Kunst „Es fühlt sich an wie heimkommen“

Mit Finger und Handballen dosiert Sabine Joseph den Farbauftrag auf der Kupferplatte.
Mit Finger und Handballen dosiert Sabine Joseph den Farbauftrag auf der Kupferplatte. © Foto: Bettina Lober
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 04.08.2018
Bei der 17. Sommerakademie üben sich 106 Teilnehmer in kreativen Disziplinen. Sabine Joseph ist zum fünften Mal dabei.

Da ist es wieder, dieses vertraute Geräusch Anfang August am Haalplatz: das rhythmische Klopfen mit Hammer und Meißel. Die Teilnehmer des Steinbildhauerkurses der Haller Sommerakademie sind hochkonzentriert bei der Arbeit. So vertraut ihr Hämmern ist, so verlässlich kann Sonja Streng von der Akademie wieder einen neuen Teilnehmerrekord vermelden: „106 – so viele wie noch nie.“ Sie kommen aus Friedrichshafen, Rothenburg, Ulm, Bad Rappenau, Darmstadt, Mannheim, Köln, Hamburg – kurzum, aus ganz Deutschland. „Und eine Teilnehmerin aus Zürich ist auch dabei“, so Streng.

Zwei Wochen lang können sich die Kunstinteressierten in insgesamt elf Kursen vom Papierschöpfen über den Holzdruck bis zum Aktmalen ausprobieren. Neu ist in diesem Jahr das Schatten-Projekt, das die Schattenspielerin und Scherenschnittkünstlerin Anna-Maria Schlemmer aus Hamburg anbietet. Mit ihren Teilnehmerinnen streift sie durch die Stadt, um verschiedene Schatten per Kamera oder Stift festzuhalten. „Weil es so heiß war, durften wir auch einmal ins Hällisch-Fränkische Museum“, erzählt Schlemmer.

Kurze Wege

Zurück in der Akademie werden dann Silhouetten und Schablonen angefertigt. In Kombination mit dem Licht entstehen in der Projektion spannende Formen und Motive. Das fasziniert auch Ulrike Kramer aus Hamburg, die zum ersten Mal an der Sommerakademie teilnimmt. Die Gymnasiallehrerin managt zahlreiche Schultheaterprojekte und erhofft sich vom Schatten-Projekt auch neue Inspiration. Überhaupt gefallen ihr das Angebot und die Stadt: „Das ist alles so liebevoll hier, man hat kurze Wege und kann konzentriert arbeiten“, schwärmt sie.

Auch Gisela Fasse aus Köln ist zum ersten Mal bei der Schwäbisch Haller Sommerakademie. Sie hat bereits bei anderen Sommerakademien Erfahrungen gesammelt. In Hall fühlt sie sich auf Anhieb wohl. Aber die meisten Teilnehmer in Hall sind Wiederholungstäter – wie zum Beispiel Margarethe Goth aus Uhlbach. Die Theologin ist zum sechsten Mal dabei. Heuer habe sie sich im Buchdruck-Workshop Martin Luther Kings Leitsatz „I have a dream“ als Thema vorgenommen, erzählt sie.

Von Kunsttechnik fasziniert

In der Radierwerkstatt bei Heinz Treiber im ersten Stock steht Sabine Joseph an einem Tisch voller Farbtuben, -stempel und Lappen. Beherzt wischt sie über eine Kupferplatte, ihre Finger sind von der Farbe ganz schwarz. Aquatinta oder auch Tuschätzung nennt sich dieses künstlerische Druckgrafik-Verfahren, mit dem sie später auf dem Papier einen nachdenklichen älteren Mann erscheinen lässt. „Je nachdem wie stark die Farbe aufgetragen und wieder verwischt wird, kann ich ganz unterschiedliche Effekte erzielen“, erklärt Joseph, ganz fasziniert von der Technik.

Die 53-Jährige aus Bretzfeld ist zum fünften Mal bei der Sommerakademie. „Beim ersten Mal war ich nur eine Woche hier, beim Aktmalen. Aber seither komme ich jedes Jahr und immer für alle beiden Wochen.“

Längst hat der Termin seinen festen Platz in ihrem Jahreskalender. Und wer sich mit der zweifachen Mutter unterhält, hört schnell heraus, dass die Sommerakademie in Hall auch eine Art Kunst-Tankstelle für sie ist. Nach dem Abitur 1984 – auch in Kunst – hat sich Sabine Joseph zur Goldschmiedin ausbilden lassen. Später gründete sie eine Familie, und da war es nicht leicht, auch im Beruf zu arbeiten.

Ein Jahr lang Vorfreude

Gewiss, der Goldschmiede-Beruf habe eine künstlerische Seite, aber eben vor allem eine technische. Bevor Sabine Joseph 2014 – „eigentlich aus Zufall“ – das erste Mal zur Haller Sommerakademie kam, „habe ich ja 30 Jahre lang gar nichts Künstlerisches gemacht“, sagt sie selbstkritisch. Doch dann muss in Hall irgendwie ein Knoten geplatzt sein. Beim Aktmalen habe sie auf einmal gespürt, dass sie sich von der im Beruf der Goldschmiedin ständig geforderten Genauigkeit befreien konnte. „Ich kann selbst entscheiden, wann etwas perfekt ist“, erklärt sie. Und in ihrem Skizzenbuch, das sie sich inzwischen zugelegt hat und das sie auch mit eigenen Texten ergänzt, werde nichts korrigiert. „Ich muss das vermeintlich Misslungene nicht überdecken“, freut sie sich über ihre neu gewonnene Kunst-Freiheit.

Mittlerweile fiebert Sabine Joseph schon das ganze Jahr über auf diese beiden sommerlichen Kunst-Wochen in der Kocherstadt – auch wenn sie dafür jeden Tag von Bretzfeld pendelt. Und wenn sie in der Haller Akademie eintrifft, „ist das für mich wie ein Heimkommen“. Sie schätzt die familiäre Atmosphäre, und dass man immer wieder in den Kursen „alte Bekannte“ trifft. Den Termin für 2019 hat sie sicherlich in ihrem Kalender schon dick angestrichen.

Abschlussausstellung am 11. August von 11 bis 14 Uhr

Die 17. Sommerakademie der Haller Akademie der Künste (Im Haal 14) endet am Samstag, 11. August, mit einer großen Abschlussausstellung. Dort wird gezeigt, was in zwei Wochen intensiver künstlerischer Auseinandersetzung entstanden ist. Finissage wird am 11. August um 11 Uhr gefeiert. Die Ausstellung ist dann bis 14 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es auch auf www.hallerakademie.de. blo

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