Was ist Ihnen zuallererst durch den Kopf gegangen, als Ihnen der Brief aus Bühlerzell auf den Schreibtisch geflattert ist?

Kai Gniffke: Der Brief der Kinder hat mich berührt. Die Sorgen und Ängste, die darin zum Ausdruck kamen, haben mich viel stärker bewegt als die meisten anderen Zuschriften. Das war kritisch, ohne vorwurfsvoll zu sein, das gibt es selten. Der Brief war einfach ehrlich und kam von Herzen. Dazu die bunten Unterschriften der Jungen und Mädchen – da war mir sofort klar, dass ich die Antwort nicht auf die lange Bank schieben werde.

Bekommen Sie solche Korrespondenz öfter? Beantworten Sie sie immer?

Jeden Tag bekommen wir ganz viel Feedback. Das meiste kommt über soziale Medien und ein großer Teil erreicht uns auf unserer Website. Viele Menschen schreiben uns aber eben auch direkt per Mail oder per Brief. Aber der Brief aus Bühlerzell, das war schon etwas Besonderes. Nicht alle Zuschriften kann ich persönlich beantworten, das wäre nicht zu schaffen. Aber wenn jemand schreibt, dass er eine Antwort haben möchte, ja, dann schreibe ich zurück.

Sie haben sicher die Diskussion im Tagesschau-Blog verfolgt. Hätten Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Das war für mich eine sehr positive Erfahrung. Ich fand die Kommentare gar nicht schlimm, und nur ganz wenige grenzwertig. Die Debatte über den Brief und meine Antwort war respektvoll und konstruktiv. Offenbar haben die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Brief einen Ton getroffen, der den meisten Diskussionsteilnehmern gefallen hat. Zugleich war ich überrascht, wie viele Menschen sich binnen kurzer Zeit an der Debatte beteiligt haben. So viele Kommentare sind wirklich selten.

Was denken Sie: Warum empfinden manche Menschen gerade die Nachrichten im Fernsehen als zu negativ?

Die Themen, die wir behandeln, sind meist ja dieselben wie in den Zeitungen. Aber ich glaube, dass das Medium Bild oder Fernsehen einfach emotionaler ist und dadurch noch direkter wirkt. Ein Zeitungsbericht über einen Terroranschlag macht den Lesern zwar auch ein ungutes Gefühl, aber die bewegten Bilder der Opfer, die Schüsse und Schreie, die man dazu hört, das kann tatsächlich verstörend wirken.

Erklären Sie Ihren eigenen Kindern auch so detailliert, warum Sie das, was Sie machen, so tun, wie sie es tun?

Meine Kinder sind beide schon über zwanzig. Die kritisieren mich heute manchmal schon, wenn sie in der Tagesschau etwas zu beanstanden haben. Als sie kleiner waren, haben sie mich immer mal gefragt, was ein Ereignis zu bedeuten hat, wenn sie eine Nachricht aufgeschnappt hatten. Allerdings haben sie im dritten oder vierten Schuljahr noch nicht die Tagesschau gesehen. Das kam erst deutlich später.

Ihre Antwort kam gut bei den Schülern an. Wollen Sie Ihnen vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben?

Ach, die brauchen von mir keine onkelhaften Ratschläge. Aber ich würde sie bestärken, weiterhin Angebote wie die Tagesschau zu nutzen und sich dabei den kritischen Blick zu bewahren. Und wenn solche Schülerinnen und Schüler die Bürger von morgen sind und vielleicht sogar Entscheidungsträger werden, ist mir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land nicht bange.

War Ihnen Bühlerzell eigentlich ein Begriff? Kennen Sie Hohenlohe?

Die Region kenne ich natürlich. Und ein alter Fußball-Kumpel von mir stammt aus Schwäbisch Hall. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich Bühlerzell vorher nicht auf dem Zettel.

Die Fragen stellte Norbert Acker

Ein erfahrener Fernsehmacher


Dr. Kai Gniffke, geboren 1960 in Frankfurt am Main, studierte Politikwissenschaft, Jura und Soziologie in Mainz und Frankfurt am Main. Nach seiner Promotion arbeitete er seit 1993 als Reporter und Schlussredakteur in den Abteilungen Fernsehnachrichten und Landespolitik des SWF. Von 1998 bis 2003 war er als Redaktionsleiter ARD-aktuell verantwortlich für die Zulieferungen des SWR Mainz zu Tagesschau und Tagesthemen. Er war Autor von Features und Reportagen. Von 2003 bis 2005 war er zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell und Chef des Teams Tagesthemen. Seit 2006 ist er erster Chefredakteur von ARD-aktuell. 2007 hat er den Grimme-Online-Award für Autorenschaft im Tagesschau-Blog verliehen bekommen, 2012 den Publikumspreis des Grimme-Online-Awards für die Tagesschau-App.