Schwäbisch Hall „Das Wunder von Bern“ zum Greifen nah

Peter Lohmeyer, bekannt unter anderem als Hauptdarsteller in „Das Wunder von Bern“, zündet in der Kunsthalle Würth ein akustisches Feuerwerk.
Peter Lohmeyer, bekannt unter anderem als Hauptdarsteller in „Das Wunder von Bern“, zündet in der Kunsthalle Würth ein akustisches Feuerwerk. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Ursula Richter 11.07.2018
Peter Lohmeyer liest in der Haller Kunsthalle Würth. Dabei zieht er alle stimmlichen Register.

Ich würde es Ihnen am liebsten ganz vorlesen“, sagt Peter Lohmeyer über F. C. Delius’ „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“. Sein Elan, eine variantenreiche, geschulte Stimme und das erprobte Schauspieltalent tragen die Veranstaltung. Lohmeyer spielte Richard Lubanski, den Vater des kleinen Bruno, im „Wunder von Bern“ von Sönke Wortmann. Mit der Kenntnis von Spiel und Film geht es in eine Lektüre, deren Protagonist ein elfjähriger Pfarrerssohn ist mit einem „verschuppten, verstotterten Leben“.

Minutiös werden die Leiden des Jungen in der Ich-Perspektive in Bilder gesetzt. Die lateinischen oder mathematischen Schrecken, das Stottern und Stocken, „wie schlecht und schwach ich in allem war“, das alles überragende Auge Gottes: „Zu viele Augen sahen auf mich herab.“

Lohmeyer liest verhalten, einfühlsam. Er hebt beide Hände bei der Schilderung des Gottesdienstes, des Vaterunsers, „als mir bei ‚die Kraft und die Herrlichkeit’ Fritz Walter und die deutschen Fußballer einfielen“. Eine magische Geste, begleitet von einer besonderen Intensität der Stimme.

Tonlage der 40er-Jahre

Beim Vortrag der damals sehnsüchtig erwarteten Radioübertragung gelingt Peter Lohmeyer ein richtiger Überraschungscoup. Herbert Zimmermanns Reportage „Hier sind alle Sender der Bundesrepublik Deutschland und Westberlins …“, seine Ausrufe, die Originalzitate liest er hinter vorgehaltener, gekrümmter linker Hand, die einen verblüffenden Schallraum erzeugt. Eher in der Tonlage der 40er-Jahre, deren Erbschaft allgegenwärtig ist. Es wird wirkliches Mitleiden erzeugt: „Sind die Ungarn zu stoppen?“ Und dann nach dem 2:0 die niederschmetternde Erkenntnis: „Wieder gehörte ich zu den Verlierern.“

Lohmeyer gestaltet ein akustisches Feuerwerk. Die Zuhörer kennen den Ausgang, sind gerührt von den Versuchen des Jungen, mit Daumendrücken und Gedanken den Spielverlauf zu beeinflussen, und fühlen nach, dass der „Fußballgott“ und das „Wunder“ aus dem Empfänger unter dem Kreuz im väterlichen Arbeitszimmer „eine Lästerung“ sind, die reinigend und befreiend wirkt. Er stottert nicht mehr, ihm gelingt es, „dem sonntäglichen Alarmzustand, dem Vaterkäfig“ zu entrinnen. Minutenlanger Beifall, fast „eine Jubelwelle“, belohnen den Lesemeister.

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