Kreis Hall „Diese Lücke spüren wir immer noch“

Ein Schüler meldet sich im Unterricht. Der landesweite Lehrermangel zeigt sich an den Schulen im Landkreis Hall vor allem an den Grundschulen.
Ein Schüler meldet sich im Unterricht. Der landesweite Lehrermangel zeigt sich an den Schulen im Landkreis Hall vor allem an den Grundschulen. © Foto: dpa
Kreis Hall / Norbert Acker 18.08.2018
Der Lehrermangel zeigt sich vor allem an den Grundschulen – auch im Landkreis Hall. Programme des Landes, dies zu bekämpfen, sieht die GEW kritisch.

Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion der SPD-Fraktion des Schwäbisch Haller Gemeinderats hat Ursula Jordan, Leiterin des Schulamts Künzelsau, schon im Juni Alarm geschlagen: Sie fordert Lehrer im Ruhestand und solche, die kurz vor der Pensionierung stehen, auf weiterzuarbeiten.  Der in ganz Baden-Württemberg spürbare Lehrermangel macht dies erneut wohl auch im Landkreis Hall notwendig. Das bestätigt auch das Kultusministerium in Stuttgart auf Nachfrage.

Keine Prognose möglich

„Wir haben schon im April einen Aufruf gestartet“, sagt Christine Sattler, stellvertretende Pressesprecherin des Ministeriums. Man biete den Fast-Ruheständlern befristete Verträge von einem bis zu zwei Jahren an. Die Arbeitszeit umfasse fünf bis zehn Stunden in der Woche, zusätzlich zur Pension erhielten die Lehrkräfte eine tarifliche Entlohnung.  Im vergangenen Schuljahr seien landesweit rund 500 Ruheständler eingesetzt worden. Für das kommende Schuljahr erwarte man ähnliche Zahlen, eventuell auch einen Anstieg. „Wie viele pensionierte Lehrer im Landkreis Hall im vergangen Schuljahr im Einsatz waren, kann ich nicht sagen“, so Sattler. Für das kommende Schuljahr könne sie auch keine Prognose abgeben.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht dies kritisch. „Als Notmaßnahme ist es sicher sinnvoll. Da es diese Art, den Lehrermangel zu  verschleiern, schon mehrere Jahre gibt, kann es aber nicht mehr als Notlösung bezeichnet werden, sondern wird wohl vom Kultusministerium als längerfristige Maßnahme angesehen“, sagt Max Kauke, Vorsitzender des GEW-Kreisverbands Schwäbisch Hall. Bis Ende diesen Schuljahrs war er Grundschullehrer an der Geschwister-Scholl-Schule in Crailsheim-Ingersheim. Den Brief des Kultusministeriums zur Aktivierung pensionierter Lehrkräfte sowie angehender Pensionäre habe auch er erhalten. „Ich werde mich jedoch nicht melden“, stellt er klar. Für ihn stelle sich die Frage, ob er durch das Weiterarbeiten nicht kaschiere, dass die Landesregierung zu wenig Lehrkräfte ausbilde und einstelle. Es sei auch nicht hinzunehmen, dass pensionierte Lehrer in einen  inneren Zwiespalt getrieben würden: Unterrichten sie, werde der Mangel runtergespielt, unterrichten sie nicht, ließen sie ihre Kollegen im Stich. Diese könnten ja auch nichts dafür, dass die Regierung nicht mehr unternehme.

Für den Lehrermangel, der sich vor allem im ländlichen Raum manifestiert, gebe es mehrere Gründe. Zum einem könnten sich viele Junglehrer nicht für einen Job auf dem Land begeistern. „Viele wollen in den Ballungsräumen bleiben. Oder dort, wo sie studiert haben“, so die Sprecherin. Für das Land sei dies ein Problem, weil man die Schulen landesweit mit neuen Pädagogen versorgen müsse. Zum anderen hätte es im vergangenen Jahr einen besonderen Effekt gegeben: Durch eine von der vorherigen Landesregierung angestoßene Studienzeitverlängerung im Grundschullehramt zum Wintersemester 2011/12 seien landesweit rund 400 Grundschullehrer weniger auf den Arbeitsmarkt gekommen. „Diese Lücke spüren wir immer noch“, so Sattler. Für den Landkreis Hall bedeute dies Stand Mittwoch für das kommende Schuljahr, dass bei den Grundschulen noch sieben Stellen unbesetzt sind, bei den Gemeinschaftsschulen sind es drei.

Situation verschlechtert sich

Ein großes Problem ist aus Sicht der GEW aber auch die „nicht oder fast nicht vorhandene Vertretungsreserve, vor allem an der verlässlichen Grundschule“, so Kauke. Früher habe es an vielen Schulen Vertretungslehrer gegeben, die für erkrankte Lehrkräfte  einspringen konnten. Heute seien diese Kräfte praktisch schon zu Beginn des Schuljahres alle im Einsatz. „Auch auf den Lehrerlisten gibt es kaum noch Lehrer, die sich für diese Aufgabe befristet einstellen lassen“, führt Kauke weiter aus. Erkrankungen von Lehrern könnten nur durch Klassenzusammenlegungen, Mehrarbeitsunterricht oder Aufstockung der Deputate aufgefangen werden. Die angespannte Situation verschlechtere sich weiter und bringe die Lehrer an die Belastungsgrenze. Nicht tragbar sei es auch, befristet eingestellte Vertretungslehrkräfte am letzten Tag vor den Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken, um sie im neuen Schuljahr wieder in die Vertretungsreserve einzuplanen. Das gelte für alle Schulformen.

Verfahren läuft noch

Momentan laufen noch Einstellungsgespräche für unbesetzte Stellen im Landkreis Hall. „Es zeichnet sich ab, dass wir mit einer Pflichtversorgung starten können“, teilt Schulamtsleiterin Ursula Jordan am vergangenen Freitag mit. Am 6. September werde Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) dann bei der Landespressekonferenz zur Unterrichtsversorgung die aktuellen Zahlen nennen, ergänzt die Ministeriumssprecherin. Im Bereich der weiterführenden Schulen habe man im Landkreis Hall aus Sicht des Ministeriums übrigens keine Probleme: „Dort fehlen keine Stellen“, so Sattler.

Gymnasiallehrer unterrichten an Grundschulen

Steigende Schülerzahlen durch Zuzüge und höhere Geburtenraten spielten beim Lehrermangel an den Grundschulen eine gewichtige Rolle, erklärt Kultusministeriumssprecherin Christine Sattler. Um dies zu bekämpfen, mache man Gymnasiallehrern, die keine Anstellung finden, ein Angebot: Nach einer Verpflichtung über drei Jahre Grundschuldienst gebe es eine Einstellungszusage an einem Gymnasium für später. „Im Bereich Deutsch plus, also beispielsweise Deutsch mit Geschichte, haben wir zu viele Bewerber“, so Sattler. Es handele sich um fast 2000 Pädagogen.  Im vergangenen Jahr seien aus dieser Gruppe für den Kreis Hall keine Interessenten zu verzeichnen gewesen, in diesem Jahr seien es sechs. Zum Vergleich: 2017 war das Interesse an diesem Angebot landesweit eher gering. 30 Lehrer haben sich damals für diesen Weg entschieden. In diesem Jahr sind es schon über 170.

Diese Maßnahme sei ähnlich zu bewerten wie die Beschäftigung von pensionierten Lehrern, sagt GEW-Kreisvorsitzender Max Kauke: „Bevor Klassen zusammengelegt werden müssen, ist es sicher sinnvoll, diese Lehrkräfte einzustellen.“ Da deren Ausbildung allerdings eine völlig andere sei und die Zusatzqualifizierung eher als „unzureichende Schmalspur-Qualifizierung“ anzusehen sei, halte er auch dieses Instrument für fragwürdig. noa

2035 Lehrer waren es im vergangenen Schuljahr

Im Schuljahr 2017/18 waren im Landkreis Schwäbisch Hall insgesamt 2035 Lehrer beschäftigt (Voll- und Teilzeit). An allgemeinbildenden Gymnasien waren es 344 Pädagogen, an beruflichen Schulen 390, an Gemeinschaftsschulen 190, an Grund-, Werkreal- und Hauptschulen 643, an Realschule 345 und an sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren 123. noa

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