kollegen werde ich als „öffentlichkeitsgeil“ hingestellt. Das ärgert mich dann schon. Es geht ja nicht nur um meinen Betrieb, sondern um die Außendarstellung der Landwirtschaft allgemein.

Seit 2014 sind Sie Haller Stadtrat. Inwiefern übernehmen Sie in den Sitzungen die Rolle des Landwirts Reber?

Eigeninteresse hat im Gemeinderat nichts verloren. Natürlich bin ich aber ein Vertreter der Landwirtschaft. Ich habe mich aufstellen lassen, weil es sonst keinen Landwirt im Gremium gab. Wenn niemand mehr mit landwirtschaftlichem Sachverstand drinsitzt, kommen auch keine landwirtschaftlichen Themen auf die Tagesordnung.

Seit 2003 der Chef auf dem Hof

Der gebürtige Haller Michael Reber ist 46 Jahre alt. Er besuchte die Grundschule in Gottwollshausen und machte auf dem Erasmus-Widmann-
Gymnasium in Hall sein Abitur. In Nürtingen studierte Reber Landwirtschaft und schloss mit dem Diplom-Agrar-
Ingenieur ab. 2003 übernahm er den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern. Er bewirtschaftet eine Fläche von 250 Hektar Land, Teile davon hat er in Pacht.

Er lebt zusammen mit seiner Frau Manuela, seinem Sohn Florian (18) und seiner Tochter Anne (11). Auch wenn Landwirt ein „24-Stunden-Job“ sei, nimmt sich der 46-Jährige eine Auszeit beim Radfahren oder Entspannen im Garten. Seit 2014 ist Reber Haller Stadtrat. Er ist Mitglied im Bauernverband im Praktikernetzwerk vom Bundesministerium für Landwirtschaft. ena

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