Schwäbisch Hall "Die Chance gibt es nie wieder"

Die psychologische Psychotherapeutin Pia Lemke eröffnet voraussichtlich im April 2014 eine neue Praxis in Schwäbisch Hall. Foto: Marcus Haas
Die psychologische Psychotherapeutin Pia Lemke eröffnet voraussichtlich im April 2014 eine neue Praxis in Schwäbisch Hall. Foto: Marcus Haas
Schwäbisch Hall / MARCUS HAAS 20.11.2013
Es gibt bislang zu wenige Psychotherapeuten in Hall. Das ändert sich nun durch eine neue Bedarfsplanung. So kann etwa Psychotherapeutin Pia Lemke im April 2014 eine neue Praxis in der Stadt eröffnen.

"Die Chance gibt es nie wieder", sagt Pia Lemke. Die psychologische Psychotherapeutin ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Schwäbisch Hall. Ihre Praxis ist aber in Murrhardt. Für die rund 30 Kilometer braucht die 48-Jährige eine halbe Stunde. Das ändert sich voraussichtlich im April, wenn Lemke eine neue Praxis in Hall eröffnet. Das macht eine neue Bedarfsplanung im ambulanten psychotherapeutischen Bereich möglich. 13,5 neue Sitze für Psychotherapeuten sind genehmigt worden, die in den nächsten Monaten in der Stadt und im Landkreis Hall besetzt werden sollen.

Pia Lemke hatte 2008 die Praxis in Murrhardt übernommen. Von 2005 bis 2008 war sie in Hall bei Dr. Alessandro Cavicchioli angestellt. "Es war dramatisch. Teilweise mussten Menschen ein Jahr auf eine ambulante psychotherapeutische Behandlung warten - ein unhaltbarer Zustand", sagt der psychologische Psychotherapeut. Derzeitiger Stand in Zahlen: Die im Planungsbereich Hall arbeitenden Psychotherapeuten deckten lediglich 68 Prozent des Bedarfs ab - 16,7 Sitze. Und der Bedarf habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, macht der Diplompsychologe deutlich. Cavicchioli hat eine psychotherapeutische Praxis in Hall, ist unter anderem Landesvorsitzender der deutschen Psychotherapeutenvereinigung in Baden-Württemberg und erkennt eine deutliche Zunahme bei depressiven Erkrankungen aus dem Themenbereich der Überforderung. "Es sind in der Regel Menschen, die über einen längeren Zeitraum zu viel gearbeitet haben. Sie haben keine Energie mehr, bei Gedanken an Arbeit macht sich Widerwille breit, und sie rutschen in eine Depression", sagt der 55-Jährige, der auch Psychotherapeuten ausbildet. Der gebürtige Italiener ist froh darüber, dass sich das nun ändert und der Bedarf stärker an die tatsächlichen Verhältnisse angepasst werde. Hintergrund ist eine Reform dieser Bedarfsplanung, die seit Juli dieses Jahres in Kraft ist.

"Ich habe mich bei der Kassenärztlichen Vereinigung beworben, als ich von den freien Sitzen im Planungsbereich Hall erfahren habe", sagt Pia Lemke. Im Oktober war sie bei einer Zulassungssitzung unter anderem mit Vertretern von Patienten, Krankenkassen, Psychotherapeuten und Juristen in Stuttgart. Ihre Praxis in Murrhardt wird nachbesetzt. Den Bescheid, der dann einen Monat danach rechtskräftig sei, erwartet die 48-Jährige Ende Dezember. Klagen von nicht berücksichtigten Bewerbern seien nicht zu erwarten, da es so viele Bewerber wie neue Sitze gebe.

Die neue Bedarfsplanung stammt vom gemeinsamen Bundesausschuss, erklärt Kai Sonntag. Es ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland, macht der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart weiter deutlich. "Die neue Bedarfsplanung berücksichtigt Einwohnerzahlen, Demografiefaktoren und unterscheidet fünf Versorgungszonen beziehungsweise Typen", sagt Sonntag und ergänzt: je älter die Bevölkerung, umso mehr mögliche Neuzulassungen beispielsweise für Psychotherapeuten.

Im Planungsbereich Hall kommen 5800 Einwohner auf einen Psychotherapeuten. Dieser gehört zum Typ Eigenversorgung, so Kai Sonntag. Hall sei ein ländlicher Raum am Rande. Es gebe keine Beziehung zu mitversorgenden Regionen. Versorgung werde hier aus der Region heraus organisiert. Wann welche neuen Praxen durch wen genau eröffnet werden, kläre sich vollends in den nächsten Monaten.

Psychiater und psychologische Psychotherapeuten
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