Gefängnis „Es gab keinen Übergriff“

Tobias Würth 13.09.2017
Neun Vollzugsbeamte werden im Jahr 2016 von Insassen zum Teil schwer verletzt. Die JVA-Leitung hat reagiert: Dieses Jahr gibt es keine Gewalttaten.

Mit 413 Gefangenen für die 367 vorgesehenen Plätze ist die Haller Justizvollzugsanstalt weiterhin überbelegt. Die Zahl der Überstunden der 113 Uniformträger ist auf einen Berg von 12.000 gestiegen. Das sind die schlechten Nachrichten aus dem Haller Knast.

Die guten Neuigkeiten: Nur vier der 117 Stellen seien frei. Auf dem Papier sei genug Personal vorhanden. „Es gab keinen Übergriff mehr“, sagt der stellvertretende Anstaltsleiter Eric Judeich. 2016 wurden neun Vollzugsbeamte von Inhaftierten verletzt. Mit dem Bezug neuer Hafträume in Stuttgart könnte sich die Zahl der Gefangenen in Hall verringern. Um die Fortschritte zu vermitteln öffnen sich die Tore für den Reporter, um hinter ihm schnell wieder ins Schloss fallen. Die Verantwortlichen des wohl am besten gesicherten Ortes in Hall gehen offen mit Informationen über ihre Arbeit um. Die Zahlen kann man sogar auf der Homepage der JVA nachlesen.

Völlige Abgeschiedenheit

Ruhe hinter den mit Stacheldraht gesicherten hohen Mauern: In der Mitte des Hofs stecken Enten ihre Köpfchen in den See. Die Tiere könnten einfach wegfliegen. Um in eine Zelle zu gelangen, müssen mehrere Türen aufgeschlossen werden: Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Spiegel, Klo, Waschbecken, Regalbrett. Das war’s. Nur der Blick aus dem Fenster des 9,20 Quadratmeter großen Zimmers könnte Hoffnung auf eine rosige Zukunft machen. Wenn der nur nicht durch dicke Gitterstäbe eingeschränkt wäre.

Am Vormittag ist wenig los in den Fluren der Haftanstalt. Ein Häftling, der krank ist, wird von einem Beamten aus der Zelle geführt. Wer nicht in der Werkstatt auf der anderen Seite des Hofs arbeitet, verbüßt seine Strafe eingesperrt im Zimmer. Nur wenige Stunden am Abend können die Gefangenen außerhalb der Zellen – auf dem Hof, in Kursen oder auf dem Flur – verbringen. Selbst das Essen nehmen sie getrennt voneinander ein. Vier Stunden pro Monat darf ein Strafgefangener Besuch empfangen. Handys sind verboten. Drogen natürlich auch. Doch an die kommen einige Insassen doch heran.

Für Karl-Heinz Wieland und Raphael Noe könnte es ein ruhiger Morgen sein. Wenn da nicht der Haufen von Anträgen wäre, den sie bearbeiten müssen. Auch Gefangene haben Rechte. Die werden manchmal zur Last für Vollzugsbeamte. „Wie hoch ist das Guthaben auf meiner Telefonkarte?“,  „Kann ich einen Englisch-Kurs belegen?“, „Ich will den Bereichsleiter sprechen“: Solche Dinge beantragen Gefangene an diesem Tag. Alles schriftlich. Manches ist nicht zu entziffern. In Hall sitzen Menschen aus 44 verschiedenen Nationen ein. Die Justizbeamten müssen die Wünsche abarbeiten. Nachts sind es die Notrufe, mit denen die Häftlinge den Aufsehern das Leben schwer machen können. In Deutschland darf niemand in einem Raum eingesperrt werden, von dem aus er sich nicht melden kann. So wie man im Flugzeug die Stewardess rufen kann, machen sich Häftlinge mit der Klingel bemerkbar. Allerdings ist der Service im Knast nicht ganz so gut. Vieles wird mit Gegensprechanlage beantwortet. Dennoch: An einem Tag gingen von 16 bis 24 Uhr 111 Notrufe ein. Ein Gefangener wollte wissen, wie viel Uhr es ist. Ein anderer hatte das Klopapier vergessen.

Manchmal habe man schon ein mulmiges Gefühl, wenn man eine Zelle aufschließt, berichten die Vollzugsbeamten. Was erwartet einen? „Man merkt schon: Die Gefangenen sind in den vergangenen zwei Jahren aggressiver geworden“, sagt Raphael Noe. Ab und an werde ein Kollege vorsorglich zur Verstärkung hinzugeholt. Die Hauptaufgabe der Bediensteten besteht darin, Gefangene von A nach B zu begleiten. Zur Krankenstation. Zum Besuchsraum. Zum Gerichtstermin. Ins Krankenhaus. Die Knackis dürfen keinen Schritt außerhalb ihrer Zelle unkontrolliert machen.

Ein Vollzugsbeamter ist für 54 Gefangene zuständig. Hört sich viel an. Doch: Die meiste Zeit verbringen die Klienten ja in der Zelle oder arbeiten an der Werkbank. Die Dienstzimmer der verschiedenen Stockwerke sind durch eine Wendeltreppe miteinander verbunden. So sei man als Aufpasser nie allein.

Neun Beamte wurden im vergangenen Jahr zum Teil schwer verletzt. „Wir haben reagiert“, sagt Eric Judeich. Nur noch Bewohner der einen  Hälfte des jeweiligen Stockwerks dürften Abends aus den Hafträumen raus. So verringert sich die Gruppe der Gefangenen, die zusammenstehen, von mehr als 50 auf nun 25. Zudem wurde das Sportprogramm forciert. So mancher Vollzugsbeamte geht mit einem Insassen nach Dienstschluss zum Training in den Kraftraum. Wer zusammen Sport betreibt, komme nicht so schnell auf die Idee, sich dem Bediensteten zu widersetzen, hat Harry Vollmer, Leiter der Uniformträger in der Vollzugsanstalt bemerkt.

Manchen gefällt das so gut, dass sie wiederkommen. Vollmer: „Es gibt tatsächlich einen Gefangenen, der mir gesagt hat: Im Knast bin ich besser aufgehoben.  Draußen komme ich nicht zurecht.“ Die meisten wollen schnell wieder raus. Doch im neuen Knast, der 1998 bezogen wurde, ist noch kein Ausbruch geglückt.

Mitarbeiter werden gesucht  – zwei Arztstellen sind frei

In den nächsten drei Jahren gehen 14 Beamte des „mittleren Vollzugsdiensts im Justizvollzug“ in den Ruhestand. Schon jetzt sind vier Stellen frei. Um langfristig keinen Engpass zu bekommen, sucht die JVA Hall Auszubildende. Genommen werden nur Deutsche mit astrainem polizeilichen Führungszeugnis. Zudem sollten die Personen so fit sein, dass sie auch die Polizeidienst-Tauglichkeitsprüfung absolvieren können. Jeweils im April und im Oktober startet die Ausbildung. Wer zuvor bei einem Praktikum reinschnuppern will, kann sich auf der Homepage der JVA Hall bewerben: www.jva-schwaebisch-hall.de

Dr. med. Stefan Neuhauser (60) aus der Nähe von Mannheim betreut die Haller Gefangenen. Da Vorgänger Haro Rose im Ruhstand ist „haben wir jetzt ein Nachfolgeproblem“, berichtet er. „Ich mache das seit Monaten, obwohl ich keine Zeit habe, in einer anderen Praxis mitarbeite und zudem Notfallmediziner bin.“ Von Hall kommt er nicht los, da er keinen Nachfolger findet. Nicht nur ein, sondern sogar zwei Arztstellen sind frei. Neuhauser hält die für sehr attraktiv. „Man hat geregelte Arbeitszeiten, einen sicheren Arbeitsplatz, Nebentätigkeiten sind möglich.“ Bezahlt werde die Arbeit mit dem Tarif A14/15. „Das ist doch was.“ Die Gefangenen seien zudem sehr dankbar für die Therapien. Neuhauser: „Medizinisch ist es eine interessante Tätigkeit von Notfällen über Arbeitsunfälle, psychische Krankheiten bis hin zu vielen Hautkrankheiten und Suchtmedizin.“ Unterstützt werde der Gefängnis­arzt von „einem super Team“. Angst vor den Gefangenen, was wohl Bewerber abschreckt, müsse man nicht haben. tob