Menschen in Schwäbisch Hall Die große Treppe „Ein wesentliches Stück Heimat“

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 03.08.2018
Kurt Hertfelder fühlt sich seit jeher eng mit der Großen Treppe verbunden. Einst hat er dort seine Frau kennengelernt.

Genau von hier aus ging es los“, sagt Kurt Hertfelder an diesem heißen Sommernachmittag. Der 83-Jährige steht am Fuß der Treppe vor St. Michael, wo das Geländer auf der Adelshofseite endet und deutet mit seinem Gehstock quer über die Stufen hinauf zur Linde auf der Bastion am Klosterbuckel. Diese Strecke hat er 1952 Gitarre spielend und singend als Freilichtspiele-Komparse in Goethes „Faust“ absolviert. „Da war ich ein ­junger Kerle mit 17 Jahren.“

Wenn Kurt Hertfelder von seinen vielen Erlebnissen rund um die Große Treppe berichtet, klingt das so, als ob er von einer guten alten Freundin erzählt: „Mein ganzes Leben ist mit der Treppe verbunden.“ Dabei ist Hertfelder „jenseits Kochens“ in der Neumäuerstraße aufgewachsen. Man ging eher in die Katharinenkirche, aber auch in die Michaelskirche. Zumal Kurt Hertfelder als Kind neun Jahre Geigenunterricht hatte und immer wieder in der Kirche spielte – oftmals begleitet von Walter Gönnenwein, der bis 1969 an St. Michael Kirchenmusiker war und den Spitznamen Orgel-Schorsch hatte. Händels „Messias“ oder Bachs „Weihnachts-Oratorium“ – „ach, wir haben viel gespielt“, schwelgt Hertfelder in Erinnerungen. Als großer Musikfan schätzt er heute die vielfältigen kirchenmusikalischen Aktivitäten des Haller Kantorenpaars Enßle. Besonders gerne besucht er die „Orgelmusik zur Marktzeit“. Erst neulich habe er auf dem Wochenmarkt eingekauft, „und dann bin ich mit meinen Rettich die Treppe hinauf, in die Kirche und habe die schöne Orgelmusik genossen“, erzählt er.

Eines von Hertfelders ersten einprägsamen Treppen-Erlebnissen liegt aber schon viele Jahre zurück: Es war die Abschlusskundgebung des Naturfreunde-Jugendtags 1949 auf dem Marktplatz und der Treppe, die er als 14-Jähriger miterlebte. Bei den Naturfreunden aktiv zu sein, ist bei den Hertfelders eine Art Familientradition. Es sei nicht so einfach gewesen, den Jugendwandertag-Abschluss auf der Treppe feiern zu dürfen, erinnert er sich. Seitens der Kirche habe es damals Bedenken gegeben. Doch man wurde sich einig, womöglich habe der damalige Bürgermeister Ernst Hornung auch ein Machtwort gesprochen, vermutet Hertfelder. Der Platz war voller Menschen – das zeigt auch eine Abbildung, die der 83-Jährige jetzt wieder in einer Naturfreunde-Chronik fand.

„Gehobener Komparse“

Beim Blättern in alten Unterlagen und Fotoalben stößt der ehemaligen AOK-Direktor auf etliche Zeugnisse für seine Treppen-Verbundenheit. Ein Foto zum Beispiel, das bei der Hochzeit seiner Stiefschwester Anfang der 50er-Jahre entstand: Der Brautzug kommt die Stufen herauf, im Hintergrund sind auf dem Platz zwei VW-Käfer zu sehen.

Gut erinnert sich Hertfelder auch an seine Statisten-Einsätze bei den Freilichtspielen. Als „gehobener Komparse“, der im „Faust“ Gitarre spielen und singen musste, bekam er drei Mark pro Einsatz. Die Lieder und Zeilen von damals kann er alle noch auswendig. „Fliegt mir bloß nicht hin“, habe Regisseur Wilhelm Speidel immer gemahnt. „Für Ruth Niehaus, die damals das Gretchen spielte, haben wir natürlich geschwärmt.“ Aber kurze Zeit später ist dem musizierenden Statisten Hertfelder, der dann im „Jedermann“ die Buhlschaft begleitete, ein ganz bestimmter Komparsen-Engel aufgefallen – nämlich seine spätere Frau Erika. „1959 haben wir uns verlobt, und 1961 geheiratet“ – natürlich in der Michaelskirche. „Die Treppe ist also auch ehestiftend.“ Übrigens: Genau 30 Jahre später, nämlich 1991, heiratete seine Tochter Karin – ebenfalls in St. Michael.

Ab 1984 im Kuratorium

Rund 20 Jahre lang, bis 1977, lebte Hertfelder mit seiner Familie in Stuttgart. Dort hat er bei der AOK gearbeitet, sich weiterqualifiziert und sich als SPD-Stadtrat auch in der Kommunalpolitik engagiert. Der Kontakt mit der Heimat Hall wurde fleißig gepflegt. Einmal hat der damalige Haller Stadtkapellmeister Hermann Borowitzka bei Hertfelder in der AOK in Stuttgart angerufen, weil er die Melodie eines bestimmten Liedes im „Jedermann“ vergessen hatte. „Da haben meine Mitarbeiter komisch geschaut: Ich war deren Vorgesetzter und habe plötzlich laut ins Telefon gesungen – wo man doch sonst nur ernste Dienstgespräche führte.“

Als AOK-Direktor kam Hertfelder zurück nach Hall. Seine Verbundenheit zu den Freilichtspielen und zur Treppe pflegte er von 1984 an auch als Kuratoriumsmitglied. Und er setzte sich dafür ein, dass das ursprüngliche Traditionsstück „Jedermann“ wieder auf den Spielplan kam.  „Das hat damals nicht jedem gefallen“, sagt er verschmitzt und rollt mit den Augen.

„Ach ja, unsere Michelstrepp’“, seufzt Kurt Hertfelder mit ein bisschen Nostalgie in der Stimme über die gute alte Freundin aus Stein. „Sie ist für mich schon ein wesentliches Stück Heimat.“

Erzählen Sie uns Ihre Treppengeschichte

Die Stufen der Großen Treppe stehen im Mittelpunkt der Haller Stadt-Werbung. In den „Treppengeschichten“ wollen wir von Menschen und ihren Erlebnissen rund um die Stufen vor St. Michael berichten. Wenn auch Sie eine Geschichte über sich und die Treppe erzählen möchten, melden Sie sich: redaktion.hata@swp.de

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