Schwäbisch Hall Finanzamtsleiter: Menschen, die ihm leidtun

Martin Knörr, Leiter des Finanzamts Hall, arbeitet seit 32 Jahren in der Finanzverwaltung. Seit vier Jahren ist er für den Landkreis Hall zuständig.
Martin Knörr, Leiter des Finanzamts Hall, arbeitet seit 32 Jahren in der Finanzverwaltung. Seit vier Jahren ist er für den Landkreis Hall zuständig. © Foto: Tobias Würth
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 13.07.2018
Finanzamtsleiter Martin Knörr verrät, warum ihm kleine Fische, die viele Steuern nachzahlen, mitunter leidtun und warum er sich über hohe Zinsgewinne von Reichen wundert.

Denkt man ans Finanzamt in der Nacht, ist so mancher um den Schlaf gebracht. Wer zahlt schon gerne Steuern? Wer die Flure des Amts in der Haller Bahnhofstraße entlanggeht, findet keine Verschwendung von öffentlichem Geld. Die Ausstattung sieht aus wie original aus den 50er-Jahren. Der Behördencharme würde die Herzen von Retrofans höherschlagen lassen. Martin Knörr, Leiter des Finanz­-
amts Hall, hat sein Zimmer mit einer großen Pflanze aufgehübscht.

Wo befindet sich aktuell meine Steuererklärung in Ihrem Haus?

Martin Knörr: Wenn Sie beim Steuerberater waren, liegt sie wohl digital vor. Denn die nutzen in 90 Prozent der Fälle die papierlose Form. Wenn die Erklärung ohne Hilfe selbst abgegeben wird, kommt sie in 50 Prozent der Fälle noch auf Papier. Die wird dann allerdings erst einmal gebündelt nach Karlsruhe geschickt.

Warum das denn?

Wie in einer kleinen Fabrik werden alle Steuererklärungen in Papierform zentral für alle 65 Finanzämter im Land eingescannt. Ein Texterkennungsprogramm liest das aus. Der Bearbeiter  in Hall erhält dann den Inhalt elektronisch zugeschickt. Die Unterlagen werden archiviert.

Was passiert, wenn die Erklärung bei einem der Beamten auf dem Schirm zur Bearbeitung erscheint?

Die Zweier- und Dreier-Teams der Veranlagungsbezirke, so werden die genannt, rufen den Fall auf. Sie gehen dann die Erklärung durch: Ist sie glaubhaft, gibt es Sprünge bei den Werbekosten, änderte sich das Gehalt oder wurde ein Haus gekauft? Bei Fragen schreibt der Beamte den Bürger an. Ansonsten gibt er den Fall frei. Dann verschickt der Zentralversand in Karlsruhe den Steuerbescheid. Den kriegen wir in Papierform gar nicht zu Gesicht, können ihn aber am Bildschirm nochmal überprüfen. Es gibt aber auch Fälle, die gar nicht von Beamten bearbeitet werden.

Ach ja?

Die nennen wir Autofälle. Die werden gar nicht mehr von einem Mitarbeiter geprüft. Nachdem die Steuererklärung automatisch einging, wird automatisch der Bescheid verschickt. Das war früher gar nicht denkbar, wird aber vom Finanzministerium so gewünscht. Nicht jeder Fall eignet sich für diese automatische Bearbeitung. Im Vorjahr werden die Autofälle von Beamten als solche ausgewählt und gekennzeichnet.

Und die elektronische Bearbeitung wird forciert.

Das ist richtig. Zwar gilt die Regel schon seit 2013, doch in diesem Jahr müssen diejenigen, die zur Abgabe einer Einkommensteuererklärung verpflichtet sind, diese elektronisch einreichen. Das sind zum Beispiel alle, die in einer Einnahmen-Überschuss-­Rechnung Einkünfte angeben, die über die unselbstständige Arbeit hinausgehen. Bisher haben wir da die Abgabe in Papierform noch nicht geahndet. Wir waren ja froh, dass die Erklärungen überhaupt kamen – egal wie. Nun müssen wir in diesen Fällen aber eine elektronische Erklärung einfordern. Die elektronische Form hilft uns ungemein. Seit Januar machen wir alles papierlos.

Und dabei ist die Finanzsoftware mit dem Namen Elster nicht gerade selbsterklärend.

Daher haben wir viele Schulungen angeboten, die sehr gut besucht waren und die von unseren Mitarbeitern gegeben wurden.

Dann haben Sie ja weniger Arbeit und können Stellen reduzieren.

Es wurden ja schon einige Stellen abgebaut. Wir haben 204 Mitarbeiter, viele davon verbeamtet, und zudem 24 Auszubildende. Wir sind für den Landkreis Hall zuständig, nachdem die Ämter in Hall und Crailsheim fusionierten. Ausscheidende Mitarbeiter wurden über Jahre nicht in vollem Umfang ersetzt. Aber jetzt stellen wir wieder ein und suchen auch Auszubildende.

Warum?

Es kommt eine riesige Aufgabe auf uns zu, deren Umfang wir noch gar nicht kennen. Wir sind eine sogenannte Grundstückswertstelle als Dienstleister für Kommunen. Aufgrund unserer Angaben wird die Grundsteuer ausgerechnet. Dabei werden seit dem Jahr 1964 die damals festgesetzten Werte fortgeschrieben. Das Bundesverfassungsgericht hat dieses bundesweite Verfahren kürzlich als für nicht verfassungskonform erklärt. Wenn man nun alle Grundstücke in der Republik neu bewerten müsste, würde das  25 Jahre dauern. Es geht auch einfacher, wenn man zum Beispiel ein Verfahren wählt, das sich am Verkaufspreis orientiert. Aber selbst dann benötigen wir mehr Personal. Wir müssen im Moment für jedes Grundstück eine Akte bereithalten. Das sind 95 000 für den Landkreis Hall.

Haben Sie auch in den anderen Bereichen hohe Fallzahlen?

1,2 Milliarden Euro betrug das Steueraufkommen, mit dem wir im letzten Jahr direkt oder indirekt zu tun hatten. Wir bearbeiten 69 080 Einkommensteuererklärungen, 3 316  Fälle der Körperschaftssteuer, 4274-mal Personengesellschaften und 3400 Grunderwerbssteuerfälle, zum Beispiel bei Hauskäufen. Zudem bearbeiten wir 1439 Bescheide, die für die Bemessung der Gewerbesteuer nötig sind.

Und dort holen Sie sich überall Geld, was zum negativen Bild des Finanzbeamten beiträgt.

Wir versuchen, das Bild des Finanzbeamten zu verbessern. Wir sind eine kundenfreundliche Behörde. Oft erhält ja jemand Geld von uns, wenn er seine Steuererklärung abgibt. Im Rahmen unserer gesetzlichen Möglichkeiten erklären wir unsere Arbeit. Das hat aber Grenzen, da wir nicht beraten dürfen. Das machen die Steuerberater. Ich arbeite seit 32 Jahren beim Finanzamt. Den Typ des Beamten, der im Befehlston mit den Bürgern spricht, den gibt es schon lang, lang nicht mehr.

Aber Sie kontrollieren schon?

Klar. Auch wir haben hier im Amt Google Maps und kontrollieren schon mal die Kilometer zwischen Wohn- und Arbeitsort.

Verlassen Sie auch mal das Finanzamtsgebäude, um vor Ort nachzusehen, ob alles stimmt?

Natürlich. Es gibt die Amtsbetriebsprüfung. Es kann auch ein Mitarbeiter zu einem Privathaus geschickt werden, um eine Inaugenscheinnahme vorzunehmen. Allerdings gilt die Unverletzlichkeit der Wohnung. Wenn man nicht reingelassen wird, darf man nicht rein. Dann allerdings muss die Person auf andere Art beweisen, dass sie zum Beispiel ein Arbeitszimmer als solches nutzt. Bei einem Verdacht auf Steuerhinterziehung geben wir den Fall zu einer zentralen Bearbeitungsstelle nach Heilbronn. Das landet dann bei der Staatsanwaltschaft.

Wie oft kommt es im Kreis Schwäbisch Hall vor, dass die Staatsanwaltschaft aktiv wird?

Schon so 15- bis 20-mal pro Jahr. Es gibt ganz unterschiedliche Fälle. Manchmal handelt es sich um nicht versteuerte Gewinne, oder einen falschen Kassenstand im Gastro-Bereich.

Woher wissen Sie, wo Sie suchen müssen?

Fast wöchentlich erhalten wir Anzeigen von Konkurrenten. Das geschieht manchmal auch anonym. Wir sind verpflichtet, dem nachzugehen und das richtigzustellen oder zu ahnden.

Tut es Ihnen dann manchmal auch leid, durch eine hohe Steuerforderung Menschen ins Unglück zu stürzen?

Durchaus. Wir sind auch Menschen. Manchmal werden die Fehler auch unbewusst gemacht. Am Ende geht es aber um das Geld, das dem Volk gehört.

Und dann jagen Sie immer nur die kleinen Fische?

Nein.

Okay, das war vielleicht ein sehr pauschaler Vorwurf.

Aber ich höre ihn ja täglich. Wir sind an Recht und Gesetz gebunden. Wir gehen jedem Fall nach, egal, ob jemand reich oder arm ist.

Dann haben Sie also auch bewirkt, dass hohe Nachzahlungen fällig wurden?

Da wundert man sich manchmal selbst, wie viel Geld das ist. Nach dem Aufkauf von Steuer-CDs und dem Fall von Uli Hoeneß gab es auch bei uns viele Selbstanzeigen.  In den vergangenen drei Jahren waren das Hunderte. Keiner will wie er ins Gefängnis. Für die strafrechtliche Seite ist die Staatsanwaltschaft zuständig, wir arbeiten dann die Steuererklärungen der vergangenen zehn Jahre auf. Da kommen manchmal hohe Summen allein auf die Zinseinnahmen aus Vermögen im Ausland zusammen. Das ist erfreulich für den Staat, bedeutet aber für  uns viel Arbeit. Wir müssen klären, ob die Selbstanzeige vollständig war. Nur so wird Straffreiheit erlangt.

Wie machen Sie selbst Ihre Steuererklärung?

Über die Steuersoftware Elster mache ich das selbst, um zu wissen, wie es geht. Die Steuererklärung wird dann nicht hier im Amt geprüft. Es prüft auch kein Mitarbeiter  seine Steuererklärung selbst. Für mich ist die Steuererklärung eine Last, wie für jeden anderen Menschen auch.

Jurist arbeitet seit 2014 als Amtsleiter in Hall

Martin Knörr wurde am 17. Juli 1957 in Mainz geboren. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg Jura. Er startete 1987 im Finanzamt Heilbronn seine Karriere, wechselte durch einige Ämter in Bietigheim, Leonberg, arbeitete kurze Zeit im Ministerium. Vor vier Jahren übernahm er die Leitung des Finanzamts Schwäbisch Hall. Martin Knörr ist verheiratet und hat zwei Kinder, die 30 und 25 Jahre alt sind. Er wohnt in Lauffen am Neckar, fährt gerne Rad und geht auch anderen Sportarten nach. tob

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