Strukturwandel „Das gibt es bei uns nimmer“

Maya Peters 12.01.2018
Reine Fachgeschäfte sind selten geworden. Ein Besuch bei Kübler Haushaltswaren in Mainhardt und bei Haushaltswaren Kachel in Schwäbisch Hall.

Pfannen und große Kochtöpfe gehen im Dezember eigentlich immer“, schmunzelt Renate Fischer und guckt Anfang des Jahres auf das entsprechende Hängeregal in ihrem Laden an der Hauptstraße. Sie führt in Mainhardt ein Traditionsgeschäft: Geschenk- und Haushaltswaren Kübler, vom Urgroßvater 1876 als Ergänzung zur Flaschnerei gegründet und seit 140 Jahren immer von den Frauen der Familie für das Zweiteinkommen betrieben. Da kommt ein älteres Ehepaar mit einen Schnellkochtopfdeckel herein, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Flugs tauscht sie Ventil und Gummi. „Jetzt funktioniert er wieder wie am ersten Tag“, meint Renate Fischer lächelnd.

Auch bei Kachel in Hall gehören Ersatzteile zum Service dazu, selbst Messer werden geschliffen. „Man kann meistens noch weiterhelfen“, bestätigt Marc Brändle. Erst im August 2017 hat der 47-Jährige das vor 150 Jahren von Friedrich Groß und Söhne – später ging aus ihnen Elektrokleingeräte Grossag hervor – gegründete Fachgeschäft übernommen, das Namensgeber Gustav Kachel 1818 kaufte. Wo es bis vor 40 Jahren noch landwirtschaftliche Geräte, Eisenwaren und Gartenmöbel gab, findet man nun eine Konzentration auf Porzellan und Hausrat, reduziert auf 300 Quadratmeter Verkaufsfläche.

„Dass wir ein selten gewordenes Fachgeschäft sind, merkt man an den Reaktionen der Touristen“, erzählt Brändle, der seit 25 Jahren im Geschäft ist. „Das gibt es bei uns nimmer!“, höre er in der Saison mehrfach täglich. Oft erhalte er auch Bestellungen – an diesem Tag erst habe er einen Wasserkocher an einen bayrischen Kunden geschickt.

Kunden kommen von weit her

Das kann auch Renate Fischer bestätigen. So mancher nehme einen weiten Weg auf sich, um zu ihr zu kommen. Aus Wüstenrot, Großerlach und Mainhardt sei aber der Großteil ihrer Kundschaft. „Bei uns im Fachgeschäft gibt es Beratung und Qualität“, betont sie. Es ist bei ihr stellenweise eng zwischen Gläsern, Tassen, Tellern, Nippes, Schüsseln, Besteck, Backformen und unzähligen nützlichen Kleinteilen bis hin zu Körben. Fischer findet das Gewünschte im Handumdrehen. Neue Ware kommt über den Einkaufsverband, dem sie seit Jahrzehnten angehört. „Heutzutage würden sie meinen kleinen Laden wohl nicht mehr nehmen“, vermutet sie.

Brändle kauft meist nach Messebesuchen direkt bei den Herstellern ein. „Wir sind freie Fachhändler und treffen für unsere Kunden nach bestem Wissen und Gewissen eine Vorauswahl für das Sortiment“, erläutert er und wird vom Telefonklingeln unterbrochen. Eine Kundin verlangt nach einer Porzellanserie. „Das müssten wir alles dahaben“, verbindet Brändle sie in die Fachabteilung. An diesem Tag sind drei weitere Kollegen im Verkaufsteam. „Das brauchen wir bei unserer Größe“, unterstreicht er den Anspruch an eine gute Beratung.

Hochzeitstische kaum gefragt

Früher waren Hochzeitstische wichtige Geschäftsbausteine. Diese würden immer seltener verlangt. „Heute wird eher Geld verschenkt“, meint Fischer. Das bestätigt auch Brändle. Den Treppenaufgang im hinteren Ladenteil von Kübler Haushaltswaren zieren noch die Dankeskarten etlicher Brautpaare – ein Relikt fast vergangener Zeiten. Genauso wie die Funktion des Ladens als Kommunikationszentrum in Mainhardt. „Hier wird geschwätzt, das gibt es im Supermarkt nicht“, lächelt Fischer.

Haushaltswaren Kübler ist in der 6000-Einwohner-Gemeinde mehr als nur ein Fachgeschäft, hier bekommt man Eintrittskarten, kann für das Mineralfreibad spenden oder Mainhardter Geschichtsbücher kaufen. Renate Fischer hängt an dem Laden – weshalb sie mit 67 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denkt. Nachfolger gebe es nicht aus der Familie, zwei Aushilfen unterstützen sie.

Einmachgläser auch im Frühjahr

Da sich die Frequenz der Lieferungen drastisch erhöht habe, könne man das Lager kleiner halten als früher, berichtet Marc Brändle. Ein Service im Fachgeschäft seien Sonderbestellungen. „Wir fahren auch gratis Ihre Waren im Stadtgebiet aus“, betont er. „Bei mir kann man das ganze Jahr über Einmachgläser bekommen“, ergänzt Fischer. Im Supermarkt sei das nur Saisonware.

Oft entscheidet der Kunde über den Fortbestand eines Fachgeschäfts

Der Strukturwandel beschleunigt sich. Während die Umsätze im Onlinehandel wachsen, sterben innerstädtische Fachgeschäfte langsam aus. Das breit und tief gegliederte Sortiment, Beratung, Sonderbestellungen und Service zeichnen diese Läden aus. Da die Menschen immer mehr im Internet bestellten oder bei großen Märkten mit Parkplätzen direkt vor der Tür einkauften, sei der Handel schwieriger geworden, sind sich beide Fachgeschäftsinhaber einig. „Wir haben eine geringere Frequenz als früher, aber feste Stammkunden“, macht Brändle deutlich.

Dennoch sei der allgemeine Anspruch an das Ladensortiment gestiegen. Zwar heißt es oft: „Oh, schon wieder schließt ein schönes Geschäft.“ Letztlich jedoch entscheide der Kunde, ob er die Läden im Ort durch sein Kaufverhalten unterstützt. Viele Spezialisten müssen schließen, weil das Geschäft keinen Nachfolger findet. So geschehen 2008 in Schwäbisch Hall bei Haushaltswaren Häfele am Haalplatz, dem zweiten Spezialisten vor Ort. „Früher gab es in Mainhardt drei kleine Haushaltswarenläden“, erinnert sich Fischer. Übrig blieb ihrer.

In Gaildorf oder Obersontheim gibt es bereits keine reinen Haushaltswarengeschäfte mehr. In Künzelsau führt Häussermann noch sein Sortiment in der Stadt. Hingegen sind Ebert in Crailsheim und Grabert in Öhringen Branchenriesen – angesiedelt in den industriellen Randzonen. may