Theaterproben auf der Großen Treppe für die Brenz-Premiere sind im warmen Ratssaal zu hören, in dem es eng zugeht. Gäste stehen dicht gedrängt oder verfolgen auf einigen Sitzplätzen Reden, etwas Programm. Darunter sind auch die beiden Ehrenbürger Erhard Eppler und Reinhold Würth sowie Andreas B. Guibeb, der Botschafter der Republik Namibia in Deutschland.

„Nach dem Ausscheiden Karl Friedrich Binders aus dem Amt des Oberbürgermeisters 1996 standen am 15. Dezember 1996 OB-Wahlen in Schwäbisch Hall an, aus denen Kurt Leibbrandt als Sieger hervorging“, blickt der Erste Bürgermeister Peter Klink auf die Zeit vor über 20 Jahren zurück. Wahlsieger Leibbrandt verzichtete aber auf sein Mandat. Gründe waren eine Wahlanfechtungsklage sowie anonyme Droh-
anrufe. Es musste neu gewählt werden. Hermann-Josef Pelgrim trat zur Wahl an und schaffte es am 27. April 1997 im zweiten Wahlgang. Ergebnis: Pelgrim 39,12 Prozent, gefolgt von Claus Boldt (CDU) mit 31,81 Prozent und dem offiziellen CDU-Kandidaten Thomas Grieser mit 28,20 Prozent.

„Oh Gott, ein Sozi als OB“

„Oh Gott, ein Sozi als OB, das geht ja gar nicht“, gibt Hartmut Baumann seine ersten Gedanken von damals wieder, als ihm Pelgrim von Nik Sakellariou vorgestellt wurde. Der ehrenamtliche OB-Stellvertreter bekennt in seiner Ansprache „hier und heute öffentlich: Ich habe dich beim ersten Mal und bei deinen Wiederwahlen immer gewählt. Und während ich deine politische Einstellung für mich selber definiert habe, habe ich von deiner menschlichen Seite einiges kennenlernen dürfen.“ Eines sei sicher: Eine von Verlässlichkeit und Vertrauen geprägte Freundschaft könnten keine Tausende von Wählerstimmen aufwiegen. Baumann hebt Pelgrims „stetigen Willen, seine Beharrlichkeit, seine Hartnäckigkeit“ hervor. Der OB stehe für Wachstum. Als Beispiele nennt der Stadtrat die Ansiedlung der Außenstelle der Hochschule Heilbronn, den Bau des Weilertunnels, die Neubebauung Kocherquartier und die Entwicklung der Gesundheitsversorgung. Als größten Verdienst sieht Baumann den Umgang Pelgrims mit der Finanzkrise durch den Einbruch der Gewerbesteuer. Er ziehe den Hut vor einem „exzellenten Krisenmanager“.

„Eine Stadt wird niemals fertig“, sagt Pelgrim, nachdem er erfolgreiche Entwicklungen aufgezählt hat. Der OB macht beim Ausblick deutlich, dass Projekte wie Gestaltung Haalplatz angepackt werden und erläutert, wie sich Themen im Laufe der Zeit verändern. Thema Nummer 1 bei seinem Amtsantritt vor 20 Jahren sie Jugendarbeitslosigkeit gewesen. Heute gebe es 6000 Arbeitsplätze mehr in der Stadt. Ein Problem sei der Fachkräftemangel. Kritisch blickt der OB auf die Presse. Heute seien in einem schrumpfenden Markt nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten, reißerische Überschriften zählten mehr als gute Artikel.

Das Stadtoberhaupt hat noch viel vor. Es ist Halbzeit seiner dritten Amtsperiode. Pelgrim wurde 2013 für acht Jahre wiedergewählt – 2021 wird er 63. Die Altersgrenze sei bis zum 73. Lebensjahr erhöht worden, aber so lange werde er nicht Haller OB bleiben. Es könnte aber eine weitere Amtszeit werden, schaut der 57-Jährige voraus.

„Hoch motivierter junger Mann nahm Platz“


„Mit dem 37-jährigen Hermann-Josef Pelgrim nahm ein hoch motivierter junger Mann auf dem Sessel von Alt-OB Karl Friedrich Binder Platz“, steht in der HT-Ausgabe vom 3. Juni 1997. Nach vier Wahlgängen und mehrmonatiger OB-loser Zeit hatte Hall seit dem 1. Juni 1997 wieder ein Stadtoberhaupt. „Dienstantritt war genau heute vor 20 Jahren“, sagt der Erste Bürgermeister Peter
Klinik bei seiner Begrüßung am vergangenen Donnerstagabend im Rathaus. Pelgrim musste aber wegen zwei Wahlanfechtungen zunächst als Amtsverweser beginnen und wurde am 12. Juni 1998 offiziell OB in Schwäbisch Hall, blickt Klink zurück. Davor arbeitete Pelgrim als Referatsleiter beim Wirtschaftsministerium des Landes Baden-
Württemberg in Brüssel. 2005 und 2013 wurde das Stadtoberhaupt wiedergewählt. cus

Programm: Siedersgruß, Stimmgewalt, Saxofon


Die Gäste erleben beim Festakt den Siedersgruß, sehen einen rasanten Rückblick in vielen Fotos auf die 20 Jahre Amtszeit von Pelgrim. Kraftvoll ertönt der Sopran von Anja Gutgesell im altehrwürdigen Ratssaal. Sie singt aus der Oper La Bohème von Giacomo Puccini und wird von Heiko Lippmann am Klavier begleitet. Beide haben im Programm der Freilichtspiele tragende Rollen – Gutgesell als Maria in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ und als Katze in „Pinocchio“, Lippmann als musikalischer Leiter der Freilichtspiele und als Komponist von „Maria, ihm schmeckt’s nicht“. Zudem begeistert das Haller Saxophonquartett Richard Beißer. Dieser Donnerstagabend im Rathaus ist auch dafür da, um dann bei Musik, Häppchen und Getränken in Erinnerungen zu schwelgen. cus