Theater "Der Tag des Ruhms ist da . . ."

Schwäbisch Hall / JÜRGEN STEGMAIER 10.06.2013
Ich gebe meistens 99 und manchmal 110 Prozent" verrät Jochen Neupert. Der Schauspieler, der bis vor einer halben Stunde auf Halls Großer Treppe den Danton gegeben hat, sitzt jetzt frisch geduscht im Sitzungssaal des Rathauses.

Vor ihm das Treiben der Premierenfeier. Klingt seine Stimme heiser? Wundern würde dies nicht angesichts des gewaltigen Wortgewitters, das er in Erwartung des nahen Todes den Widersachern und Freunden auf der Treppe sowie den rund 800 Premierenbesuchern auf dem Marktplatz entgegenschleuderte. Jochen Neupert ist stimmgewaltig. Sein tiefer Ton füllt die Bühne und den Marktplatz bis in den letzten Winkel aus. "Bei uns daheim geht es immer so laut zu", scherzt seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Stephanie Theiß. Vielleicht sieht man sie auch mal auf den Haller Theaterstufen. In den häuslichen Wortschlachten mit Jochen Neupert kann sie sich schon mal auf die Herausforderung Große Treppe vorbereiten. Die Stimmgewalt und die Präsenz ihres Lebensgefährten hält sie wie geschaffen für die große Haller Bühne. "Für ein Kammerspiel kann seine Wucht und Energie zu viel sein."

Nachdem der Vorhang gefallen ist, treffen sich Schauspieler, Ehrengäste und Unterstützer zum Premierenfest. Freilichtspiele-Intendant Christoph Biermeier räumt ein, dass er es dem Publikum mit "Dantons Tod" nicht leicht gemacht hat. Aber ein fachkundiges Publikum - wie das in Hall - könne auch Anspruchsvollem folgen.

Die Darsteller wirken entspannt. Nichts zu spüren von einer Ermüdung, die eine lange Vorbereitungsphase, ein vorläufiger Höhepunkt und das Nachlassen der Spannung auslösen können. Lautstark singen sie die Marseillaise: "Auf, Kinder des Vaterlands! Der Tag des Ruhms ist da . . ."

Als frisch gebackener Ministerpräsident war Winfried Kretschmann im zurückliegenden Jahr Premierengast bei den Freilichtspielen. 2012 gabs den "Faust" zum Auftakt. Thematisch hätte man sich Kretschmann auch jetzt wieder in Hall vorstellen können. In "Dantons Tod" geht es immerhin um die Steuerbarkeit gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse. Aber vielleicht ist Umwälzung ohnehin ein zu starkes Wort für den Wechsel von Schwarz-Gelb auf Grün-Rot im Ländle.

Der Umwälzung war der deutsche Fußball dagegen nahe, doch stattgefunden hat die Revolution auf dem Spielfeld dann vielleicht doch nicht. Dortmunds ehemaliger Oberbürgermeister Gerhard Langemeier saß im Publikum. Schade, dass er Borussia-Trainer Jürgen Klopp nicht mitgebracht hat. Man hätte ihn fragen können: Wer hat an der Seitenlinie Recht: Der nachsichtige Danton oder der gnadenlose Robespierre?

Die Riege der Ehrengäste am Samstag ist weniger prominent besetzt als im Vorjahr. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller hat sich unters Publikum gemischt. Zu sehen war auch Jürgen Walter, Staatssekretär vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die Haller SPD-Europaabgeordnete Evelyne Gebhardt zeigt sich besonders interessiert daran, wie in ihrer Wahlheimat die Revolution in ihrem Heimatland interpretiert wird. Für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Harald Ebner ist das Theater an diesem Samstag die zweite inhaltliche Herausforderung. Am Nachmittag hatten die Grünen ihre Auftaktveranstaltung im Hinblick auf die Bundestagswahl im September.

Wie hat es Ihnen denn gefallen?", das ist die meistgestellte Frage in dieser Premierennacht. Die Antworten sind so vielfältig wie die Inszenierung. "Ich muss das erst mal auf mich wirken lassen", so eine beliebte Antwort.

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