Ilshofen „Die Euphorie ist nicht da“

Ilshofen / Viktor Taschner 14.06.2018
Andrey Nagumanov aus Russland spielt für den TSV Ilshofen Fußball. Bei der WM drückt er seinem Heimatland die Daumen.

Wenn am Donnerstag das Eröffnungsspiel im Moskauer Luschniki-Stadion angepfiffen wird, wird Andrey Nagumanov seinen Landsleuten fest die Daumen drücken. Der Fußballer des TSV Ilshofen zieht sich dann ein Trikot der russischen Nationalmannschaft an und fiebert mit. „Mit drei Leuten aus dem russischen Kader habe ich sogar noch in der U21 zusammengespielt“, erzählt der 31-Jährige. Artem Dzuba, Vladimir Granat und Fedor Kudryashov standen früher gemeinsam mit Nagumanov auf dem Feld. Nun soll das Trio bei einer Heim-WM die russischen Farben so weit wie möglich im Turnier tragen.

„Alle Leute in Russland reden jetzt über die WM. Aber es wird auch viel Negatives gesagt, zum Beispiel über die hohen Kosten“, erzählt Nagumanov. Als 2010 Russland den Zuschlag bei der WM-Vergabe erhielt, sei das noch anders gewesen. „Ich dachte damals, wie geil ist das denn. Aber seitdem hat sich einiges in Russland geändert. Die Wirtschaft steckt in der Krise“, so Nagumanov.

Damals, vor acht Jahren, lebte er noch in seiner Heimatstadt St. Petersburg, wo er für den international bekannten Verein Zenit St. Petersburg gegen den Ball trat. Über die Station Zalgiris Vilnius in Litauen landete er im April 2013 in Öhringen. Aber warum gerade dort, im beschaulichen Hohenlohe? „Das waren familiäre Gründe“, schmunzelt Nagumanov. Seine Frau Ksenia, eine Russlanddeutsche, kommt aus Öhringen. Bis heute lebt das Paar dort. Seit sechs Monaten gehört auch Sohn Marc-Andre zur Familie. „Er muss später einmal ein besserer Fußballer werden als der Papa“, witzelt Nagumanov, der nur die russische Staatsbürgerschaft besitzt.

Seine Karriere setzt er 2013 bei der TSG Öhringen fort. Danach geht es zum FSV Hollenbach und TSV Crailsheim, bevor er 2016 zum TSV Ilshofen kommt. Mit seinem vierten Verein in Hohenlohe kämpft er aktuell um den Aufstieg von der Verbandsliga in die Oberliga. Sein fünfter Club in Deutschland wird der TSV Obersontheim werden, den er ab kommender Saison in der Bezirksliga als Spielertrainer übernimmt.

Und wie wird Nagumanov die WM verfolgen? „Daheim mit meiner Familie“, erzählt der Russe. Für das größte Sportereignis der Welt wird er nicht in seine Heimat reisen können – „leider“, wie er anmerkt. Es sei schwer, an Tickets heranzukommen, und auch die Zeit fehle ihm, ein WM-Spiel vor Ort zu besuchen. Zumindest einige Freunde von ihm hätten Karten ergattert, wie Nagumanov bei der Social-Media-Plattform Instagram gesehen hat.

„Aber die Euphorie in Russland ist auch nicht da, weil unsere Mannschaft zu schlecht ist.“ Anders als im Eishockey, der Sportart Nummer 1 in Russland, habe das große Land im Moment keine überragenden Spieler in seinen Reihen. Nagumanov traut dem Heimteam mit seinen Ex-Kollegen aber zumindest den zweiten Platz in der Gruppe mit Uruguay, Saudi-Arabien und Ägypten zu. Das würde für das Achtelfinale reichen.

Aber spätestens dort sei für Russland dann Schluss, prophezeit Andrey Nagumanov. Zudem glaubt er, dass der Pokal nach Südamerika geht. „Ich glaube, dass Deutschland und Argentinien es wieder ins Finale schaffen können. Aber ich denke, dass dann diesmal Argentinien gewinnen wird“, setzt Nagumanov auf die Gauchos um Superstar Lionel Messi.

Nicole und Frank Lauter aus Hall fiebern vor Ort in Moskau mit

„Es ist ein tolles Erlebnis Fußballfans aus der ganzen Welt auf dem Roten Platz zu treffen“, schreiben Nicole und Frank Lauter. Das Ehepaar aus Hall ist dieser Tage nach Moskau geflogen, um am Sonntag das Spiel der deutschen Mannschaft gegen das Team der Mexikaner in Moskau live zu erleben. Wie es dazu kam? Die Lauters haben eine russische Freundin, die in Moskau lebt. Sie hatten sie auf einem Filmfestival kennengelernt. Vor einigen Monaten habe sie die beiden Haller gefragt, ob sie nicht die deutsche Elf in Moskau unterstützen wollen und bot sich als Fremdenführerin an. Die Lauters nutzen die Gelegenheit und reisen zum ersten Mal nach Russland. „Insgesamt sind wir jetzt schon mehr als 40 Kilometer durch Moskau gelaufen“, berichtet das Paar aus der russischen Hauptstadt. Gestern haben Nicole und Frank Lauter das öffentliche Training der deutschen Mannschaft besucht, „dabei sind wir vom mexikanischen Fernsehen interviewt worden“, schreiben sie. Allgemein stellen sie fest, dass das WM-Fieber noch nicht besonders verbreitet sei. Die Russen seien sehr freundlich, alles sei sehr sauber, sehr gut organisiert, und „es wimmelt nur so vor Sicherheitspersonal“, erzählen die Lauters. Allerdings spreche kaum jemand Englisch.

Für das Ehepaar ist es die erste richtige Reise zu einer Fußball-WM. Das Eröffnungsspiel heute wollen die beiden Haller bei einem Public Viewing anschauen. Andere deutsche Fans haben sie bislang noch nicht getroffen, dafür aber viele Fußballbegeisterte aus Brasilien, Peru, Mexiko und dem Iran. Vor allem die Begegnung mit den Fans aus Mexiko, mit denen die Lauters gemeinsam mit dem Taxi zum öffentlichen Training fuhren, sei bemerkenswert gewesen: „Sie kennen alle deutschen Nationalspieler und fürchten uns als Gegner sehr. Wir kennen die mexikanischen Nationalspieler leider nicht und hoffen auf das Weiterkommen beider Teams“, schreiben die Lauters. Nach der Vorrunde geht es für die beiden Schwäbisch Haller wieder nach Hause. Die weiteren Spiele wollen sie dann im Heimkino anschauen. Und wer wird Weltmeister? Nicole und Frank Lauter halten sich mit ihrem Tipp noch etwas zurück – immerhin: „Wir zählen unser Team mit Frankreich, Brasilien, England und Spanien zu den Favoriten.“ blo

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