Bühne „Der Blick von außen ist enorm wichtig“

Markanter Schauspielerkopf: Mario Gremlich tritt im Winter in der Haalhalle und im Sommer auf der Großen Treppe auf.
Markanter Schauspielerkopf: Mario Gremlich tritt im Winter in der Haalhalle und im Sommer auf der Großen Treppe auf. © Foto: René Löffler
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 21.03.2018

Oh ja – die Große Treppe sei ihm sehr wohl noch in Erinnerung, sagt Mario Gremlich. Vor 13 Jahren hatte der Schauspieler seine erste künstlerische Begegnung mit der steinernen Bühne vor St. Michael. Damals schlüpfte er bei den Freilichtspielen Hall in die Rolle des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“. Die prägendste Treppenerfahrung 2005? „Dass ich gleich bei der ersten Probe merkte: Da sind ja schon Zuschauer.“ Das habe er bis dahin nicht gekannt – „und seither auch nicht mehr gehabt“. Außerdem: „Ich habe großen Respekt vor diesem Bühnenboden“, sagt Gremlich. Konditionell habe man das zwar schnell drauf, „aber bei den Stufen muss man immer aufpassen“.

Bald wird Mario Gremlich auf dem Marktplatz wieder öffentlich proben: Im Sommer übernimmt der 51-Jährige die Rolle des Walther Fürst in Schillers „Wilhelm Tell“. Er freue sich darauf, im Mai mit zwei großen Koffern nach Hall zu kommen. Seine Erinnerungen an die Stadt „sind super“. Zwei Theatersommer hat der gebürtige Schweizer in der Siedersstadt verbracht: 2005 und 2007. Vor elf Jahren spielte er in Molières „Der Geizige“ im Globe-Theater mit. An Hall schätze er zum einen die Lebensqualität, erklärt der Künstler, zum anderen fühle sich vieles in der Stadt noch vertraut an.

„Gift“ hatte ein Jahr Spielpause

Dass Gremlich dieser Tage bereits im noch wenig sommerlichen Hall weilt, liegt an dem Zwei-Personen-Stück „Gift“ der holländischen Autorin Lot Vekemans. Gemeinsam mit seiner Schauspiel-Kollegin Silke Geertz hat er dieses Ehedrama bereits im März 2017 in der Haalhalle gezeigt. Nun steht es erneut auf dem Winterprogramm der Freilichtspiele. Nach fast einem Jahr Spielpause frischen Geertz und Gremlich „Gift“ wieder auf: „Wir holen es aus dem passiven ins aktive Gedächtnis“, erklärt der Schauspieler. Oftmals seien es nur Nuancen, etwa wie man ein Wort ausspricht, die man sich vergegenwärtigen muss. Für Mario Gremlich und Silke Geertz ist die Arbeit an „Gift“ etwas Besonderes. Am Anfang stand lediglich der Wunsch, ein Zwei-Personen-Stück zu erarbeiten. Gremlich hat sich durch allerhand Material gelesen – bis ihm ein befreundeter Dramaturg riet: „Mach’ doch ,Gift‘, das spielen sie überall“, erzählt Gremlich. Es ist die eindringliche Geschichte zweier Ex-Partner, die sich nach Jahren am Grab ihres Sohnes, der bei einem Unfall starb, wiedertreffen. Beim Lesen habe er sich gleich angesprochen gefühlt, weil es darin um ganz Wesentliches geht: Schmerz, Angst, Verlust, Trauer, Verzeihen und Nicht-Verzeihen-Können.

Spiel, Dramaturgie, Bühnenbild und ein Großteil der Regie übernahmen Gremlich und Geertz selbst. Wochenlang haben sie in Berlin, wo beide leben, daran gearbeitet. Dann brachten sie ihre Fassung nach Hall, um mit Freilichtspiele-Intendant Christian Doll als Regisseur an der Fertigstellung zu arbeiten. „Dieser Blick von außen ist enorm wichtig“, betont Gremlich.

Die Leidenschaft für seinen Beruf ist dem Schauspieler anzumerken. Dabei war ihm die Bühnenkunst keineswegs in die Wiege gelegt. „Mutter Wirtin, Vater Buchdrucker – da war nichts mit Kunst.“ Neben seinen kindlichen Berufswünschen Maurer  und Polizist habe er auch von der Schauspielerei geträumt, erzählt Gremlich. Vielleicht lag das an einem Lehrer, der häufig mit den Kindern Theater spielte.

Nach dem Abitur fasste Gremlich den Entschluss, es mit der Bühne zu versuchen. Die Aufnahmeprüfung an der Schauspielakademie Zürich klappte auf Anhieb, „und so nach zwei Jahren war ich mir auch wirklich sicher: Das ist es.“

Seither tritt Gremlich im ganzen deutschsprachigen Raum auf, spielt im Sommer unter freiem Himmel Theater – und ist nun voller Vorfreude auf Hall: „Wenn es auf der Treppe bei der Vorstellung langsam dunkel wird, dann verändert sich auch die Akustik: Alles wird zunehmend klarer – ein tolles Erlebnis.“

Info „Gift“ wird heute und morgen, Mittwoch und Donnerstag, jeweils um 19.30 Uhr in der Haalhalle gezeigt.

Schweizer Schauspieler mit Berliner Heimatbasis – im Sommer zu Gast in Hall

Mario Gremlich wurde im Oktober 1966 in Sirnach im schweizerischen Kanton Thurgau geboren. Aufgewachsen ist er im 1000-­
Seelen-Dorf Wigoltingen. Nach dem Abitur absolvierte er seine Schauspiel­aus­bildung an der Schauspiel­akademie Zürich. Nach ersten Jahren am Staatstheater Darmstadt und dem Theater Oberhausen begann er, frei zu arbeiten. Zwischenzeitlich war er auch Leiter des Theaters am Kirchplatz Schaan in Liechtenstein und machte erste Regiearbeiten. Sein Schauspielberuf führte ihn unter anderem ans Staatstheater Hannover, ans Theater Heilbronn und ans Theater Biel Solothurn. Auch bei den Gandersheimer Domfestspielen trat er auf. Vor 13 Jahren stand er erstmals in Schillers „Don Carlos“ auf der Großen Treppe in Hall. In der Spielzeit 2007 war er als Cléante in Mo­lières „Der Geizige“ im Haller Globe-Theater zu sehen. Im Sommer ist er nun erneut auf der Treppe zu erleben: als Walter Fürst in „Wilhelm Tell“ (Premiere am 9. Juni) sowie in der Uraufführung der musikalischen Revue „In der Bar zum Krokodil – Ab in die wilden 20er“ (ab 4. August). Mario Gremlich ist ver­heiratet und lebt in Berlin.