Schwäbisch Hall "Es ist erledigt, das macht frei"

Das Wahlergebnis steht fest: Während der Sieger sich feiern lässt, steht Nikolaos Sakellariou nachdenklich am Rand.
Das Wahlergebnis steht fest: Während der Sieger sich feiern lässt, steht Nikolaos Sakellariou nachdenklich am Rand. © Foto: Klaus Michael Osswald
TOBIAS WÜRTH 23.07.2014
"Ich sehe das völlig entspannt", sagt Nikolaos Sakellariou nach der Wahlniederlage. Mit 35,4 Prozent der Stimmen ist er ein Verlierer der Wahl in Gaildorf

. Er empfindet die Niederlage nicht als Verlust.

Am ersten Tag in seinem Leben, an dem er weiß, dass die Gaildorfer ihn nicht als Bürgermeister haben wollen, ist Nikolaos Sakellariou genervt. Allerdings nicht vom Wahlergebnis. "Ich muss jetzt zum Zahnarzt, das stinkt mir viel mehr." Die Niederlage, die er nicht als solche empfindet, hätte er schnell verdaut.

Eine Vier vor dem Ergebnis - auf die hatte er gehofft. "Wenn es mehr als 40 Prozent gewesen wären, wäre es gut. Es bleibt ein Schönheitsfehler." Wahlsieger Frank Zimmermann (31) kommt auf 60,95 Prozent der Stimmen und zieht mit einem klaren Ergebnis ins Gaildorfer Rathaus ein. Er leitet die Stadtverwaltung schon jetzt stellvertretend für seinen erkrankten Vorgänger Ulrich Bartenbach.

Nikolaos Sakellariou (SPD) fällt in kein Loch. Der Rechtsanwalt führte gestern Verhandlungen und bereitete eine Rede für den Landtag vor. Er ist bekanntlich nicht nur Abgeordneter in Stuttgart, sondern sitzt auch im Haller Gemeinderat und im Kreistag.

"Es war einer meiner beiden Träume, in Gaildorf Bürgermeister zu werden", sagt er. Der 51-Jährige begründet: "Als Abgeordneter verfüge ich nur über einen kleinen Stab von Mitarbeitern. Als Bürgermeister sind es 100 Beschäftigte und gleich ein Budget von 30 Millionen Euro." Doch es hat nicht sollen sein, die Gaildorfer entschieden sich gegen den Haller.

Nun sei seine biologische Bürgermeister-Uhr abgelaufen, meint Sakellariou. Wenn man sich bewerbe, gehe das nur mit einer Perspektive auf zwei Perioden. "51 Jahre plus 16 sind 67", rechnet er vor. Am Ende seiner Laufbahn wäre er 67 Jahre alt gewesen. Der Jurist will sich nicht für ein weiteres Bürgermeisteramt bewerben. Die Chance in Gaildorf sei einmalig gewesen, da er die Region nicht verlassen will. "Ich will mir nicht jedes Jahr an Silvester und Weihnachten sagen: Hättest du es doch 2014 in Gaildorf versucht, du hättest es geschafft. Es ist erledigt - das macht frei." Jetzt habe er Zeit, seinen zweiten Traum zu verwirklichen, einen Halbmarathon zu laufen.

Er bereue nichts: "Jeder Abgeordnete sollte mal als Bürgermeister kandidieren." Noch in der Nacht habe er einen Anruf von Nils Schmid (SPD), dem stellvertretenden Ministerpräsidenten, erhalten. Der habe sich bei ihm bedankt.

Ist es eine Schande, als Kandidat abgeschlagen zu enden? "Ach was", entgegnet Werner Dierolf, Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag, auf Nachfrage. "Jetzt hat er eben was probiert, und das ist missglückt. Aus meiner Sicht ist er ein ganz toller, bodenständiger, fähiger Mann." Das Wahlergebnis in Gaildorf sollte seine Leistungen nicht schmälern. Dierolf: "Es sollte einen Erfahrenen nicht trüben, wenn ein Jüngerer gewinnt."

Halls erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm kennt sich mit dem Scheitern bei einer Wahl aus: Als OB-Kandidatin für Stuttgart erhielt sie vor zwei Jahren 15,1 Prozent der Stimmen. "Man nimmt unterschiedliche Blessuren mit. Mein Wahlkampf ging ein halbes Jahr und war im Zuge der Stuttgart-21-Debatte durch heftige politische Auseinandersetzungen geprägt." Die Wunden seien aber geheilt. Sie bereue es nicht, angetreten zu sein. "Wenn man durch diese Feuertaufe geht, kann einem fast nichts mehr etwas anhaben." Zurück in Hall sei ihr in keinster Weise Häme entgegengeschlagen. "Ich hätte mit Witzen gerechnet." Doch es kamen nicht einmal Sätze wie "Na, wieder hier?" Demokratie lebe eben von dem Kampf um Mehrheiten und von Menschen, die es wagen, zu kandidieren. Wilhelm: "Ich habe vor Herrn Sakellariou den größten Respekt."