„Bitte das Kauen langsam einstellen. Wir wollen starten“, tönt es aus dem Lautsprecher. Das „Unerhört!“-Forum der Diakonie soll am Donnerstagabend beginnen. Mit diesem Diskussionsformat wird der 25. Geburtstag des Tagestreffs Schuppachburg gefeiert.

Doch Rudi Reinhard nimmt lieber nicht auf den vorderen Rängen Platz. „Ich bin oft in der Schuppachburg“, sagt der 75-Jährige und nippt an einer Brause. Hinten im Saal steht der Mann mit Federn am Hut, in eine dicke Winterjacke gepackt. Vorne diskutieren Anzugträger. Rund 100 Besucher sitzen dazwischen.

„Mit dem Verkauf eines der Bilder in der Kunsthalle könnte man allein 25 weitere Jahre der Schuppachburg finanzieren“, sagt Wolfgang Sartorius. Er leitet das diakonische Unternehmen Erlacher Höhe, das den Tagestreff in Hall betreibt.

Obregürgermeister Hermann-Josef Pelgrim korrigiert ihn: „Das Verhältnis von Arm und Reich klafft so weit auseinander, und der Kunstmarkt ist an manchen Stellen so verrückt, dass Sie sogar 100 Jahre die Schuppachburg finanzieren können.“ Da dies aber nicht in Frage kommt, würde die Stadt Hall zu ihrem Wort stehen, dem Tagestreff weiterhin Mietfreiheit zu gewähren und für die slowakischen Bettler im Winter eine Extra-Unterkunft für die Nacht zu suchen.

Doch es bleibt kein Abend der Grußworte. „Beate“ kommt aus den Zuschauerrängen zu Wort, die eigentlich einen anderen Namen trägt. Die Unerhörten wollen Gehör finden, trauen sich allerdings nicht auf die Bühne. „Ich habe bis 2014 gearbeitet“, sagt die 49-Jährige. Dann kam die Krankheit samt Reha. Da die Krankenkasse mit einer zwölfwöchigen Verzögerung Geld zahlte, räumte der Vermieter in der Zwischenzeit ihre Wohnung. Der Vermieter konnte zwar mit dem Motorrad, das in der Garage stand, zufriedengestellt werden. Für „Beate“ folgte aber eine Kaskade von Problemen. Sie schlief bei Freunden auf dem Sofa. Den vergangenen Winter verbrachte sie in einer Hütte im Wald. Als es dort stark reinregnete, flüchtete sie sich mit einem Freund in eine Bushaltestelle.

Als Hartz-IV-Empfängerin und mit einem Platz im Wohnheim steuert sie auf geordnete Verhältnisse zu. Was ihr fehle, sei aber eine eigene Wohnung für zwei Personen und einen Hund.

„Wohnen wird zum Luxusgut“, erläutert Gabriele Kraft von der Diakonie. „Der Staat ist dazu angehalten, für Wohnraum zu sorgen. In Wien funktioniert das. Warum nicht bei uns?“

„Wir lernen Demut“, sagt Ulrich Lilie. Der Präsident der Diakonie Deutschland ist eigens aus Berlin angereist. „Mit der einfachen These, dass die Menschen selbst an ihrem Schicksal Schuld sind, kommt man nicht weiter.“ Es sei zu einfach zu sagen: „Wenn sie sich nur anstrengen, fluppt das Leben wieder wie von allein.“ Zu komplex seien die Probleme der Menschen, die manchmal aus der Kindheit und den Verhältnissen kommen, in denen sie aufgewachsen sind.

Schwäbisch Hall

Die Diakonie habe Wissenschaftler beauftragt. Das Ergebnis: „Die Hartz-IV-Sätze reichen eben nicht zum Leben. Da weisen wir jetzt hartnäckig darauf hin.“ Ein Problem sei bezahlbarer Wohnraum. Und da bleibt Lilie nicht beim Jammern: „Die Kirche prüft nun, ob sie Flächen für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stellen kann.“

Moderator Peter Ruf von der Diakonie hakt nach, gibt sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden. „Sie sind in der Regierungspartei: Wie reagieren Sie?“, fragt er die Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Niemann. „Wir haben reagiert“, antwortet sie.

Im Wohnungsbauprogramm seien allein 180 Millionen Euro pro Jahr für Sozialwohnungen reserviert. Sie verweist darauf, dass im neuen Haller Wohngebiet Sonnenrain Bauträger nur zum Zug kommen, wenn sie einen bestimmten Anteil an günstigen Mietwohnungen schaffen. Zudem sollten Quartierskonzepte der Vereinsamung der Menschen entgegenwirken.

Taten sollen folgen

Wolfgang Engel von der Diakonie in Hall sagt: „Wir haben 6000 Menschen im Landkreis, die von Hartz-IV-Bezügen leben. Manchmal muss man schon tief durchatmen, wenn man von diesen Brüchen im Leben hört.“ Oliver Klein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe, wünscht sich, dass das Recht auf Wohnen ins Grundgesetz aufgenommen wird.

Nach eineinhalb Stunden endet der Abend. Ob sie mit den Antworten zufrieden sei, wird „Beate“ gefragt. „Als Wohnsitzlose bin ich erhört worden. Es müssen den Worten aber auch Taten folgen.“ Rudi Reinhard ist bis zum Schluss dabei, hat seine dicke Jacke immer noch nicht ausgezogen.