Was stellen Sie lieber her: Brummbienen oder Vogelhäuschen?

Ich mache beides gerne. Mit den kleineren Kindern Brummbienen. Die sind glücklich damit. Größere Kinder wollen mehr. Da kooperiere ich unter anderem mit dem Nabu. Da bauen wir Vogelhäuschen, Igelkästen und andere Dinge.

Was bieten Sie sonst noch im Heimbacher Hof an?

Schweißen, Schmieden, Zinngießen. Mit Keramik machen wir viel, auch Elektronik, also mit Schwachstrom. Wir stellen dann etwa ein Auto aus einer Wurstbüchse her oder bauen einen Leuchtturm mit Blinklichtern. Wir machen aber auch Ventilatoren oder Dinge mit Solarmodulen. Das biete ich auch an der Volkshochschule an.
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Schwäbisch Hall

Bleiben wir beim Heimbacher Hof. Da gab es einen heftigen Einschnitt am 11. Mai 2018. Wo waren Sie, als das Feuer ausbrach?

Ich war vor der Scheune. Ich habe geschmiedet und geschweißt. Ich konnte zugucken, wie mein Lebenswerk niederbrennt. Das war ziemlich hart.

Was war an diesem Tag los?

Da war Hof-Aktionstag. Es waren ziemlich viele Kinder da. Es war eine tolle Stimmung, tolle Atmosphäre, tolles Wetter. Zum Glück waren deshalb alle draußen.

Schwäbisch Hall Brand im Heimbacher Hof am 11. Mai 2018

Haben Sie den Brand bemerkt?

Der Hausmeister kam und meinte, hinter dem Werkstattgebäude rieche es komisch – nicht nach Schmieden sondern nach verbranntem Kunststoff. Da haben wir direkt gesehen, wie es aus dem Dach herausgebrannt hat.

Wie haben Sie reagiert?

Wir mussten erst schauen, dass wirklich alle Kinder draußen sind. Danach galt es zu retten, was zu retten war. Das war nicht viel.

Breitete sich das Feuer schnell aus?

Sehr schnell! Es war Ostwind. Alles war trocken. Das Gebäude hat gnadenlos gebrannt. Funken flogen, die Hitze war enorm. Die Feuerwehr hat direkt versucht, die anderen Gebäude zu schützen. Es war klar, dass das Werkstattgebäude nicht zu retten ist.
Großbrand im Heimbacher Hof

Brand in Schwäbisch Hall Großbrand im Heimbacher Hof

Wie waren die Tage danach?

Ich bin in ein Loch gefallen. Ich musste aber immer wieder an die Brandstelle. Da gab es Dinge mit der Versicherung und der Polizei zu klären. Ich bin danach für ein paar Tage weggefahren, zu einem Freund. Das hat mir sehr geholfen, mit ihm unterwegs zu sein.

Als Sie weg waren, ist die enorme Hilfswelle der Haller angerollt.

Es sind sehr viele gekommen, die helfen wollten. Es ging zunächst darum, zu schauen, wie wir trotzdem das Ferienprogramm in den Tagen darauf stemmen können. Ich wollte, dass wir die Dinge, die wir für die Kinder vorbereitet hatten, auch durchziehen.

Aber vieles war doch zerstört?

Wir haben improvisiert, beispielsweise den alten Stall umgerüstet und eingerichtet, unter anderem mit Dingen, die wir gespendet bekommen haben. Andere Dinge, wie die Dekupiersäge, die wichtig für das Angebot ist, haben wir gekauft.

Wie kamen Sie eigentlich zur Jugendarbeit? Sie sind doch gelernter Werkzeugmacher, Schreiner und Heilerziehungspfleger.

Der Beruf des Heilerziehungspflegers hat mir viel Spaß gemacht. Aber ich habe gemerkt, dass ich dort nicht weiterkomme. Ich wollte etwas, was mich mehr fordert, meine ganzen Fähigkeiten bündelt. Dann wurde bei der Stadt die Stelle frei.

Davor waren Sie aber ein Mensch, der eher ungebunden sein wollte.

Ja, ich bin mal mit dem Fahrrad nach Dänemark und habe dort auf einem Hof gelebt und gearbeitet. Da waren sehr viele Menschen, das war eine tolle Sache, sehr multikulturell. Mein Ziel war es, technisches Englisch zu lernen, um bereit zu sein für ein Leben in Nigeria.

Das heißt, Sie wollten auswandern?

Ja, zumindest für ein paar Jahre. Ich wollte in einem Schreiner-­Ausbildungsprojekt von „Dienste in Übersee“ und dem evangelischen Jugendwerk tätig werden. Sie haben mich letztlich nicht genommen, weil ich nicht verheiratet war und keinen Meistertitel hatte.

Dann wurden Sie doch sesshaft?

Stimmt, auch wenn ich anfangs im Auto gelebt habe. Ich habe mir ein Haus in Rüblingen gekauft und eine Werkstatt integriert. Da hat mein Vater, ein Maurer, noch mitgebaut, als er noch fit war. Ich lebe noch heute dort.

Dann kam der Heimbacher Hof?

Ich habe zunächst das Projekt „Jugend, Arbeit, Zukunft“ geleitet. Als dieses aber im Zuge der Finanzkrise der Stadt Hall aufgelöst wurde, bekam ich die Chance, die bis dahin ungenutzte Hof-Werkstatt aufzubauen.

Alleinverantwortlich?

Ja. Viele Ideen stammen von mir, aber man darf die Kinder nicht vergessen. Vieles entstand auch in ihren Köpfen. Manches kommt aus meinem kleinen Kunsthandwerksbetrieb zu Hause. Derzeit läuft da nicht viel, weil ich nebenher meinen Vater versorge. Aber hin und wieder entwickle ich Dinge, die ich für die Arbeit mit den Kindern herunterbrechen kann.

Das hat sicherlich einen pädagogischen Aspekt?

Ja! Sie lernen viel, etwa, wie man ein Fahrrad selbst repariert und nicht einfach irgendwo abgibt. Es ist ja häufig die Frage aus der Wirtschaft, wie man junge Leute zum Handwerk bekommt. Wir praktizieren das schon sehr lange. Die Kinder lernen bei uns den Umgang mit Werkzeug. Außerdem geht es bei uns auch um Teamarbeit. Für das Drechseln etwa hatten  wir eine tolle Maschine, die wir durch den Brand verloren haben. Der eine musste durch Treten Energie erzeugen, damit der andere drechseln kann.

Heute nehmen Kinder häufig lieber das Smartphone als echte Dinge in die Hand. Stört Sie das?

Ich selber habe weder Smartphone noch Internet. Das ist manchmal schwierig, weil ich nicht über Whatsapp erreichbar bin. Aber ich kann den Kindern sagen, dass ich diese Geräte selbst nicht nutze. Mich stört auch, wenn der Bufdi in der Werkstatt telefoniert. Entweder, man ist mit dem Kopf bei den Kindern, oder man geht raus. Internet hat seine Berechtigung. Aber wenn ich eine Tiger­ente machen will, schaue ich nicht erst ins Internet, wie sie aussieht. Ich zeichne sie freihändig auf, so gut, wie ich es kann.
Kinderwerkstatt Heimbacher Hof

Bildergalerie Kinderwerkstatt Heimbacher Hof

Benehmen sich Kinder heute anders als noch vor 25 Jahren?

Den Kindern fehlt die Ausdauer. Sie wollen etwas herstellen, was sie am Nachmittag direkt mit nach Hause nehmen können. Kinder, die ein halbes Jahr an einer Seifenkiste bleiben, gibt es  nicht mehr. Das ist eine traurige Entwicklung. Es ist doch gerade das Schöne, sich für etwas Zeit zu nehmen und im Prozess auf neue Ideen zu kommen.  Das erleben Kinder nicht mehr.

Und wie sieht es mit den Eltern aus?

Die haben manchmal Vorstellungen! Da werden Kinder geschickt, die eine Garderobe für daheim bauen sollen. Manche Eltern bleiben gleich da und wollen etwas mit ihren Kindern machen. Es ist toll, dass das Kind dann begleitet ist. Ich will aber nicht, dass die Kinder in ihrer Fantasie eingeschränkt werden.

Wie sieht es mit Ihren Wünschen aus. Soll dort, wo einst die Scheune stand, bald wieder eine echte ­Helmut-Graf-Werkstatt stehen?

Wir sind in einer Planungsphase. Wir hatten ein Beteiligungsverfahren mit Eltern, Jugendlichen und Kindern. Da gab’s viele tolle Ideen. Das muss alles reifen, ausgewertet werden. Vielleicht wird auch die Anordnung der Gebäude verändert. Wir wissen zudem nicht, welche Mittel wir bekommen. Bis alles klar ist, wird sicher ein halbes, Dreivierteljahr vergehen. Erst dann geht es an den Bau.

Und bis dahin?

Wir nutzen den Stall und warten noch auf temporäre Container. Es fehlt die Baugenehmigung. Im Improvisieren waren wir aber schon immer gut. Ich habe schließlich noch einiges vor. Manche Kinder haben kurz nach dem Brand eine Wiederaufbaumaschine gezeichnet. Die brauchen wir. Wir werden sie aus Schrott schweißen. Die Ideen kann man ja nicht verpuffen lassen.

Können Sie überhaupt wieder so viel Herzblut für ein neues Werkstattprojekt aufbringen?

Ich habe immer noch Spaß, Dinge auszuprobieren, herzustellen, zu bauen. Es ist aber schwierig, etwas zu ersetzen, was in 15 Jahren gereift ist. Es wird neue Sachen geben, das ist ja auch eine Chance. Es gibt neue Kinder, neue Wünsche. Vieles kann man ersetzen. Manches wurde aber unwiderruflich zerstört. Viele Materialien waren im Lager sortiert. Man konnte da hin und spontan mit einer ganzen Schulklasse etwas herstellen. Das fehlt! Außerdem meine Herzblutsachen: tolle Seifenkisten, die Farbschleuder, die wir erst kurz vor dem Brand wieder gerichtet hatten, unsere Schablonen, die Schokokussschleuder. Dinge, die wehtun, weil sie weg sind. Aber ich bin wieder am Sammeln. Es ist trotzdem schwer, das alles zu ertragen.

Vom Werkzeugmacher in die Jugendarbeit


Helmut Graf (58) wurde in Herrenberg geboren. Nach der Schule lernte er den Beruf des Werkzeugmachers. Anschließend folgte der Zivildienst in den Beschützenden Werkstätten Sindelfingen. Später absolvierte er die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger beim Haller Sonnenhof, wo er darauf zehn Jahre beschäftigt war. Graf schulte um zum Schreiner und arbeitete ein Jahr lang in Dänemark. Seit 25 Jahren ist er bei der Stadt Schwäbisch Hall angestellt. Zunächst leitete er ein Arbeitslosenprojekt in der Alten Spinnerei und wechselte dann in den Heimbacher Hof. Dort baute er unter anderem das Werkstattprojekt auf. Der 58-Jährige spielt Trompete im Posaunenchor Eschental und in der Band des Circus Compostelli.