Schwäbisch Hall Interview: „Der Kocher war uns geradezu heilig“

Wilfried Brückner (76) sitzt vor dem Werk einer Künstlerin für die seine Frau im Alter von 17 Jahren Modell saß. Das Ehepaar hat die Bronze kürzlich entdeckt und eine Kopie anfertigen lassen.
Wilfried Brückner (76) sitzt vor dem Werk einer Künstlerin für die seine Frau im Alter von 17 Jahren Modell saß. Das Ehepaar hat die Bronze kürzlich entdeckt und eine Kopie anfertigen lassen. © Foto: Tobias Würth
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 18.05.2018
20 Jahre lang prägte Baubürgermeister Wilfried Brückner die Entwicklung Halls. Er bewahrte Hall davor, mit Verkehrsachsen durchschnitten zu werden.

Wer Wilfried Brückner besuchen will, muss in Stuttgart durch einen langen Stollen gehen. Der führt zu einem Aufzug, der in einem Garten endet. Obwohl das Gebäude in Halbhöhenlage mitten in der Metropole liegt, ist nur ab und an die Zahnradbahn zu hören.  Nach seinem Amtsverzicht hat sich der ehemalige Baubürgermeister nie öffentlich über seine Arbeit und die seiner Nachfolger geäußert. Vier Stunden lang nimmt sich Brückner nun Zeit für das Gespräch bei schwarzem Kaffee.

Sie haben dem mittelalterlichen Hall die Moderne beschert.

Zumindest habe ich mich bemüht. Schwäbisch Hall hat in jeder Epoche Glanzstücke ins Stadtbild eingefügt. Warum sollte nicht die aktuelle Generation ihren Stil zeigen. Landratsamt, Blendstatthalle und Glashaus zeigen, wie sich der architektonische Ausdruck mit der Zeit wandelt, grundsätzliche und gemeinschaftliche Gestaltungsregeln jedoch beibehalten werden. Die Pflege der alten Bausubstanz lag mir aber ebenso am Herzen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wichtig ist es für einen Planer, den Ort seines Wirkens zuerst einmal genau zu beobachten. Hinter der baulichen Gestalt einer Stadtanlage und ihrer einzelnen Gebäude stecken ja Geist und Charakter ihrer Bewohner. Durch die Ignoranz und Egozentrik von Planern oder Entscheidern wurde das Bild vieler Städte beschädigt.

Die Hänge nicht zu bebauen, dafür hatte man sich schon vor Ihnen entschieden, oder?

Ja, aber eher wegen erschließungstechnischer Schwierigkeiten. Diese Idee blieb im Gespräch. So untersuchte die Neue Heimat, damals Generalberater der Stadt, Anfang der 1970er-Jahre die Möglichkeiten einer terrassierten Hangbebauung und stellte entsprechende Pläne vor. Mir war es wichtig, dass die Altstadt von einem „grünen Bilderrahmen“ umsäumt bleibt, der sie bestmöglich in Szene setzt und eine unverstellte Sicht erhält, von den Rändern und aus dem Flusstal. Es ist doch wirklich ein imposanter Anblick, wie die Stadtmauern mit den Wehrgräben die dicht gedrängt stehende Häuserschar umgürten.

In jüngster Zeit kamen im Süden die Stadtwerke am Kocher und im Norden Ärztehaus und Hotel hinzu, die das grüne Band der Flusslandschaft anknabbern.

Da sprechen Sie eine heikle Planungsfrage an, zu der ich mich ungern äußere. Es ist gut, dass die Stadt jetzt wieder einen Baubürgermeister hat, der sich mit solch grundsätzlichen Fragen fachkundig auseinandersetzen kann. Das Stadtbild und die Erscheinung der dörflichen Ansiedlungen, die zu Schwäbisch Hall gehören, sowie das wertvolle Gut der Landschaft verlangen meines Erachtens unbedingt eine kontinuierliche und starke Besetzung dieses Amtes. Alles andere wäre ein leichtfertiger Umgang mit dem baulichen Erbe und dem Geschenk Natur. Den Fluss mit seinen Uferpartien behandelten wir ehrerbietig. Der Kocher war uns geradezu heilig.

Welche Vorstellungen hatten Sie zur Siedlungspolitik und Bebauungsplanung?   

Eine Landschaft kann nur ein bestimmtes Maß an baulicher Nutzung vertragen. Es ist wie bei einem Luftballon, den man bis kurz vor dem Bersten aufblasen kann. Wenn Sie weitermachen, platzt er. Um die richtige Balance zu finden, bedarf es vorausgehender Grundlagenuntersuchungen, die wir durchführten. Welche Biotopbänder und -vernetzungen sind zu beachten? Wie erfolgt der Luftaustausch von den Anhöhen über die Klingen mit dem Kochertal?

Gab es damals keine Konflikte, bei dem Bürger gesagt haben: Wir wollen aber jetzt einen Bauplatz haben?

Sicher.

Heute gibt es die Kritik, die Sie sich anhören sollten: Eine Zeit lang wurde in Hall nicht genug Bauland für Familien ausgewiesen. Vor allem die Nachbarorte sind gewachsen. Hat da Hall eine Entwicklung verpennt?

Es ist das Los aller Zentren, dass sich in deren Nachbargemeinden mehr oder weniger ausgewachsene Speckgürtel bilden. Man müsste einmal zusammenrechnen, was zu meiner Zeit auf dem Gebiet der Stadtgemeinde an Bauland erschlossen worden ist. Ich bin überzeugt, es kommt eine erkleckliche Fläche heraus. Der Schwerpunkt des Zuwachses lag am Standort Teurershof. In der Summe übertraf das Neubauangebot in allen Teilorten wahrscheinlich noch den Teurershof. Es ist allerdings zutreffend, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Eigenheimideologie auf ewig weiterverfolgt werden kann. Perspektivisch gedacht versteht sich das von selbst. Die ins Auge stechende Erweiterung von Michelfeld, Rosengarten und Michelbach setzte erst nach meinem Weggang ein.

Noch heute sieht man Ihre Handschrift in Hall: Zum Beispiel wollten Sie die damals neue Grundwiesensiedlung mit einem Grünbereich von der bestehenden Bebauung trennen.

Das wollten wir tatsächlich absetzen. Die Grünschneise diente auch der Biotopvernetzung. Orte des Zusammentreffens sind in Baugebieten wichtig: Zu Hause gönnt man sich keine Platzgestaltung, auf Reisen jedoch genießt man sie in den alten Städten.

 Als Sie kamen, war eine Ihrer ersten Aufgaben die Umwandlung des Grossag-Geländes in der Blendstatt in das heutige Behördenzentrum des Landratsamts. Stimmt das?

Ja. Es war so, dass der Landrat schon einen Entwurf hatte für den Bau des Landratsamts neben dem Schenkensee. Ein Bürozentrum mit mehreren mehrgeschossigen Häusern. Unsere Idee war es, das Landratsamt als Magnet in der Innenstadt zu erhalten.

Die Blendstatthalle und das Glashaus folgten, es gab auch mächtig Kritik. Ein Leserbriefschreiber spricht von dem „blechernen Monster“ Blendstatthalle. Traf Sie das?

Schon deshalb nicht, weil bei näherem Hinsehen die Halle zu 80 Prozent aus Naturstein besteht. Da sehen Sie mal, was die Leute reden, ohne hinzugucken. Die Technikräume an den Stirnseiten der Halle sind mit Wellblech verkleidet. Es gibt Materialrassisten, die bestimmten Werkstoffen einen ästhetischen Wert absprechen.

Doch Sie haben nicht nur Projekte entwickelt, sondern auch welche verhindert. Welche?

Die Idee, dass man den Durchgangsverkehr auf einen Innenstadtring bringt, wurde schon vor meiner Zeit diskutiert. Es lagen baureife Entwürfe vor, die einen durchgehend vierspurigen Ausbau vorsahen. Heute kaum vorstellbar, gedachte man, für die Straßenverbreiterung die bergseitige Häuserzeile an der Unterlimpurger Straße und die talseitige Häuserzeile an der Langen Straße zu opfern. Der Ausbauplan für das Friedhofsdreieck erstreckte sich bis ans ehemalige Gelbinger Tor. Gott sei Dank, konnten wir durch Alternativplanungen den für die damalige Zeit allerorts so verfolgten Straßenausbau abwehren. Wir erlebten damals eine späte Blüte der sogenannten Aufbauphase, in der Stadtgestaltung wie Maschinenbau betrieben wurde.

Mit dem Innenstadtring haben Sie die Katharinenvorstadt wiederbelebt. Die wird als sehr gelungen bezeichnet. Was war die Idee?

Wir hatten damals einen Campus für städtische Initiativen auf dem Dach der Ritter-Tiefgarage und im Sudhaus vorgesehen. Wir wollten dort Volkshochschule, Stadtbibliothek, Puppentheater, Kunstakademie und Kino am Schafstall positionieren. Aber da kam der Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen. Da hat es sich glücklich gefügt, dass der Unternehmer Würth das Projekt der Kunsthalle in Hall verwirklichte.

Der heutige Baubürgermeister Peter Klink erinnert sich noch an einen Schulbesuch, bei dem Sie für ihn beeindruckend über Städtebau sprachen.

Ja, ich war auch unterwegs in den Schulen. Mein Ziel war es, die Jugendlichen möglichst einmal in ihrer Schulzeit über die Themen der Stadtplanung zu informieren und ihr Interesse daran zu wecken. Wir beteiligen Bürger ohne die erforderlichen Vorkenntnisse an Bebauungsplanverfahren. Die wissen oft nicht, was eine Baumassenzahl, was eine Geschossflächenzahl ist. Sie können eine öffentliche Anhörung sinnvollerweise nur mit Menschen durchführen, die informiert sind. Wenn von meinem Besuch in der Schulklasse bei dem heranwachsenden Peter Klink etwas nachhaltig hängen blieb, gar seine Berufswahl beeinflusste, dann ist das eine schöne Episode, die mich berührt.

Welche Erinnerungen bleiben an die Zeit in Hall?

Sehr positive. Was mich gefreut hat: Die Bevölkerung hat die Entwicklungen mitgemacht. Der Einsatz hat sich gelohnt, hat aber auch viel Zeit und Kraft gekostet. Ich hatte Wochen mit 70 Stunden. Das war psychisch und physisch anstrengend. Neben dem Tagesgeschäft musste man in den Sitzungen, auch in den Ortschaften, präsent sein. Und den freundlichen Einladungen zu Nachsitzungen konnte man sich nicht entziehen. Dort nur Wasser zu trinken, wäre mit leisem Spott quittiert worden. An Schwäbisch Hall denke ich gern und dankbar zurück.

Herzprobleme zwingen ihn zum Amtsverzicht

Wilfried Brückner wurde am 2. Dezember 1941 in Sternberg nahe Olmütz in Mähren geboren. Seine Familie bewirtschaftete einen Bauernhof in einem Dorf der Gegend. Im Jahr 1946 wurde die Familie vertrieben. Nach Stationen bei Ulm, in Bonn und Frankfurt studierte Brückner in Stuttgart Architektur und Städtebau. Mit dem Diplom in der Tasche eröffnete er mit Kommilitonen ein Architekturbüro, das heute noch existiert. Für Wilfried Brückner, der seit 1975 das Stadtplanungsamt in Schwäbisch Hall leitete, wurde im Jahr 1981 die Stelle des Beigeordneten geschaffen, um ihn in Hall zu halten. Er pendelte an Wochenenden nach Stuttgart, wo seine Frau einen Familienbetrieb leitete. Brückner leidet unter einer vererbten Stoffwechselanomalie, unterzog sich einer fünffachen Bypass-Operation in München im Jahr 1985 und schied 1996 auf ärztlichen Rat aus dem Amt aus. Er lebt mit seiner Frau in Stuttgart in einem Haus, das er selbst entwarf.

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