Schwäbisch Hall "Der Wald war seine Kirche"

VERENA BUFLER 18.11.2013
Der gebürtige Haller Hans-Georg Albrecht liebte seine Heimat, und umgekehrt war er auch ein angesehener Bürger. Wenn er wanderte, hatte er zweierlei stets dabei: sein Kofferradio und seinen Piccolo.

Um vier Uhr morgens kam der Bus, der mehrere Haller Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) ins KZ Heuberg brachte. Es war der Morgen des 20. März 1933, an dem sich das Leben jener Männer für immer verändern sollte. Hans-Georg Albrecht war einer von ihnen. Der damals 19-Jährige war damit einer der ersten Haller, die von den Nationalsozialisten in "Schutzhaft" genommen wurden. In den folgenden zwei Jahren wurde er in einen Kerker eingesperrt, musste Schikanen und Folter durch die Männer der Sturmabteilung (SA) ertragen. "Der Vorwurf lautete auf Anstiftung zum Hochverrat", weiß Monika Auerbach, langjährige Freundin und Weggefährtin. "Dabei war er einfach Kommunist. Das reichte den Nazis, um ihn ins KZ zu stecken."

Die Zeit im Konzentrationslager prägte Hans-Georg Albrecht. "Er sprach zwar fast nie davon", sagt seine in Hall lebende Tochter Susanne Ansel, "aber Verbitterung war ihm anzumerken." Auf der anderen Seite stärkte die bedrückende Erfahrung im Konzentrationslager seinen Willen, nicht "zu denen" gehören zu wollen. Sein Sinn für Demokratie wurde durch die Nazizeit nachhaltig geprägt, und zeit seines Lebens beschäftigte ihn die Einhaltung des Schwures von Buchenwald: "Nie wieder Faschismus - nie wieder Krieg!" Bis zu seinem Lebensende arbeitete er aktiv in der Haller Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes mit.

Ein waschechter Haller

Hans-Georg Albrecht wurde am 23. Januar 1914 in Hall geboren. Er war ein waschechter Haller: Mitglied im Verein Alt Hall, die Oma Haalschreiberin. Seine Mutter Mina Albrecht war Sozialdemokratin und eine politisch tätige Frau; der Vater fiel im Ersten Weltkrieg. Hans-Georg Albrecht arbeitete als Schriftsetzer im Landratsamt. Gemeinsam mit seiner Frau Anne hatte er drei Kinder.

Genau ein Jahrzehnt war er Vorsitzender der Haller Naturfreunde. Sein Amt legte er in den 70er Jahren wutentbrannt nieder, nachdem die Naturfreunde einen Auftritt der Haller Schalmeienkapelle ablehnten, die ihm stets am Herzen lag. Trotz dieses Eklats blieb er der Ortsgruppe bis kurz vor seinem Tod als Kulturreferent verbunden.

"Der Wald war seine Kirche", sagt Susanne Ansel. Er liebte es zu wandern und fotografierte unzählige Male die Breiteiche. Einmal gewann er sogar einen Wettbewerb mit seiner Fotografie. Wenn er von seiner Innenstadtwohnung oberhalb des Gasthauses Dorle bis ins Lemberghaus spazierte - immerhin knapp zehn Kilometer - trug er um den Hals ein Kofferradio, mit dem er klassische Musik hörte. An seiner Seite ging sein treuer Freund Piccolo, ein schwarzer Pudel, den er schon mal in seinen Rucksack setzte, wenn dieser mit seinen kurzen Beinchen nicht mehr Schritt halten konnte.

Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber Missständen und politischen Untaten hatte Hans-Georg Albrecht auch eine heitere, gesellige Ader. Und er war pfiffig, erinnert sich Monika Auerbach: "Wenn man bei ihm klingelte, steckten er oder seine Frau Anne den Kopf aus dem Fenster. Danach ließen sie einen Korb mit einem Schlüssel herunter. Oben gabs dann einen Tee."

Hans-Georg Albrecht war ein belesener Mensch. Im Ruhestand fuhr er deshalb etwa einmal die Woche nach Stuttgart, um Museen zu besuchen oder Bücher zu kaufen.

Am 16. November 1987 starb Hans-Georg Albrecht völlig unerwartet mit 73 Jahren. Im Treppenhaus brach er zusammen, wohl infolge eines Infarkts. Der Hans-Georg-Albrecht-Weg im Solpark erinnert heutige Generationen an die Opfer der Nazizeit.

Info zur Serie