Sonntag, 30. August, einer der wärmsten Tage des Jahres: Mit dem Auto geht es vom Dörfchen Matzenbach nach Westen in den Wald hinein, der in der Abendsonne alles andere als unheimlich wirkt. Nach 500 Metern taucht rechts die Bildkapelle auf, der einzige Marienwallfahrtsort im Landkreis Hall. Hierher pilgern Jahr für Jahr Tausende katholische Gläubige, um an der Pieta zu beten. Maria trägt den toten Jesus nach der Kreuzabnahme. An dem auf den ersten Blick unspektakulären holzgeschnitzten Bild aus dem Jahr 1761 sollen bereits mehrere Wunder geschehen sein, unter anderem eine Blindenheilung.

An diesem Sonntagabend scheint nichts und niemand die stille Andacht zu stören, der Waldparkplatz ist völlig verwaist. Doch Aloisia Baumann ist sich sicher: "Sie müssen noch ein paar Stunden warten: Am 13. jeden Monats und heute bei Vollmond ist im Wald richtig viel los." Aloisia und ihr Mann Bernhard Baumann, die im Auftrag der katholischen Kirchengemeinde Matzenbach an der Bildkapelle regelmäßig nach dem Rechten schauen, sind Kummer gewöhnt. Immer wieder löst der Alarm aus, wenn versucht wird, in die nachts abgeschlossene Kapelle einzubrechen. Abergläubische läuten am Turm neben der Kapelle die Glocke, um sich beim anschließenden Trip tiefer in den Wald hinein vor Bösem zu schützen.

Junge Menschen suchen Nervenkitzel

Matzenbachs Pfarrer Markus Engert weiß: Im Wald unterwegs sind vor allem junge Leute, die Nervenkitzel suchen. Aber auch einige Satanisten. Kurz nachdem Engert 2006 nach Matzenbach kam, wurde in der damals nachts noch unverschlossenen Kapelle eine Art schwarze Messe gefeiert. Die Unbekannten warfen Bänke um und stellten Kerzen in okkulten Konstellationen auf. Später zerschossen Jugendliche aus Dinkelsbühl die Fensterscheiben der Kapelle und mussten sich vor Gericht verantworten.

"Die jungen Leute kommen aus einem Riesenumkreis, uns werden auch Ansbacher Kennzeichen gemeldet", sagt Friedrich Piott, Leiter des Polizeipostens Fichtenau. Dass die Verbotsschilder an der Kapelle und Ordnungsstrafen von um die 100 Euro viele nicht davon abhalten, in den Wald zu fahren, sei vor allem für Förster und Jäger ein Ärgernis.

Berichte in Internet-Foren wie allmystery.de, geisternet.com oder der Facebook-Seite "Horrorstorys Matzenbacher Wald" heizen dessen zweifelhafte Popularität weiter an. Die Rede ist von Irrfahrten durch das Wegelabyrinth, Abdrücken von Kinderhänden, die nach Fahrten über die geschotterten Waldwege auf eingestaubten Motorhauben entdeckt wurden, demolierten Autofensterscheiben und ständigem "Sich-beobachtet-Fühlen". Was wahr und was erfunden ist, lässt sich angesichts der Anonymität der meisten Schreiber nicht überprüfen.

Kapelle geschlossen

Wer die Schauplätze der Gruselgeschichten bei Tageslicht erkundet, dem dürfte zunächst die Schönheit des Matzenbacher Waldes ins Auge fallen. Der etwa zehn Quadratkilometer große Mischwald zeichnet sich durch seinen hohen Bestand an alten Bäumen aus und wird forstwirtschaftlich offenbar nur sehr dezent genutzt. Von der Bildkapelle führt der Weg nach Westen über die A7, die den Wald in Nord-Süd-Richtung durchschneidet. Einige hundert Meter weiter - das Rauschen der Autobahn ist kaum noch zu hören - steht der Wanderer auf einer beeindruckenden Sechs-Wege-Kreuzung. Wer hier zu viel Angst hat, so die Legende, entscheidet sich nachts für den falschen Weg - und kehrt nie mehr zurück.

Ortskundige wissen, dass man von den sechs Wegen jenen nach Süden nehmen muss, um nach etwa zwei Kilometern nach Keuerstadt zu gelangen. Ein einsamer Ort auf der Gemarkung Jagstzell, in dem heute keiner mehr wohnt. Bis ins 19. Jahrhundert standen dort mehrere Mühlen und Bauernhöfe, heute nur noch ein meist verlassenes Haus der Forstverwaltung - und die romanische St.-Nikolaus-Kapelle.

Spukgeschichten über einen erhängten Mönch und den Geist des bösen Jägers Brandjockele machen auch sie immer wieder zum Ziel der jugendlichen Geisterjäger. Wegen Vandalismus und Schmierereien ist die 1280 errichtete Kapelle auch tagsüber nicht mehr zugänglich.

"In letzter Zeit war es rund um die Kapelle etwas ruhiger geworden. Ich hoffe, dass das so bleibt", sagt Jagstzells Bürgermeister Raimund Müller. Die zweifelhafte Berühmtheit des Waldes ist ihm zuwider: "Am besten, man schreibt überhaupt nichts mehr drüber."

Legende vom "Brandjockele"

Bei Keuerstadt geht ein Geist um: der "Brandjockele". Er war einst Jäger für die Probstei Ellwangen und wohnte in einem der Höfe im Wald. Dort führte er ein ausgelassenes Leben. Er schoss das Wild, wenn es ihm einfiel. Seine Dienstleute plagte er bis aufs Blut. Oft ließ er sie erst um Mitternacht ins Bett gehen. Um 1 Uhr schürte er grünes Holz, dass es gewaltig rauchte und stank, sodass die Leute wieder aufwachten. Das freute ihn sehr. Als der Brandjockele starb, wurde sein Hof niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht. Er selbst aber fand zur Strafe auch nach dem Tod keine Ruhe. Zum Schrecken anderer Leute geht er nachts in Gestalt eines Jägers als Geist um. Quelle: jagstzell-gemeinde.de