Gespräch im Würth-Forum Harald Schmidt in Künzelsau: „Drehort geht vor Inhalt“

Harald Schmidt fühlt sich auch auf der Bühne des Reinhold-Würth-Saals pudelwohl.
Harald Schmidt fühlt sich auch auf der Bühne des Reinhold-Würth-Saals pudelwohl. © Foto: Würth/Ufuk Arslan
Künzelsau / Jochen Höneß 07.11.2018
Im Gespräch mit Harald Schmidt sucht Bernadette Schoog den Menschen hinter der Fassade des Zynikers – und findet atemberaubende Abgründe bitterbösen Humors.

Am Anfang und am Ende tritt Harald Schmidt nach vorne an den Rand der Bühne, grinst ins Publikum, hebt die Hand, nimmt den Applaus entgegen. Für einen kurzen Augenblick scheint er dazustehen, der Late-­Night-Moderator, der über viele Jahre durch die Harald-Schmidt-Show geführt und für manch denkwürdigen TV-Moment gesorgt hat.

Wieso eigentlich nicht mehr? „Ich höre auf, wenn’s am Schönsten ist – so ein Quatsch! Wann soll das sein? Ich habe keinen neuen Vertrag bekommen. Aber das hat sich mit meiner Laune gedeckt.“ Seine Gesprächspartnerin Bernadette Schoog muss lachen, das Publikum im voll besetzten Reinhold-Würth-Saal ebenfalls. Das geht oft so an diesem Montagabend im „Treffpunkt Forum“ in Gaisbach. Harald Schmidt ist es gewohnt, die Zügel in der Hand zu halten. Er antwortet auf die Fragen der Moderatorin, wann und wie es ihm passt.

Trocken, schnörkellos, bissig

Der 61-Jährige hat viel zu erzählen. Er blickt zurück auf seine Kindheit in Nürtingen, in der er die Eltern mit seinen touretteartigen Ticks schier zur Verzweiflung getrieben habe. Mach dir nichts draus, habe er seiner Mutter gesagt, „damit fülle ich später in Künzelsau mal 20 Minuten“. Gezeichnet von einer großflächigen Akne sei er damals „nicht einmal von Priestern“ behelligt worden, aber auch nicht von gleichaltrigen Mädchen. „Hätte ich nicht nach dem Prinzip ,Wer Hände hat, ist nie allein’ gelebt, ich wäre total vereinsamt.“ Es ist eine Kostprobe des typisch Schmidt’schen Humors: trocken, schnörkellos, bissig. Und oft unter der Gürtellinie.

Ist das der echte Harald Schmidt? Der Zyniker, der die Öffentlichkeit braucht, aber nicht schätzt („Das Publikum bemerkt den intellektuellen Verfall nicht, es geht ihn mit“)? Der die allgemeine Aufmerksamkeit bei 20 Silben enden sieht und sich damit den derzeitigen Erfolg der Grünen erklärt? Der es nach eigenem Bekunden durch vielfältige Lügengeschichten in Interviews geschafft hat, seine Familie – Schmidt hat fünf Kinder – komplett aus der Öffentlichkeit herauszuhalten?

Bernadette Schoog versucht immer wieder, dem Menschen hinter der Fassade nachzuspüren. Und ihr Gegenüber lässt sie immer wieder in dem Glauben, ihr könnte das gelingen – um die Tür dann genüsslich zuzuschlagen. Er sei ja Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe, wagt die Moderatorin einen Vorstoß. Ein Indiz dafür, dass ihm seine Mitmenschen doch nicht ganz egal sind? „Ja! Und wenn ich auch mal in eine solche Lage komme, dann komme ich schneller an einen guten Arzt ran.“ Tür zu.

Die Late-Night-Unterhaltung, die er in Deutschland maßgeblich geprägt hat, sie funktioniert nicht mehr, ist Schmidt überzeugt. Durch das Internet seien die Ereignisse des Tages schon so oft durchgenudelt, bis er sie zu vorgerückter Stunde in seiner Show präsentieren kann, da wolle das keiner mehr sehen. Doch Harald Schmidt kann mehr. Den Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle auf dem „Traumschiff“ mimen zum Beispiel. „Drehort geht vor Inhalt – so hab ich das dem ZDF gesagt!“ Den Schwarzwald-„Tatort“ hat er hingegen im Vorjahr abgelehnt. „Man dreht dort viel im Düsteren. Und ich kann doch nicht ernsthaft sagen: Haben wir schon was von der Spusi gehört?“

Ernst ist es ihm hingegen mit seinen Theaterengagements. Spricht er über sie, bekommt man an diesem Abend in Gaisbach am ehesten einen Eindruck davon, was dem Menschen Harald Schmidt wirklich wichtig ist. Da kann es in seinen Augen noch so stupide sein, Textpassagen auswendig zu lernen: Ob Bochumer Schauspielhaus oder natürlich das Staatstheater Stuttgart – auf der Bühne, lässt er durchklingen, fühlt er sich wohl. Und draußen flüchtet er ins Analoge, wenn er etwa ganz ohne Smartphone durch Köln läuft und versucht, sich zu orientieren, wobei früher oder später ein Fan das schweißnasse Gesicht für ein Selfie an seines drückt. Wird Harald Schmidt etwa alt? „Wenn es Ihnen gelingt, den körperlichen Verfall als Kunstform zu deklarieren, dann sind Sie unantastbar.“ Eine von vielen denkwürdigen Äußerungen an einem herausragend unterhaltsamen Abend.

Große Erfolge mit der „Harald-Schmidt-Show“

Harald Schmidt, geboren am 18. August 1957, hat durch zahlreiche TV-Formate und als Moderator große Bekanntheit erlangt. Vor allem seine selbstbetitelten Late-Night-Shows lockten von 1995 an ein Millionenpublikum vor den Fernseher. Nach dem Wechsel von Sat. 1 zur ARD (2004) blieb das Format zunehmend hinter den Erwartungen zurück und wurde letztlich eingestellt.

Bildungsweg Schmidt wuchs in Nürtingen auf, absolvierte dort sein Abitur und studierte von 1978 bis 1981 Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin in Köln und hat fünf Kinder. johö

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