"Die Menschen sind sehr höflich"

JOHANNA HIRSCHBERGER 07.10.2015

Ungarn - das klingt aber exotisch", sagte eine gute Bekannte, als es im August 2014 für mich zu einem Auslandsjahr nach Ungarn ging. Dort lebte ich bei einer Gastfamilie und besuchte ein evangelisches Gymnasium. Ungarn und exotisch - im Bezug auf die Sprache kann ich zustimmen. Ein Glück, dass einige Ungarn akzentfrei Deutsch sprechen. Ich bin Johanna Hirschberger, 17 Jahre alt und gehe in die elfte Klasse des Erasmus-Widmann-Gymnasiums (EWG) in Schwäbisch Hall.

Um ehrlich zu sein: Vor drei Jahren wäre ich noch nicht auf die Idee gekommen, ein Jahr in Ungarn zu verbringen. Doch als mein Vater von einem recht neuen Musikprogramm der gemeinnützigen Austauschorganisation AFS in Ungarn erfuhr, war mein Interesse geweckt. Ich bin musikalisch, spiele Flöte und habe mir autodidaktisch das Klavierspielen beigebracht. Außerdem spiele ich seit etwa zehn Jahren Geige. Durch das Auslandsjahr erhoffte ich mir, meine Fähigkeiten auf letzterem Instrument weiterzuentwickeln. Mit einem Osteuropa-Teilstipendium der Dieter-Schwarz-Stiftung ließ sich mein Auslandsjahr gut finanzieren.

Zweimal die Woche besuchte ich die Liszt Ferenc Zeneiskola (Franz-List-Musikschule) in der Innenstadt von Györ - einer Stadt in Westungarn zwischen Budapest und Wien. Dort nahm ich Unterricht bei einer jungen Geigenlehrerin, die englisch sprach. Glücklicherweise konnte ich im musikschuleigenen Streicherorchester mitwirken. So musste ich nicht auf Orchesterproben und Konzertvorbereitungen verzichten, wie ich sie vom Schulorchester am EWG gewohnt war.

Musik ist eine Sprache, die überall auf der Welt gesprochen wird. Dennoch hat jedes Land seine musikalischen Besonderheiten. So mutete mir meine Geigenlehrerin Borbala néni (Frau Borbála) anfangs nur Händel-Werke zu, bis sie mir ein Konzert des deutsch-ungarischen Komponisten Oskar Rieding vorlegte. An den modernen Werken Bartók Bélas kam ich jedoch im Musikunterricht nicht vorbei. Wie bei der ungarischen Sprachmelodie und Volksmusik musste ich mich an den fremdartigen Klang gewöhnen. Für mich dauerte diese Gewöhnungsphase ein halbes Jahr. Danach verstand ich besser, welchen Takt unser Dirigent noch einmal wiederholen wollte und dass wir die "Frösche" aus "Békatánc" (Froschtanz) von A.Carse doch bitte nicht so kränklich spielen sollten.

Eines Tages zeigte sich jedoch, dass ich immer noch nicht alles verstand: Ich kam zur vermeintlichen Übungsstunde in eine andere Musikschule - und musste mein Können plötzlich vor einem geladenen Publikum vortragen. Zum Glück spielte ich die zweite Geige.

Jetzt, zurück in Hall, bilde ich mich in der städtischen Musikschule im Geigespiel weiter. Zuvor hatte ich die Musikschule in Mainhardt besucht. Neben der Musik lernte ich die ungarische Sprache innerhalb des Auslandsjahres so weit, dass ich eine Sprachprüfung auf dem Niveau C1 abschloss.

Aus allen Ecken und Winkeln Ungarns traf ich auf Menschen, die Arbeitserfahrungen in Deutschland gemacht haben. Mit einem Strahlen im Gesicht erzählten sie mir davon auf Deutsch - manche akzentlos. An meiner ungarischen Schule war Deutsch zweite Fremdsprache. In den Deutschstunden durfte ich meine Lehrerin als Muttersprachlerin unterstützen. Es ist spannend zu sehen, wie Deutsch in einem anderen Land unterrichtet wird. Im ungarischen Schulsystem haben Respekt gegenüber dem Lehrer und Lerndisziplin einen hohen Stellenwert. Vor jeder Stunde begrüßen die Schüler ihre Lehrer stehend, die Klassensprecher nennen die Abwesenden. Wie es in Ungarn üblich ist, werden die Lehrer mit Vornamen und einem néni/bácsi (Frau/Herr - wörtlich Tante/Onkel) angesprochen. Die beste Note ist eine 5, die schlechteste eine 1.

Die Ungarn habe ich als sehr höflich (sie halten sich kontinuierlich gegenseitig die Tür auf), hilfsbereit (auch wenn man deine Sprache nicht versteht) und gastfreundlich erlebt. Bei meiner Gastfamilie durfte ich einen Monat länger wohnen als das Austauschprogramm dauerte. Ich wohnte in einem idyllischen Dorf auf einem Berg, 20 Minuten mit dem Auto von Stadt und Schule entfernt. Die Straßen hatten keine Bürgersteige und die meisten eingezäunten Vorhöfe wurden von Hunden bewacht. Meine Gastfamilie hatte eine Katze.

Von meiner Gastmutter und -schwester lernte ich, ungarische Gerichte zu kochen, zum Beispiel Lecsó, ein Paprika-Tomaten-Ei-Eintopf. Im Gegenzug stellte ich selbstgebackene Maultaschen auf den Speiseplan.

Nach der Schule möchte ich studieren und wahrscheinlich Lehrerin werden. Gut möglich, dass ich ein paar meiner Studiensemester in Ungarn verbringe.

Mehr Infos zur Austauschorganisation AFS auf www.afs-hall.de

Länderinfo

Ungarn 'M???RORSA?G]ist ein Binnenstaat in Mitteleuropa. Nachbarstaaten sind Österreich, die Slowakei, die Ukraine, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien. Seit 1999 ist Ungarn Mitglied der Nato und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Die Hauptstadt des Landes ist Budapest. In Ungarn leben knapp zehn Millionen Menschen, die Amtssprache ist Ungarisch. Seit Mai 2012 ist János Áder Staatspräsident des Landes, Ministerpräsident ist Viktor Orbán.

SWP