Schwäbisch Hall "Das ist der von Gerhards Marionetten"

SONJA ALEXA SCHMITZ 11.12.2015
Wird er von Freunden vorgestellt, dann heißt es: "Das ist der von Gerhards Marionetten." Tatsächlich gibt es nicht viel, was sonst noch Platz in seinem Leben hat. Warum auch, wenn man mag, was man macht? Mit Bildergalerie.

Die Bühne verdunkelt sich, es donnert, ein Blitz zischt auf, Doktor Faust erscheint. Blitz, Donner und Dunkelheit, dafür sorgt Nico Gerhards. Er sitzt in seinem Eckchen neben dem schwarzen Vorhang, hat einen alten Commodore-Computer vor sich. Auf dem schwarzen Bildschirm blinken weiße Buchstaben, die Tastatur ähnelt einer elektronischen Schreibmaschine. Irgendwann wird sie einmal ersetzt werden müssen.

Nico Gerhards hat hier, seit er ein kleiner Junge war, seinem Vater Wolfgang über die Schultern geschaut. Er hat alles von ihm gelernt, er weiß, wofür die aberwitzig vielen Knöpfe am Mischpult neben ihm sind. Natürlich kann er auch eine Marionette spielen, er weiß auch, wie sie gebaut wird, aber sein Bereich ist die Bühnentechnik. Er macht genau das, was sein Vater machte, bevor er sich vor einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hat.

Für das Marionettentheater kündigte Nico Gerhards seinen Job bei einer Haller Werbeagentur. Er hat Mediengestalter gelernt. Nicht ohne dabei an Gerhards Marionetten zu denken. Plakate und Drucksachen gestalten, eine Website erstellen, das dient alles dem Betrieb in einem Theater. So hat er also gerne seine Fähigkeiten ganz in die Anforderungen des familiären Unternehmens gesteckt.

An hundert Aufführungen im Jahr sitzt er an seinem Platz. Wenn er krank ist, fällt die Vorstellung aus. Abends sitzt er lange am Computer, beantwortet E-Mails und macht alles, was an Bürokratie anfällt. Urlaub gibt es nur in den vier Wochen im Sommer, wenn das Theater geschlossen ist. Dann fährt er mit seinen Eltern nach Dänemark. Dahin, wo es kein Telefon und kein Internet gibt.

Er ist in der Puppenwerkstatt groß geworden. Weil er gesehen hat, wie aus einem Holzklotz eine Figur wird, wie sie einfach nur dahängt, wenn sie nicht gespielt wird, hat er ein nüchternes Verhältnis zu den Marionetten. Keine Lieblingspuppe, nie war eine Marionette ein Stofftierersatz. "Es ist halt auch nur Holz, was sich bewegt", sagt er und lächelt.

Er führt durch die Werkstatt, stellt Mio ("Mein Mio") vor, den gestiefelten Kater, Faust, den kleinen Muck. Er erzählt die Geschichte von Zauberrat Beelzebub Irrwitzer und seiner Tante, der Geldhexe Tyrannia, und er spricht "Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch" aus, ohne sich zu verhaspeln.

In einer Vitrine sind wunderbar geschnitzte Köpfe ausgestellt. Die hat sein Großvater Fritz Gerhards angefertigt. Enkel und Opa haben sich nicht mehr kennengelernt, zu früh ist der Gründer des Marionettentheaters gestorben. In jedem Wort, das der Enkel spricht, steckt Stolz. "Es gibt nur noch eine Handvoll solcher Bühnen", sagt er. "Wir sind seit 90 Jahren ein Familienunternehmen." Weg wollte Nico Gerhards noch nie. Es gab einmal eine Zeit, da war er viel auf Festivals elektronischer Musik in anderen deutschen Städten. Keine reizte ihn. "Hall ist eine tolle Stadt."

Info Ab heute, Freitag, ist im Haller Rathaus die Sonderausstellung "90 Jahre Gerhards Marionettentheater" zu sehen. Öffnungszeiten: von Freitag, 11. Dezember, bis Sonntag, 13. Dezember, täglich von 10 bis 19 Uhr.

Zur Person

Nico Gerhards ist 28 Jahre alt. Er begann eine Ausbildung zum Mediengestalter in Ilshofen und beendete sie dann bei der Firma Staneck in Hessental. Seit das Privattheater 2008 in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt wurde, ist Nico Gerhards zweiter Vorsitzender.