Gemeinderat  Gemeinderat: „Die Salamitaktik stinkt vielen“

Er hält den Rekord: So oft, wie Hermann Schock als Zuhörer den Gemeinderat besucht, macht das kein anderer Bürger. Er beobachtet die Lokalpolitiker und wünscht sich mehr Transparenz.  
Er hält den Rekord: So oft, wie Hermann Schock als Zuhörer den Gemeinderat besucht, macht das kein anderer Bürger. Er beobachtet die Lokalpolitiker und wünscht sich mehr Transparenz.   © Foto: tob
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 05.01.2018
Der Haller Sieder Hermann Schock besucht fast jede Sitzung. Bei welchen Abstimmungen der Zuschauer gerne mitreden will, verrät er im Interview.

In wie vielen Gemeinderatssitzungen waren Sie im vergangenen Jahr?

Hermann Schock: Ich war in sechs Gemeinderats- und einigen Bau- und Planungsausschusssitzungen. Das war schon mal intensiver. 2014 und 2015 habe ich vielleicht bis auf eine Sitzung im Jahr alle besucht, auch die des Bau- und Planungsausschusses.

Warum tut man sich das an?

Daran ist eigentlich SPD-Fraktionssprecher Helmut Kaiser schuld. Er hat gesagt: Wenn die Leute regelmäßig zu den Sitzungen kommen würden, wären sie informiert. Ich habe ihn beim Wort genommen.

Stört es Sie nicht, dass Sie weder mitdiskutieren noch abstimmen dürfen?

Manchmal würde ich schon gerne mitstimmen.

Bei was denn?

Bei der Weilerwiese hat mich der Verlauf der Entscheidung schon enttäuscht. Zuerst bietet man der Jugend an, man macht für sie einen Skaterpark, um sie in der Stadt zu halten. Die wurde dann in einem Workshop gebeten, ihre Wünsche darzustellen. Dann ruderte man zurück: zu teuer! Dann kam das kuriose Lärmgutachten und plötzlich das Ärztehaus samt Parkdeck. Irgendwie fühlen sich die Jugendlichen verschaukelt. Diese Vorgehensweise fand ich sehr unglücklich taktiert.

Aber moderne Praxisräume sind doch für die Haller wichtig.

Das ist richtig. Mit dem Ärztehaus als solches hätte ich mich schon anfreunden können. Zuerst war ja nur ein Quader geplant. Dann kam ein Zwillingsgebäude dazu. Unter Quader verstehe ich etwas Viereckiges. Jetzt ist es rechteckig und wirkt wuchtiger als im Plan vorgestellt. Die Umsetzung war nicht die beste.

Gilt das auch für die geplante Brücke zwischen Unterwöhrd und Lindach?

Die Brücke als solches hätte ich auch abgelehnt. Wenn die Holzhütten des Biergartens durch dauerhafte Gebäude ersetzt werden, wird die Lagermöglichkeit verbessert, sodass nicht täglich Getränke geliefert werden müssen und die Begründung für den Brückenbau wegfällt. Ich sehe auch das Problem des Anstiegs beim Hotel Kronprinz. Wenn die Lastwagen nach der Brücke nach oben fahren, müssen sie dort anhalten. Die Ecke ist nicht einsehbar. Wenn man da anfahren muss, wird es unangenehme Nebeneffekte geben. Im Gemeinderat wurde das mit den Worten abgetan: „Jeder professionelle  Lastwagenfahrer kann am Berg anfahren“. Das greift zu kurz.

Sie sind auf der Liste der CDU bei der Kommunalwahl gewesen. Wie kam es dazu?

Es wurde zur Kenntnis genommen, dass ich fast jedes Mal in den Sitzungen drin bin. Der Graf kam um den runden Tisch und hat mich gefragt, ob ich als Kandidat einsteigen will. So hat er mich gleich mit einer Unterschrift verhaftet.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ludger Graf von Westerholt hat Sie also rekrutiert. Allerdings hat es für Sie nicht gereicht?

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, bekam ich 1183 Stimmen. Diejenigen, die reinkamen, haben im Schnitt über 3000 Stimmen.

Legendär sind Ihre Weihnachtsgrüße, die sie am Ende der letzten Sitzung des Jahres aussprechen.

Legendär würde ich nicht sagen. Das trifft vielleicht auf meine Schwarzwälder Kirschtorte beim Kuchennachmittag zu. Das hat sich mit den Weihnachtsgrüßen so ergeben: Bei jeder Sitzung sagt OB Pelgrim: ,Der öffentliche Teil der Sitzung ist beendet. Die Öffentlichkeit möge den Saal verlassen.’ Dann schaut er meistens zu mir, weil ich oft der Einzige bin, der zu der späten Stunde noch da ist. Das habe ich halt aufgegriffen und ebenfalls einen Gruß zu Weihnachten und Neujahr ausgesprochen.

Zuletzt haben Sie das aber mit einer Mahnung sowohl an OB Pelgrim als auch an die Stadträte verbunden.

Das ist richtig. Wir haben ziemlich turbulente Zeiten hinter uns. Angefangen von der Weilerwiese, über den Optima-Sportpark, den Hausverkauf Sonnengarten bis zum Globe-Theater. Da wollte ich für die Zukunft der Stadtverwaltung ein glücklicheres Händchen wünschen in Sachen Transparenz.

Und den Stadträten?

Dass sie wichtige Themen viel früher kritisch hinterfragen.

Zur Schwarzwälder Kirschtorte. Was hat es mit der auf sich?

Die gibt es beim monatlichen Kuchennachmittag der Goethefreunde im Institut. Da bin ich seit Jahren dabei, weil ich kulturell interessiert bin und gegenüber allen Nationen aufgeschlossen bin. Als gelernter Bäcker und Konditor bringe ich dazu die Schwarzwälder Kirsch­torte mit. Bis Beirut ist die nun bekannt.

Sie wohnen im Herzen Halls in der Neuen Straße. Leben Sie gerne dort?

Seitdem wir Anfang der 80er-Jahre die Fußgängerzone haben, ist einiges an Lebensqualität dazugekommen.

Die illegale Entsorgung von Kartons hat Sie gestört. Hier haben Sie ja einen Erfolg für die Innenstadt erreicht?

Nach einem Jahr Kompetenz­gerangel zwischen Stadt und Landratsamt waren die Container weg und damit auch die illegale Müllentsorgung.

Was stört Sie jetzt noch als Innenstadtbewohner?

Die Sache mit den Straßenmusikern. Vor allem die, die aus der Slowakei kommen, wie die Bettler auch. Mit Fremdenfeindlichkeit hat das nichts zu tun. Wenn die aber immer dasselbe spielen, das sich gebetsmühlenartig wiederholt, dann nervt das. Zum Teil haben sie ein sehr schlechtes Repertoire.

Aber es gibt doch die Regel, dass nicht länger als 20 Minuten an einer Stelle gespielt werden darf. Hilft das?

Nein, es hält sich keiner dran! Da ist auch nicht nur die Lautstärke maßgebend. Wenn man das ständig im Ohr hat, kann man sich auf keine Arbeit konzentrieren.

Was kann man tun?

Ich habe das in der letzten Bürgerfragestunde angesprochen, bin aber mit der Antwort von OB Pelgrim alles andere als zufrieden. Nur der Hinweis auf das Faltblatt mit den Regeln für die Musiker! Nur halten die sich eben nicht daran. Was die Gesang nennen, ist für die Anwohner und die Gewerbetreibenden ein lautstarkes Schreien. Da beschweren sich auch Kunden. So lange keiner den Ordnungsdienst ruft, spielen die weiter, so dass es allen auf den Geist geht.

Themawechsel: Wie sind Sie eigentlich zur CDU gekommen?

Mitglied wurde ich erst 2014, als ich für den Stadtrat kandidiert habe. Ich wollte das nicht als Parteiloser machen.

Sie haben dann im Kreisverband der Partei Aufgaben übernommen?

Ja, als Internetbeauftragter, das war 2015. Katrin Heinritz hat mich gefragt, ob ich die Website des Kreisverbandes mitbetreuen könne. Die Kreisseiten habe ich aber jetzt abgegeben, da es zu viel wird. Ich arbeite teilzeitmäßig in der CDU-Kreisgeschäftsstelle.

Waren Sie überrascht, dass Frau Heinritz als CDU-Kreisvorsitzende ersetzt wurde?

Das ist so nicht richtig. Sie hat sich aus persönlichen Gründen nicht erneut zur Verfügung gestellt und stand nicht zur Wahl. Etwas überrascht war ich schon, möchte aber hierzu nichts kommentieren. Durch meine Arbeit unterliege ich einer gewissen Geheimhaltungspflicht und verhalte mich neutral. Der neue Vorstand hat nun seine Chancen zu nutzen.

Was würden Sie machen, wenn Sie Oberbürgermeister wären?

Ich beneide keinen, der so ein Amt ausführt. Ich würde aber mehr Bürgernähe suchen. Dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden. Ich würde die Bürger frühzeitiger mitnehmen. Was auch zu kurz gekommen ist: Wenn Projekte geplant werden, sollte man darauf achten, dass man alle Fakten frühzeitig auf den Tisch legt. Das ist das, was vielen Bürgern stinkt: die Salamitaktik. Beim Globe war das auch so: Die Ertüchtigung des alten Globes hätte viel weniger gekostet. Doch man hat davon abgeraten: Das neue koste ja nur 5,3 Millionen Euro. Und jetzt sind wir bei fast 10 Millionen Euro. Da sollte man von vornherein mehr Risiko einplanen. Es kommt besser, wenn man hinterher sagt: Es wurde günstiger.

War das jetzt ein Schlusswort?

Noch nicht. Ich will eines noch klarstellen: Auch wenn vieles an ihm im letzten Jahr kritisiert wurde, Pelgrim hat viel Gutes für Hall umgesetzt: Er hat die Finanzkrise super gemanagt. Großes Lob auch für die Entscheidung, das Kocherquartier zu bauen. Die Leute haben kein gutes Haar daran gelassen. Und die gleichen Leute sagen am Tag der Eröffnung: „Toll, was daraus geworden ist“. Wobei mir die Gelbinger Gasse  und die Altstadt noch etwas Sorgen machen. Zu kritisieren ist einfach. Zu sagen, wie man es besser machen kann, etwas anderes, das gilt auch für den Gemeinderat.

Gelernter Bäcker trägt heute die Fahne

Geboren am 18. November 1959, ist Hermann Schock, gelernter Bäckermeister, ein Haller Original: In der Stadt zur Schule gegangen, in St. Michael getauft, konfirmiert und dort geheiratet. Mittlerweile ist Schock geschieden und hat aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig den Beruf aufgegeben. Die Bäckerei-Geschäftsräume sind nun an Bijou Brigitte vermietet. Schock organisiert im Team Kirchencafés in St. Michael, ist Mitglied im Freundeskreis Goethe-Institut, im Förderverein der VHS und seit vielen Jahren aktiv im Siedershof als Fahnenträger. Zu seinen Hobbys gehört das Fotografieren, Filmen und Reisen. Hin und wieder ist er auch als Komparse in Filmen dabei.